Feuerwehr, Fußball und Fachwörter

Guineaner Mohamad Camara aus Vahlde absolviert in Fintel eine Ausbildung zum Automechaniker

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Reifenwechsel gehören zu den Tätigkeiten, die der junge Mann aus Guinea bereits aus dem Effeff beherrscht. 

Fintel - Er macht gerade seinen Führerschein, hat nach dem Besuch der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Rotenburg eine Lehrstelle in Fintel gefunden, spielt in seiner Freizeit im Verein Fußball und ist in der Feuerwehr – der ganz normale Werdegang eines deutschen Jugendlichen vom Land? Nicht ganz. Denn der 18-Jährige heißt nicht Klaus oder Stefan, sondern Mohamad.

Vor drei Jahren hat Mohamad Camara noch kein einziges Wort Deutsch gesprochen und ist im Alter von 15 mutterseelenallein auf dem Seeweg aus dem afrikanischen Guinea nach Hamburg gekommen, bevor der damals unbegleitete Minderjährige über Zeven in Vahlde landete. Seine Tante, die einzige Person, die er auf seiner Flucht kannte, hat er in Italien aus den Augen verloren – seitdem ist der dunkelhäutige zurückhaltende junge Mann mit den kurzen krausen Haaren auf sich allein gestellt – und auf die Behörden und Helfer.

Er selbst würde sich, obwohl dreisprachig (neben einer der Landessprachen und einem Dialekt hat er in der Schule daheim auch Französisch gelernt), nicht als Sprachentalent bezeichnen. Doch die Unterhaltungen am Arbeitsplatz bestreitet Mohamad Camara fließend. Die Theorieprüfung für den Führerschein hat er extra auf Deutsch gemacht, obwohl sie auch auf Französisch vorgehalten werden: „Ich will ja lernen und besser werden.“ Das hat den schlaksigen jungen Mann schon in der BBS angetrieben: Der Integrationskurs war ihm zu leicht, ebenso die ihm ursprünglich zugewiesene Klasse – er bat um Versetzung. Zwei Mal ging das so, bis der Zentral-Afrikaner für die letzten sechs Wochen vor den Sommerferien in einer Berufsfachklasse für Elektrotechnik und Mechanik landete. Sein Lehrer erkannte sein Geschick beim Löten, seine Affinität für Technik und seinen Willen, voranzukommen. Er gab die Anregung: „Mach doch mal ein Praktikum in der Autowerkstatt in Fintel!“

Bei der inhabergeführten Autocrew von Gerd und Stefan Stünkel bekam er eine Chance: „Mir ist egal, woher einer kommt“, erklärt der Seniorchef. „Hauptsache, es passt.“ Mit mehr als 50 Jahren Mitarbeiterführung, rund 20 ausgebildete Gesellen und entsprechender Menschenkenntnis ausgestattet, erkannte der Seniorchef schnell: Es passte. „Er ist ehrgeizig und hat Interesse an mechanischen Dingen“ – das Haupteinstellungskriterium war erfüllt. Auch bei der Belegschaft kam der junge Guineaner mit seiner freundlichen, bescheidenen Art gut an. Kulturelle Unterschiede? „Er isst keine Mettwurst“, frotzelt Juniorchef Stefan Stünkel, und sein Vater ergänzt: „Werte wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit hat er sich jedenfalls angeeignet.“

Die Befürchtungen des jungen Mannes, Fremdenfeindlichkeit zu erleben und der gute Rat seines Betreuers, zunächst einmal auf der Hut zu sein, haben sich für ihn nicht bewahrheitet: „Hier sind alle sehr, sehr nett!“ Jeden Morgen kommt Camara mit dem Fahrrad aus Vahlde, wo er nach eigenem Bekunden einige Freunde hat. In die Großstädte Bremen und Hamburg, wo er Landsleute treffen könnte, fährt er nur etwa zwei Mal im Jahr, „wenn es mir hier zu langweilig wird.“

Was wie eine Vorzeigegeschichte für gelungene Integration klingt, hat jedoch auch einige Haken. Zum einen sind da die deutschen Fachausdrücke. Obwohl sich der Auszubildende im ersten Lehrjahr Notizen macht, sich in seiner Freizeit über Online-Übersetzungsprogramme mit den Fachwörtern vertraut macht, um diese zu lernen und die Bauteile im Zweifelsfall zu identifizieren, indem er Fotos schießt und im Internet vergleicht, bleibt die deutsche Fachsprache eine der größten Hürden. Ob er die Berufsschule schaffen wird, wissen seine Chefs nicht – sie hoffen es für ihn. Doch selbst dann ist die Zukunft für den angehenden Automechaniker keineswegs geritzt, denn: Camara hat nur eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Wie es in zwei Jahren weitergeht, steht in den Sternen. Für Gerd Stünkel steht fest: „Falls irgendwann die Abschiebung droht, müssten wir auf jeden Fall etwas unternehmen und die Fühler ausstrecken.“ Ob er seinen Traumberuf gefunden hat? Mit dem Wort Träumen kann er nicht so recht etwas anfangen. „Es macht mir großen Spaß“, sagt er schlicht. - hey

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