Der gebürtige Brasilianer Valdo Wahlbrinck über sein Leben im beschaulichen Stemmen

„Ich fühle mich hier wohl“

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Anja und Valdo Wahlbrinck mit den Söhnen Tim (l.) und Tom.

Stemmen - Von Hannelore Rutzen. Ein Leben zwischen Deutschland und seiner Heimat Brasilien – lange war Valdo Wahlbrinck hin- und hergerissen. Heute lebt der zweifache Familienvater mit seiner Frau Anja in Stemmen, ist dort sesshaft geworden, geht einer geregelten Arbeit nach. Genauso wie sieben weitere Familien mit brasilianischen Wurzeln. Sogar im Schützenverein ist der Mann mit dem südamerikanischen Temperament aktiv. Im Interview spricht Wahlbrinck über seinen langen Weg zur Selbstfindung.

Herr Wahlbrinck, sind Sie nun eine deutscher Brasilianer oder eher ein brasilianischer Deutscher?

Valdo Wahlbrinck: Ich denke, von beidem ein bisschen – meine brasilianische Staatsangehörigkeit möchte ich nicht aufgeben und die deutsche nicht unbedingt beantragen. So etwas ist ja auch mit viel Bürokratie verbunden. Ich kann hier unbefristet bleiben und arbeiten, das reicht mir. Ich fühle mich in Stemmen, wo ich mit meiner Familie lebe, zu Hause. Meine Heimat aber ist Brasilien, wo ich mit meinen Eltern und Geschwistern aufgewachsen bin.

Wie kam es dazu, dass Sie nach Deutschland gekommen sind?

Wahlbrinck: Das ist eine interessante Frage. Ich bin im Landkreis Erstell im Bezirk Rio Grande do Sul aufgewachsen. Meine Eltern sind deutschstämmige Nachfahren von Einwanderern, die 1864 aus Osnabrück in den Süden des Landes einwanderten. Wie alle anderen drückte ich in Brasilien fleißig die Schulbank und hörte dann von der Möglichkeit, in Deutschland in der Landwirtschaft zu arbeiten. Zwischen 1968 und 1972 gab es über staatliche Behörden solch eine Möglichkeit, danach schlief das wieder ein und wurde aufgegeben. Ein paar unserer Leute nahmen das wahr. 1990 lebte es wieder auf, auch in Stemmen. Ich erinnere mich, dass die Landwirte Wahlers, Hentschel und Müller in Stemmen sich damals der Sache privat annahmen. Ich war Feuer und Flamme und wollte unbedingt in Deutschland etwas lernen, um vielleicht einmal den Bauernhof meiner Familie in Brasilien zu übernehmen.

Was sagten denn Ihre Eltern dazu?

Wahlbrinck: Mein Vater sagte: „Junge, überlege es dir. Aber wenn du unbedingt willst, dann tu das. Die Landwirtschaft dort ist weiter entwickelt, sieh dich um und stiehl mit den Augen, mit dem Kopf so viel wie möglich.“ Ehrlich gesagt war ich erleichtert, dass er kein großes Theater machte. 1993 kam ich auf den Hof von Hinrich Müller. Nach einem Jahr in den Schweinemastbetrieb von Ludger Brinker nach Hassel, wo ich mit gutem Erfolg meine Ausbildung beendete. Ich gehörte sogar mit zu den Besten meines Jahrgangs. Man lud mich zum einjährigen Besuch der landwirtschaftlichen Fachschule ein. Dann war ich staatlich geprüfter Landwirt. Stolz kehrte ich nach Brasilien zurück – nach drei Jahren, in denen ich am Stück in Deutschland lebte.

Wie beeinflusste diese Rückkehr Ihr Leben?

Wahlbrinck: Ich baute den Betrieb in Brasilien auf 50 Milchkühe aus und gestaltete viele Dinge effizienter. Nur Anja ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatte ich in Deutschland auf dem Sportplatz und durch bereits bestehende Freundschaften zu anderen Brasilianern kennen- und lieben gelernt. Anja, aufgeschlossen wie sie ist, begleitete 1994 eine brasilianische Freundin, die ihre Ausbildung in Deutschland beendet hatte, zurück in ihre Heimat. Ich sagte ihr zu, dass sie unser Auto vom Hof der Eltern nutzen dürfe, um mit der Freundin eine Rundreise durch Brasilien zu machen. Ich weiß, es war gewagt, aber so stellte sie sich gleichzeitig bei meinen Eltern vor (lacht). Sechs Wochen blieb sie und ich war ohne sie – das war schon hart. 1996 sind wir beide nach Brasilien geflogen und blieben eine Weile dort – Anja nur für den Urlaub, ich ein halbes Jahr. Ich muss sagen, ich genoss es, zu Hause zu sein. Dann kam ich auch zurück nach Deutschland. Es war ein Wechselbad der Gefühle, das können Sie mir glauben! 1997 haben wir geheiratet. Ich sagte, ich würde bleiben, wenn ich einen Job hätte. Mein ehemaliger Chef in Hassel nahm mich sofort wieder bei sich auf. Bis 2000 habe ich dort gearbeitet. Dann packte uns beide die Lust, in Brasilien zu leben. Ich ließ Anja aber immer die Möglichkeit offen, wenn es ihr nicht zusagte, zurückzukehren.

Also, was haben Sie gemacht?

Wahlbrinck: Unser Sohn Tim wurde geboren. Mit ihm zogen wir nach Linha Geraldo, das Dorf meiner Eltern. Anja konnte das alles mitmachen, sie war in der Elternzeit und brauchte um ihren Arbeitsplatz nicht bangen. Das Haus meiner Eltern war zu klein. Wir bauten mit Hilfe von Anjas Vater, der Maurer ist, ein neues Haus. Alle aus der Familie halfen mit. 2003 kam Tom, unser zweiter Sohn, dazu. Anjas Elternzeit verlängerte sich. In der Zwischenzeit besuchten wir Anjas Eltern. Anja entdeckte wieder das angenehme Leben in Deutschland. Sie entschied, Brasilien den Rücken zu kehren. Vor zehn Jahren sind wir dann nach Deutschland in den Urlaub geflogen. Ich besuchte meinen Chef und sprach mit ihm. Er plante eine Biogasanlage als zweites Standbein und suchte Unterstützung. Er sagte zu, dass ich wieder bei ihm arbeiten könne. Inzwischen waren natürlich meine Eltern hier zu Besuch und genossen das für sie doch fremde Leben und auch Anjas Eltern waren des Öfteren in Brasilien. Dieses Mal ließen wir alle Sachen in Brasilien. Anjas Eltern hatten für uns eine Wohnung gemietet, Second-Hand-Möbel als Grundausstattung gekauft. Ein Jahr später zogen wir dann um.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?

Wahlbrinck: Den Hof in Brasilien hat mein Bruder übernommen. Er hat sich auf Schweinemast spezialisiert. Da kann und konnte ich ihm ja gute Tipps geben. Unser Haus bewohnt meine Schwester. Wenn wir nach Brasilien kommen, haben unsere Jungs immer Spielgefährten und Freunde. Tim, der Große, will übrigens Landwirt werden. Ich fühle mich hier wohl und denke, der Rest der Familie auch. Wie sich die Jungen später entscheiden, das muss man abwarten. Ich hab mir hier ein zweites Standbein aufgebaut. Anja und ich betreiben einen Catering-Service und bereiten brasilianischem Spießbraten „Valdos Churrasco“ zu. Das kann ich empfehlen.

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