MEIN BUCH UND ICH Hans-Günther Beuck widmet sich dem Tister Bauernmoor

Geballtes Wissen für die Hosentasche

Das Taschenbuch über das Moor ist ganz nach Hans-Günther Beucks Geschmack. Das Bild mit den Kranichen im Hintergrund hat der Helvesieker selbst gemalt.
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Das Taschenbuch über das Moor ist ganz nach Hans-Günther Beucks Geschmack. Das Bild mit den Kranichen im Hintergrund hat der Helvesieker selbst gemalt.
  • Lars Warnecke
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Helvesiek – Moore, das sind karge Landschaften voller Mythen und Geheimnisse, zwischen Erde und Wasser, zwischen fest und flüssig. Im Moor treibt es schaurige Gestalten um. Irrlichter locken. In der Literatur haben die Feuchtgebiete einen festen Platz – man denke nur an Arthur Conan Doyles berühmten Roman „Der Hund von Baskerville“ über das südenglische Dartmoor. Auch Hans-Günther Beuck (78) hat den Schmöker gelesen. Doch während in der fiktionalen Literatur das Moor oft nur als bloße Kulisse dient, hat der Helvesieker „sein“ Hochmoor, das Tister Bauernmoor, selbst zum Protagonisten gemacht. Nicht verklärt oder gar romantisiert, sondern auf sachliche wie unterhaltsame Weise – in einem Exkursionsführer für die Hosentasche, der die unterschiedlichen Facetten dieser rund 570 Hektar großen Sumpflandschaft nahe der namensgebenden Ortschaft Tiste auf 158 Seiten vereint.

„Ich würde schon sagen, dass das Moor zu meiner zweiten Heimat geworden ist“, sagt der ehemalige Realschullehrer. Woher die Faszination herrühre? „Als Kind bin ich in den Ferien immer auf einem Bauernhof in Wietzendorf gewesen, wo es ein Moor gibt, in dem damals noch Torf gestochen wurde.“ Er selbst habe die Soden noch als kleiner Knirps Ringeln dürfen, wie das Zusammensetzen der Rundhaufen genannt wird. Während seines Pädagogikstudiums in Lüneburg – Biologie und Geografie zählten für einen naturverbundenen Menschen wie Beuck folgerichtig zu den Schwerpunkten – sollte ihn die Vergangenheit wieder einholen: Zu Forschungszwecken begab sich der gebürtige Soltauer in den Semesterferien fünf Wochen lang in die urwüchsigen Gefilde des Duvenstedter Brook bei Hamburg, wo er unter anderem Pflanzen kartierte. „Als ich später nach Helvesiek kam, ich war schon in der Jägerschaft Rotenburg und beim Hegering Lauenbrück als Naturschutzbeauftragter aktiv, bot mir Jürgen Cassier, der Leiter der Kreis-Naturschutzbehörde, an, gemeinsam mit einem Zevener Kollegen eine Jagd bei Tiste zu pachten – das haben wir auch gemacht“, erinnert sich Beuck und zieht genüsslich an seiner Pfeife.

Sechs Jahre lang habe das Gespann so im Bauernmoor gejagt – da es ein Naturschutzgebiet ist, allerdings eingeschränkt. „Ich sollte die Wildschweine, Füchse und Marderhunde kurzhalten, weil dort ja auch die Kraniche brüten.“ Ganz nebenbei habe er das Moor bei seinen nächtlichen oder frühmorgendlichen Streifzügen so sehr in sein Herz geschlossen, dass er begann, seine Naturerlebnisse aufzuschreiben – auch, weil Cassier ihn dazu ermuntert habe. Immer intensiver sei er in die Landschaft und ihrer Kultur eingetaucht, habe Zeitzeugen befragt, wie die den aktiven Torfabbau noch erlebt hätten und sei bei seinen Recherchen, für die ihm das Kreishausarchiv stets offengestanden habe, auch auf so manch interessante Randnotiz gestoßen, die ihn zu weiteren Nachforschungen verleitete. Wie die von einem Paketfund, der im Zusammenhang mit den letzten Weltkriegsmonaten steht. „Da haben amerikanische und englische Flugzeuge Papiere abgeworfen, deren Inhalte die Leute demoralisieren sollten“, berichtet der Helvesieker. An anderer Stelle habe er herausgefunden, dass unter dem Moor – Beuck nennt es eine „Insel der Vorzeit“, an der man eine ganze Menge studieren könne – noch ein zweites liegt. „Ja und sogar eine Moorleiche ist dort mal gefunden worden.“

Schlussendlich hätten seine Aufzeichnungen mehrere Aktenordner gefüllt – was Cassier, den inzwischen pensionieren Behördenleiter, Anfang der 2000er-Jahre zu der Frage verleiten sollte, ob der „Moor-Kenner“ nicht ein Buch, dass sich in einer Serie anderer kreiseigener Publikationen eingereiht hätte, veröffentlichen wolle. Beuck wollte – nur nicht in dem Format, wie Cassier es wollte. „Mein Ansinnen war es, daraus ein kleines handliches Büchlein zu machen – einen Naturführer und ein Geschichtsbuch in einem, und zwar zu einem geringen Kaufpreis.“ Da der Behördenleiter ihm gegenüber aber die Befürchtung geäußert habe, das Moor würde so nur unnötig Touristenströme anlocken, habe das Projekt zunächst lange Zeit auf Eis gelegen. „Ich dachte erst, meine ganze Arbeit sei umsonst gewesen – dabei habe ich ein Taschenbuch doch so gerne unter die Leute bringen wollen.“

Schützenhilfe sollte er schließlich vom in Tiste ansässigen Moorbahnverein bekommen, mit dem er schon im Zuge seiner Recherchen in engem Austausch gestanden habe. „Der Vorstand war von meiner Idee begeistert, vor allem, weil so ein Wegbegleiter ja auch einen prima Werbeeffekt für die Bahn hat, mit welcher der Verein ja sein Geld verdient“, umschreibt Beuck die Ereignisse. Also sei kurzerhand ein Redaktionsteam aus Mitgliedern und seiner Wenigkeit ins Leben gerufen worden, welches es sich zur Aufgabe gemacht hatte, das Tister Bauernmoor in Wort und Bild aufzubereiten. „Die Texte stammen allesamt von mir, wobei mir auch meine Erfahrungen als Schulbuchschreiber dienlich waren“, sagt Beuck, während er so in den Seiten des 2010 in einer Auflage von 5 000 Exemplaren erschienenen Büchleins blättert. Auch viele seiner Fotos hätten darin Einzug gefunden: Motive von Kranichen, vom berühmten Aussichtsturm oder von der faszinierenden Fauna. Und natürlich von dem Tourismusmagneten schlechthin: der Moorbahn. Mit der seien seinen Worten nach allein im vergangenen Jahr mehr als 12 000 Menschen quer über die „Insel der Vorgeschichte“ gefahren – und wohl nicht wenige dürften im Besitz seines Pocket-Guides mit der schlichten, aber zum sachlichen Charakter durchaus passenden Überschrift „Das Tister Bauernmoor“ gewesen sein.

Ob er mit seinem Büchlein reich geworden sei? Hans- Günther Beuck zieht einmalmehr genüsslich an seiner Pfeife und grinst: „Nein, nein, die Tantiemen, die mir zugestanden hätten, die habe ich alle dem Verein gespendet.“

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