„Es zählen Taten, nicht Worte“

Grünen-Kreissprecher Hans-Jürgen Schnellrieder über Politik und Probleme

Hans-Jürgen Schnellrieder in seinem Element. „Am liebsten beschäftige ich mich zusammen mit Menschen, um für vermeintliche Probleme Lösungen zu finden“, sagt der 74-Jährige.
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Hans-Jürgen Schnellrieder in seinem Element. „Am liebsten beschäftige ich mich zusammen mit Menschen, um für vermeintliche Probleme Lösungen zu finden“, sagt der 74-Jährige.

Fintel – Er wirkt überraschend gelassen. Dabei hat Hans-Jürgen Schnellrieder, einer der beiden Sprecher im Verband der Rotenburger Kreisgrünen, in diesen Tagen doch einige harsche Kritik über sich ergehen lassen müssen – an seiner Person wie auch an seinem angeblich dominanten Führungsstil. Mitglieder aus den Ortsverbänden Scheeßel und Bothel demonstrierten ihre Unzufriedenheit mit Parteiaustritten – und der Auflösung beider Vorstände. Was sagt der Finteler über die Vorwürfe? Wie sieht er seine Partei auf Kreisebene aktuell aufgestellt? Darüber haben wir uns mit dem 74-Jährigen unterhalten.

Herr Schnellrieder, wie hart hat Sie die aus den beiden Ortsverbänden geäußerte Kritik an Ihrer Person getroffen?

Der Kreisverband besteht aus vielen Ortsverbänden. Aus diesen bekommen wir natürlich auch Kritik, doch vor allem positive und konstruktive Kritik. Natürlich hinterfragen wir immer unser Tun, denn wir wollen immer besser werden und aus Fehlern lernen. Doch wir müssen immer einen Ausgleich schaffen zwischen denen, die keine Veränderung wollen und denen, denen es nicht schnell genug geht. So wurde auch die Kritik laut, dass wir mit den benannten Personen in den Ortsverbänden zu nachsichtig gewesen seien. Das zeigen auch die mit großer Mehrheit beschlossen Anträge auf den Kreismitgliedersitzungen.

Ich wiederhole noch einmal die Frage.

Persönlich getroffen? Die Persönlichkeitsstruktur dieses Personenkreises ist uns allen über Jahre hinweg bekannt und überraschte nicht. Was mich aber irritierte, ist die Tatsache, dass die Printmedien ungefiltert und unreflektiert persönliche Beleidigungen und Diskreditierungen abdrucken. Dies kannte ich bisher nur aus sozialen Medien, in denen jeder ungestraft über jeden herziehen kann.

Waren die Vorwürfe, wenn nicht in Gänze, denn wenigstens in Teilen berechtigt? Aus Lust und Laune verlässt man eine Partei kurzerhand ja eher weniger, wie jetzt doch vermehrt geschehen.

Es ist ja nicht so, dass diese unterschiedlichen Ansichten über den Weg der Partei erst heute auftauchten. Sie fingen schon vor Jahren an und haben sich nun endgültig geklärt. Im Grunde vollzieht sich hier etwas, was in vielen Kreisverbänden schon vor zehn bis 20 Jahren erfolgte. Einige der altgedienten Grünen können und wollen nicht den Weg zu einer modernen, verjüngten und diversen Partei mitgehen. Dass sich damit auch Veränderungen ergeben, wird halt nicht immer geschätzt. Der enorme Mitgliederzuwachs im Landkreis zeigt uns, dass unsere Arbeit und die Mitmachangebote, die wir machen, geschätzt werden. Das verändert die Kultur und damit auch das Miteinander. Mehr Vielfalt, mehr Professionalität, mehr Meinungsaustausch – halt der Zeit angepasst! Das heißt ja nicht, dass nun alle bewährten Errungenschaften über Bord geworfen werden sollen.

Also „herrschen“ Sie und Ihre Co-Kreissprecherin auch nicht von oben herab, wie behauptet?

Das ist dumm! Weder herrschen noch regieren wir. Vorstände in der Partei sind lediglich von den Mitgliedern auf Zeit gewählte Verwalterinnen und Verwalter, das ist unser Verständnis. Wir – der Kreisverbandsvorstand – pflegen einen ausgeprägten Teamspirit und stehen für Entscheidungen von demokratischen Mehrheiten. Wer die letzten Kreismitgliederversammlungen verfolgt hat, wird erkennen, dass unser Vorstand die Sitzungsleitung bereits abgegeben hat. So machen wir es in vielen Bereichen. Es geht darum, viele zu beteiligen, die Last auf viele Schultern zu legen und möglichst viele mitzunehmen. Dies mag ein anderes Vorgehen sein als früher, wo meist nur wenige die Partei lenkten.

