Gedämpfte Vorfreude

Abschlussschüler der Lauenbrücker Fintauschule blicken Prüfungen entgegen

Im neuen Outdoor-Klassenzimmer: Angelina Roth (v.l.), Luca Ulrich, Sara Kramer, Sebastian Böttcher und Jonas Schulz machen im Mai an der Fintauschule ihren Abschluss.
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Im neuen Outdoor-Klassenzimmer: Angelina Roth (v.l.), Luca Ulrich, Sara Kramer, Sebastian Böttcher und Jonas Schulz machen im Mai an der Fintauschule ihren Abschluss.

Lauenbrück –„Nur Schule wäre schöner“, sagt Jonas Schulz. Wenige Wochen lang besucht der 15-jährige Vahlder noch die Fintauschule. Im Mai macht er dort seinen Abschluss, im Sommer beginnt er seine Tischlerlehre. Eine normale Abschlussfeier, ganz ohne Hygieneregeln und abgespecktem Programm, die wird es sicher auch dieses Mal nicht geben.

Aber was war schon normal in den vergangenen zwölf Monaten an der Lauenbrücker Oberschule, in denen die Kinder und Jugendlichen im sogenannten Szenario B in geteilten Klassen zwischen Präsenz- und Onlineunterricht hin- und herwechseln mussten, und das bis heute noch müssen? „Der Wechselunterricht in Halbgruppen ist schon ein bisschen nervig“, meint der junge Mann. Nicht, dass er sich inhaltlich beim Lernstoff abgehängt fühlen würde – das habe technisch bisher immer alles wunderbar geklappt –, Schulz sieht für sich eher in der sozialen Komponente das Problem: „Ich bin gerne unter Leuten, der ständige, direkte Kontakt zu meinen Freunden fehlt mir.“

Jogginghose bleibt im Schrank

Einen Tag geht er weiterhin regulär zur Schule, den nächsten bleibt er zu Hause, im „Homeoffice“, um am übernächsten Tag wieder in der Schule zu sein. Und so setzt sich das Ganze fort – bis zu den Prüfungen im Frühjahr. Nicht nur für ihn, auch Sebastian Böttcher (18) aus Stemmen, Sara Kramer (18) aus Lauenbrück, Luca Ulrich (14) aus Fintel und Angelina Roth (14 ) aus Scheeßel, früher Helvesiek, machen demnächst ihre Abschlüsse. Letztere zwei dürfen wegen der überschaubaren Größe ihrer Klasse sogar jeden Tag die Schulbank drücken. Und darüber, sagen sie, seien sie auch ganz froh. „Die Jogginghose bleibt bei mir jedenfalls im Schrank“, meint Angelina Roth, die später mal bei der Polizei arbeiten möchte.

„Wer hätte einmal gedacht zu hören, dass Schule schöner ist als zu Hause?“, stellt Rektor Frank Lehmann die Frage in den Raum. Er jedenfalls nicht. Seit Corona sei seine Bildungsstätte eher geräuschlos unterwegs gewesen. „Bei uns gab es auch nicht solche Startschwierigkeiten, wie sie zig andere Schulen hatten.“ Digital stünde die Fintauschule jedenfalls hervorragend dar, da habe der Unterricht über die Lernplattform „iServ“ und den Videokonferenz-Dienst Zoom von Anfang an tatsächlich reibungslos funktioniert. „Theoretisch könnten die Abschlussjahrgänge sogar jetzt schon ihre Prüfungen schreiben, weil sie mit dem Lernstoff weitestgehend durch sind“, sagt Lehmann.

Es läuft besser als in Brandenburg

Böttcher kann dies nur bestätigen. Gearbeitet habe er daheim, wie die meisten seiner Mitstreiter auch, mit dem „Dienst-iPad“. Das Tablet wird den Schülern ab Klasse acht bereits seit einigen Jahren zur Verfügung gestellt – kostenfrei. Mit Beginn des neuen Schuljahres sollen bereits die Sechst- und Siebtklässler ein solches Gerät erhalten. „So wussten wir schon, wie wir damit durchkommen“, berichtet der 18-Jährige. Ein wenig Mitleid empfinde er für eine Freundin, die in Brandenburg eine internationale Schule besuchen würde und wie er auch in einer Abschlussklasse sei: „Die ist total abgehängt, digital geht da gar nichts – da haben wir es als Dorfschule hier echt besser.“

