Freudenthal-Gesellschaft erinnert mit Bronzeplatte an ein historisches Verbrechen

Gedenken an einen Raubmord

Am Gedenkstein in der Nähe der Wümme bei Otter mit der „Mordeiche“ (v.l.): Alfred Nottorf, Stemmen, Pastor Heinrich Kröger, Soltau, und Bürgermeister Herbert Busch. - Foto: Bonath

Otter/Fintel - Von Wieland Bonath. Heidedichter Friedrich Freudenthal (1849-1929) aus Fintel ist es zu verdanken, dass der Raubmord an der Wümme in der Nähe von Otter (Kreis Harburg), nur etwa drei Kilometer von der Rotenburger Kreisgrenze entfernt, nach 137 Jahren nicht vergessen ist. Am Tatort neben der Kreisstraße 41 von Königsmoor nach Otter wurde ein Jahr nach dem Verbrechen die „Mordeiche“ gepflanzt, jetzt erinnert ein Gedenkstein mit einer Bronzeplatte an die heimtückische Tat, die die Menschen damals aus ihrer stillen Ruhe riss.

„Am 4. Dezember 1878“, heißt es auf dem Gedenkstein, „wurde an dieser Stelle der Viehhändler und Häusling Friedrich Renken aus Osterwede auf dem Rückweg von Harburg aus dem Hinterhalt erschossen und seines Geldes beraubt.“ Und weiter: „Als Täter wurde der Schlachter Heinrich Cohrs aus Otter überführt. Durch den Tod des Ernährers kamen die Hinterbliebenen in bittere Not; all ihr Habe wurde versteigert. Der Mörder lebte nach 30-jähriger Haftstrafe in Otter ohne Reue zu zeigen. Zum Gedenken an die Tat pflanzte der Gastwirt Christoph Brockmann 1879 hier eine Eiche.“

In seinen „Späten Geschichten“, veröffentlicht von der Freudenthal-Gesellschaft und bearbeitet von dem Soltauer Pastor Heinrich Kröger, hat der Finteler Heidedichter Freudenthal unter dem Titel „Wie es kam, dass ich einmal einem Raubmörder kameradschaftlich die Hand drückte“ den Raubmord, die Aufklärung der Tat und das weitere Leben des überführten Mörders akribisch recherchiert.

Freudenthal schreibt unter anderem: „Im November 1878, an einem trüben nebeligen Tage, verbreitete sich in den umliegenden Dörfern mit großer Schnelligkeit die schreckliche Kunde, dass auf dem Damme, der in der Nähe des Dorfes O. Durch die Wümmewiesen führt, der beklagte Viehhändler Friedrich R. aus O. ermordet und beraubt aufgefunden worden sei. Anscheinend sei der alte Mann durch einen Schuss getötet worden. Diese Nachricht erregte überall die größte Aufregung.“

Der Hartnäckigkeit eines Gendarmen, der mit der Aufklärung betraut worden war, war es zu verdanken, dass der Täter nach kurzer Zeit in der Dorfgaststätte von Otter dingfest gemacht wurde. Der Polizist: „Ein Vorderladergewehr wird bekanntlich mit zwei Stopfen geladen; es sind dies Stücke Papier von etwa Handgröße, die man zu kleinen Bällchen zusammenrollt. Eins davon wird mit dem Ladestock fest auf das Pulver gestampft, und das andere kommt auf die Schrote, um dies zusammenzuhalten. Beim Abfeuern geht das Papier natürlich in Fetzen, aber es kann nicht verschwinden.“

Genau diese Tatsache sollte den Täter schließlich überführen. Der Gendarm setzte die vielen Papierfetzen zusammen, bis er schließlich den Vornamen „Heinrich“ und den Zunamen „Cohrs“ fast vollständig zusammengefügt hatte. Beides stand als Adresse auf einem Briefumschlag, beides sollten die „Schlüssel“ sein, um den Schlachter zum Angeklagten zu machen.

Heinrich Cohrs wurde vom Schwurgericht Lüneburg zum Tode verurteilt, später von Kaiser Wilhelm zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt und nach 29 Jahren endgültig begnadigt.

Ein Leben, als sei nichts geschehen

Der gelernte Hausschlachter lebte nach seiner Haftentlassung weiter in Otter, seine Frau trennte sich von ihm, er arbeitete künftig als Schneider. Cohrs trank in dem Gasthaus seiner Heimatgemeinde regelmäßig weiter sein Bier, beteiligte sich an Dorffesten und Unterhaltungen. So, als wäre nichts geschehen. Dabei hatte sich das Dorf dagegen gewehrt, ihn wieder in die Gemeinschaft aufzunehmen. Was auch immer die Gründe gewesen sein mochten – Resozialisierung oder mögliche Angst vor dem immer noch kräftigen ehemaligen Schlachter – erwartet hätten die Bürger von Otter, dass sich Cohrs, so Friedrich Freudenthal, „nach seiner Rückkehr aus dem Zuchthause von Anfang an so benommen hätte, wie es dem Empfinden jedes rechtlichen und gewissenhaften Menschen entsprach“.

Friedrich Freudenthal erzählt schließlich von einem zufälligen Zusammentreffen mit Cohrs im Tostedter Bahnhof, von gemeinsamen Kriegserlebnissen und schreibt: „Als ich zur Tür hinausgehen wollte, streckte der Schneider C. auch mir die Hand entgegen. Ich zauderte einen Augenblick – dann ergriff ich die dargebotene Rechte des C., jedoch bei dem Druck dachte ich unwillkürlich: ,Das ist die Mörderhand! Der Zeigefinger, der den Abzug am Schlosse rückte. So dass der Hahn niederschlug und der Schuss dem armen R. An jenem nebeligen Morgen an der Wümme das Gesicht zerschmetterte!’ Doch der Mörder war auch einst im Kriege von 1870 mein Kamerad. So kam es, ohne dass ich es wollte, dass ich einem Raubmörder kameradschaftlich die Hand drückte.“

Dieser Dienstag im Frühjahr 2016 ist ähnlich grau wie jener 4. Dezember 1878, als hier in Sichtweite der kleinen Gemeinde Otter der Viehhändler Friedrich Renken aus Osterwede (zwischen Insel und Fintel) ermordet wurde. An der jetzt eingeweihten Gedenkstätte mit der Bronzeplatte auf dem Findling: Otters Bürgermeister Herbert Busch (74), bis vor 13 Jahren Bediensteter des Landkreises Rotenburg im Rechnungsprüfungsamt, Alfred Nottorf (77), Stemmen, ehemaliger Leiter des Amtes für Naturschutz des Wümmekreises, langjähriger ehemaliger Geschäftsführer und später 2. Vorsitzender der Freudenthal-Gesellschaft und Pastor Heinrich Kröger (83), Soltau, plattdeutscher Autor und bis vor wenigen Jahren Vorsitzender der Freudenthal-Gesellschaft.

Bürgermeister Busch: „Wir wollen den Natur- und Erholungsaspekt herausstellen und fördern. Gleichzeitig wollen wir auf die Schönheiten und die Vorzüge des Naturschutzgebietes Obere Wümmeniederung hinweisen. 40 Prozent des Gemeindegebietes stehen unter Natur- beziehungsweise Landschaftsschutz. Das, was wir nicht möchten, ist Massentourismus.“

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