Hand aufs Herz: Waren Sie über den Rücktritt beider Vorstände erleichtert?

Nein, denn jeder Austritt tut weh und dass hätten wir gerne allen erspart, denn jedes Mitglied mit seinem persönlichen Wissen bringt uns in der Gemeinschaft weiter. Nur ist eine Partei kein Selbstzweck und keine Bühne zur Selbstdarstellung. Allerdings ist er für den betroffenen Personenkreis auch folgerichtig und konsequent, vielleicht sogar zu spät. Wie gesagt, unsere Partei hat sich geändert und ist vielfältiger und moderner geworden. Diesen Weg wollen oder können sie offensichtlich nicht mitgehen. Aber ohne den Einsatz derjenigen, die jetzt austreten, wären wir nicht dort, wo wir heute stehen. Eventuell aber schon weiter.

In Scheeßel hat diese Woche schon ein neues Team die Arbeit aufgenommen.

Ja, am Mittwoch wurde ein neuer Vorstand gewählt und die – schon lange wartenden – neuen Mitglieder aufgenommen. Besonders erfreulich ist, dass es sich um Scheeßeler Bürgerinnen und Bürger in allen Altersstufen mit einem breiten Erfahrungsspektrum handelt. Gerade heute hat sich das 18. Mitglied aus Scheeßel angemeldet. Somit hat sich der Ortverband sogar zahlenmäßig verbessert. Am 13. März wird Bothel einen neuen Vorstand wählen und sich auch hier neu und gestärkt aufstellen.

All das trägt zu einer starken grünen Partei im Landkreis bei, denn wir gewinnen gemeinsam als Team.

Wie würden Sie selbst Ihren gemeinsamen Führungsstil beschreiben?

Wir haben unsere Amtszeit unter das Motto „Lasst uns reden!“ gestellt. Diesem sehen wir uns verpflichtet. Transparent und offen mit täglichem Update in Krisenzeiten und Austausch. Das gilt für den gesamten Kreisvorstand, denn wir machen dies nicht allein, sondern sind nur das Sprachrohr nach außen. Alle Entscheidungen und Veröffentlichungen gingen zuerst immer durch die eigene Qualitätskontrolle. Und je nach Thema wurde der Rat von Spezialisten hinzugezogen, die wir ja im ganzen Kreis, im Land und im Bund auch in unseren eigenen Reihen haben.

Wie definieren Sie für sich einen starken Grünen-Ortsverband?

Als einen Solchen, der die gesetzlichen Aufgaben einer Partei und politische Meinungsbildung in seinem Gebiet ernst nimmt. Diese Aufgabe impliziert automatisch das Werben um Mitglieder und Mehrheiten, denn nur mit diesen werden Wahlen gewonnen.

Ihr eigener Ortsverband, der der Samtgemeinde Fintel, ist mit Abstand der mitgliederstärkste. Das ist sicher Ihnen zu verdanken.

Nein, reine Teamarbeit, und andere Mitmachangebote machen die Attraktivität des Ortsverbandes aus. Die zielgerichtete und harmonische Zusammenarbeit mit den Ratsfrauen und Ratsmännern machen zudem die politische Arbeit interessant.

Aber ein personelles Ungleichgewicht zu anderen Verbänden im Kreis erkennen Sie doch sicher auch.

Ja und nein, denn die Chancen, Mitglieder zu bekommen, hat jeder Ortsverband. Das ist mit Freude an neuen Menschen, Eindrücken und Vielfalt verbunden, denn jedes neue Gesicht ist spannend und bringt neue Energie in die Gruppe. Jede Kommunikation bereichert. Auch wenn uns einige Mitglieder nur von Ferne begleiten – wir haben hier das Gefühl, dass sie hinter uns stehen und dadurch macht uns die Arbeit hier in Fintel auch viel Freude und Spaß. Auswirkungen bei Beschlüssen auf Kreisebene hat es insofern nicht, denn dort wurde alles mit großer Mehrheit beschlossen und so viel Mitglieder hat auch Fintel nicht beziehungsweise waren nicht dabei. Letztendlich ist es vom Auftreten und dem lokalen Erscheinungsbild der Grünen vor Ort abhängig.

Können andere Verbände bei dieser Stärke denn ihr Profil überhaupt noch bewahren, eigenständig handeln, oder werden die von Fintel inzwischen schon „mitregiert“? Solche Aussagen stehen ja durchaus im Raum.