Bis ganz nach Brandenburg muss Schulz gar nicht erst blicken. „Ich kenne ein paar Leute an der KGS in Schneverdingen, die haben keine wirklichen Geräte, wo sie drauf arbeiten können – die nehmen zumeist ihr eigenes Handy.“

Dass sich der schulische Ausnahmestatus derart lange hinziehen würde, das hätten er und sein Kollegium sich beim Eintritt in den ersten Lockdown noch nicht ausmalen wollen, sagt Lehmann. Jetzt habe man es schon mit dem zweiten „Corona-Abschlussjahrgang“ zu tun. „Zugute ist uns sicher gekommen, dass wir beim Lernstoff inhaltlich gleich aufs Tempo gedrückt haben, weil wir schon vor Augen hatten, dass noch was kommt und die Zeit knapp wird.“ So habe der Unterricht auch daheim nach Plan stattgefunden: „Die Schüler bekamen nicht nur Aufgaben gestellt, sondern die Fächer wurden voll bedient – man war und ist also voll gefordert.“ Dabei sei man mit dem in einigen Ländern längst etablierten Modell, dass Lehrer ihren Unterricht live streamen, der Rektor nennt Kanada und Australien als Beispiele, sogar noch einen Schritt weitergegangen: „So wird er in der einen Teilgruppe gefilmt, während die andere über Zoom zeitgleich dabei ist“, schildert er das Prozedere. Gerade bei der Einführung eines neuen Stoffs habe sich ein solches Verfahren, mit dem man sich zu Anfang an seiner Schule zugegebenermaßen noch recht schwergetan habe, als nützlich erwiesen – das Üben und Vertiefen funktioniere dann später auch ohne Live-Stream.

Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten

Solche Wege erfordern selbstredend eine Top-Ausstattung. Und über die verfüge die Fintauschule allemal, betont Lehmann. „Dennoch sind wir schon auf der Suche nach neuen Möglichkeiten.“ So plane man im Zuge des Digitalpaktes, Fernseh-Displays im Klassenraum aufzuhängen, die das Signal statt über das Smartphone auch gleich direkt ins Internet transportieren würden, sodass man sich komplett virtuell darstellen könne.

Bis es soweit ist, werden Schulz und seine Weggefährten aus den Jahrgängen neun und zehn aber nicht mehr an der Fintauschule sein. Ob sie sich auf ihren Abschluss freuen? „Es ist halt schwierig, weil wir ohne Corona ja zum Beispiel auch feiern gegangen wären – das dürfen wir nun aber leider nicht“, meint der Vahlder. Auch eine eigentlich als Krönung geplante Fahrt, finanziert aus der gut gefüllten Klassenkasse, müsse nun wohl oder übel ins Wasser fallen. „Aber was will man machen – wir können das Virus ja nicht einfach so schnell wegimpfen“, sagt Schulz, der auch Mitschüler um sich weiß, die das Pauken von zu Hause aus gar nicht mal so schlecht finden. „Ich zum Beispiel mache schon die ersten Aufgaben, wenn ich dabei noch in Ruhe frühstücke“, berichtet Böttcher. Auch könne er morgens nun alle zwei Tage etwas länger schlafen. Bei Kramer läuft es im „Homeoffice“ so: „Wenn ich eine Zoom-Konferenz habe, muss meine Mutter den Staubsauger ausschalten.“

„Motivation zeigen ist wichtig“

Abgehängt fühlt sich in Vorbereitung auf den Abschluss keiner der Schüler – im Gegenteil. „Motivation zeigen, das ist jetzt extrem wichtig“, meint Angelina Roth. Dennoch, weiß Lehmann, habe der Wechselunterricht auf Dauer durchaus seine Schattenseiten. Das merke er an der Lethargie, die einige seiner Schüler, gerade solche, die mitten in der Pubertät stecken, inzwischen an den Tag legen würden. „Die machen nur noch das Mindeste.“ So bedürfe es viel mehr Energie als noch im ersten Lockdown, diese Jugendlichen bei der Stange zu halten. „Bei uns gelingt das noch sehr gut – ich weiß aber von ganz vielen anderen Schulen, dass dort viele Schüler komplett abtauchen.“ Das Thema Online-Spielsucht, ist er überzeugt, werde in diesem Zusammenhang wohl in Zukunft noch eine Rolle spielen.

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