1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Fintel

„Wetten, dass ..?“-Wettkönig Julian Böhme: Flammentricks vor dem Greenscreen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ulla Heyne

Kommentare

Seine Showelemente führt Entertainer Julian Böhme seit der Pandemie zunehmend online vor – sehr zur Freude des internationalen Publikums.
Seine Showelemente führt Entertainer Julian Böhme seit der Pandemie zunehmend online vor – sehr zur Freude des internationalen Publikums. © Heyne

Entertainer Julian Böhme wollte gerade wieder durchstarten, dann kam Corona. Dennoch unterhält er Menschen auf der ganzen Welt - und zwar von seinem Studio in Lauenbrück aus.

Lauenbrück – Die Pandemie, sie ist dieser Tage eher in den Hintergrund getreten, gleichwohl: Ihre Auswirkungen sind überall spürbar, vor allem in der Kultur- und Unterhaltungsbranche. Einer, der ein Lied davon singen könnte, würde er nicht mit Keulen statt Noten jonglieren, ist Julian Böhme aus Lauenbrück. Für den mehrfachen Weltrekordhalter im Guinnessbuch der Rekorde, „Wetten, dass ..?“-Wettkönig und Tausendsassa des Entertainments sollte 2020 ein Neustart werden: Nach einem Kreuzbandriss und fast einjähriger Reha waren die Auftragsbücher wieder gut gefüllt – eigentlich hätte er durchstarten können.

Stattdessen: Corona, ein Lockdown nach dem anderen und auch nach den Lockerungen zieht das Geschäft nur zögerlich wieder an – zu groß die Ungewissheit bei den Veranstaltern, ob die Kunden mitspielen, vom Virtuellen wieder in die Welt der Präsenzveranstaltungen eintauchen mögen. Die Balanceakte auf der Rola-Bola, die Kartentricks, das Feuerspucken und nicht zuletzt der Lebensunterhalt – bleibt das alles für Böhme auf der Strecke?

Das Zauberwort heißt Digitalisierung

Mitnichten. Regelmäßige Cocktail-Workshops vor mehreren Hundert Firmenmitarbeitern, ganztägige Moderationen, bei denen er für den roten Faden sorgt, Kennenlern-Events mit „Wetten, dass ..?“-Flair inklusive Saalwette – im Unterschied zu früher verlässt der fünffache Vater für seine Engagements heute nur noch selten das heimische Domizil in der alten Knopffabrik.

Das Zauberwort heißt Digitalisierung: Längst hat „Online“ auch bei Firmenevents Einzug gehalten. In seinem letzten Vortrag vor Corona hatte der Redner und Moderator „Scheitern als Chance“ gepredigt – und dieses Credo auch selbst verinnerlicht, indem er neue Wege geht. Dank der Möglichkeit von Zoom-Meetings ist er heute wieder gut gebucht, aber eben vor der Webcam. Bei Mammut-Meetings versüßt er den Teilnehmern mit Kartentricks und Scharadespielen die acht Stunden vor dem Bildschirm.

Ausgerechnet an seinem Geburtstag hielt er seinen ersten Vortrag als Keynote-Speaker vor einem internationalen Publikum. Die Amerikaner und Kanadier, die der selbst ernannte „Begeisterer“ zu nächtlicher Stunde vor dem selbst gebauten angedeuteten Zirkusrund im Arbeitszimmer unterhält, sind hin und weg. Genau wie Anfang des Jahres die Teilnehmer mehrerer Online-Teambuildings, die mit Gruppenaufgaben auf Trab gehalten wurden.

Mit dem Greenscreen die ganze Welt bereisen

Einer der wohl kuriosesten Aufträge: eine virtuelle Reise der Mitarbeiter eines multinationalen Unternehmens durch die Städte der drei Niederlassungen, Flug und Taxi inklusive. Der 47-Jährige zeigte den Teams die Sehenswürdigkeiten von Kiew, Frankfurt und Los Angeles – ohne selbst je dort gewesen zu sein. „Greenscreen macht‘s möglich“, sagt der Kommunikator spitzbübisch.

Die Mischung aus Infotainment, Moderation, Coaching oder Vorträgen mit Showelementen, sie kommt an. Missen möchte Julian Böhme die realen Begegnungen nicht. Gleichwohl: Sechs Wochen in der Badelandschaft eines großen Vergnügungsparks, drei Shows täglich bei hoher Luftfeuchtigkeit und einem noch höheren Lärmpegel, jedes Mal mit Auf- und Abbau der PR-Anlage, „und das vor Besuchern, für die eine Show erstmal das Letzte war, was sie beim Baden sehen wollten“, das schlaucht.

„Zoom“ wird die Arbeit langfristig begleiten

Das virtuelle Entertainment: die Zukunft? Zumindest ein Standbein für den Unterhalter, der sich während der Pandemie bei einer Tischlerei verdingt hatte. „Die Firmen sind immer internationaler aufgestellt, Flugtickets teuer und die letzte Zeit hat gezeigt: Vieles geht über Zoom“, hat das Stehaufmännchen festgestellt. „Da geht in Zukunft noch viel.“ Wie Selbige aussehen könnte? Weniger im Stau stehen, mehr vor der Webcam, dazwischen an Moderationen und Vorträgen basteln – und am heimischen Studio.

Gerade renoviert er die Räume: Eine bessere Dämmung soll die Akustik verbessern, Scheinwerfer und stationäre Kameras eine noch professionellere Übertragung ermöglichen. Dazu hofft er auf einen Digitalisierungszuschuss aus einem Förderprogramm der Bundesregierung. Nebenher lässt er sich im Führungskräftetraining coachen. Das Thema seines nächsten Keynote-Vortrags steht bereits: „Wertschätzung – das kommt heute oft leider viel zu kurz.“

An Ideen für weitere Themen und Formate mangelt es nicht, und wenn in einigen Wochen des Nachts wieder das rote Licht der Webcams angeht und er für das Publikum auf dem anderen Kontinent Feuer schluckt und denglische Anekdoten raushaut, dann hat Böhme, der „Great Geist“, wie ihn ein Zuschauer neulich begeistert nannte, sich einen Platz erobert in der schönen neuen Welt.

Auch interessant

Kommentare