Interessante Frage. Was hat das mit Fintel zu tun? Ich bin Sprecher des Kreisverbandes und wohne zufällig in Fintel, meine Vorstandskollegin Sabine Holsten wohnt zufällig in der Samtgemeinde Bothel. Wie schon zuvor gesagt, die Ortsverbände arbeiten selbstständig und sind autonom – solange sie nicht zum Selbstzweck werden. Und was Ihre Frage nach dem Profil angeht: Alle grünen Gliederungen und die Mitglieder haben bereits eines – nämlich das grüne. Da sollte es von einer Region zur anderen keine großen Abweichungen geben. Natürlich hat jede Region – gerade in unserem weitläufigen Landkreis – lokale unterschiedliche Schwerpunkte, wie zum Beispiel Schweinemast im Nordwesten und Gasbohrungen im Südosten. Diesen Gegebenheiten muss Rechnung getragen werden.

Die nächste Kommunalwahl ist nicht mehr fern. Wie will man den jetzt geschaffenen Scherbenhaufen bis dahin wieder aufräumen?

Ich kann keinen Scherbenhaufen – außer den Angriffen auf meine Person – erkennen. Mit nun geeinter Kraft geht es in die Kommunal- und Bundestagswahl. Es zählen Taten, nicht Worte!

Also rechnen Sie auf Kreisebene nach wie vor mit einem guten Wahlergebnis?

Warum sollte ich daran zweifeln?

Warum sollte man die Grünen bei der nächsten Kommunalwahl wählen?

Weil wir unter anderem für mehr Bürgerbeteiligung stehen. Gerade im ländlichen Raum stehen wir für die Veränderung des Politikstils. Schauen wir uns die Räte im Landkreis an. Es fehlt Frauen, die sich einbringen. Es fehlt grundsätzlich an jungen Menschen, die ihre Zukunft mitgestalten. Es ist eine Überalterung spürbar und es fehlt an Mut, die Zukunft zu gestalten.

Welche örtlichen Erfolge schreiben Sie Ihrer Partei mit Blick auf die letzten Jahre zu?

Wir haben den Blickwinkel der Menschen deutlich verschoben, aber das reicht noch nicht. Nun müssen wir justieren, aber das ist in der ländlichen, anders geprägten Gegend doppelt schwer. Wir sind zum Beispiel in jeder Gemeinde der Samtgemeinde Fintel präsent und haben in den Räten erreicht, dass Fachwissen auch dort angekommen ist. Auch wenn manchmal noch der alte Satz gilt, „das macht die Verwaltung“, nehmen wir unseren politischen Gestaltungsauftrag wahr und stehen für eine transparente Verwaltung und Einbeziehung der Öffentlichkeit.

Und wo drückt noch immer der Schuh? Was konnte nicht erreicht werden?

Ganz klar die Verjüngung der Räte – das geht nur bei der nächsten Wahl.

Werfen wir zum Abschluss einen Blick in die Zukunft: Wie lange möchten Sie beide noch die Geschicke der Kreisgrünen führen?

Die Glaskugel ist nicht ein Instrument von Sabine und mir. Wir stehen mit beiden Beinen im Leben, diese Entscheidung liegt ganz bei den Mitgliedern. Wir haben das Ziel fest im Blick und bereiten die Partei für einen Generationenwechsel vor. Das Potenzial fähiger Nachfolger wächst mit der Mitgliederzahl täglich.

Zur Person

Seit mehr als zehn Jahren ist Hans-Jürgen Schnellrieder (74) in der Kommunalpolitik ehrenamtlich tätig. Im Finteler Samtgemeinderat bekleidet er seit 2016 den Posten des Vorsitzenden der Grünen-Fraktion. Ende 2018 wurde der gebürtige Hesse zum Sprecher seiner Partei auf Kreisebene gewählt – mit der Hemslingerin Sabine Holsten an seiner Seite. Beruflich war er international in der Luftfahrt- und Windenergieindustrie tätig – beratend als Gutachter, Entwickler und im Risikomanagement. Dafür gründete er 1984 sein eigenes Unternehmen und verlegte es 1992 von München nach Fintel. Schnellrieder ist verheiratet und hat eine Tochter. Auch sozial ist er engagiert – beispielsweise in der Flüchtlingshilfe und beim Finteler Bürgerbusverein, dessen Vorsitzender er ebenfalls ist. „Überall, wo Hilfe gebraucht und gute Organisation nötig ist, bin ich einsatzbereit“, sagt das umtriebige Energiebündel.

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