„Das Salz in der Suppe der Schulzeit“

Eltern und Lehrer der Fintauschule sehen Schüler inhaltlich gut aufgestellt

Nicole Meyer (v.l.), Christian Schulz und Susanne Beddies vom Schulelternrat.
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Nicole Meyer (v.l.), Christian Schulz und Susanne Beddies vom Schulelternrat stellen der Fintauschule ein gutes Zeugnis im Umgang mit dem Fernunterricht aus.

Lauenbrück – Gestresste Eltern im Spagat zwischen Homeoffice und ihren überforderten Kindern, die von zuhause beschult werden – so ist das landläufige Bild von Familien im Lockdown. Aber stimmt es auch? Zumindest die Eltern des Vorstands im Elternrat der Lauenbrücker Fintauschule können das so nicht bestätigen.

Ganz im Gegenteil: Neben allen Einschränkungen, die den Kindern vor allem im sozialen Bereich zu schaffen machen, sehen sie auch Gutes an der derzeitigen Situation. „Wir fokussieren uns immer aufs Negative, gucken, was nicht funktioniert, dabei bietet Homeschooling auch Chancen“, ist Christian Schulz überzeugt.

„Die Kinder haben gelernt, sich besser zu organisieren“, hat Susanne Beddies festgestellt, Mutter einer Zehntklässlerin, allerdings sei das natürlich auch typbedingt. „Ich merke nicht viel von ihr, weil sie kaum Unterstützung braucht.“ Sie hat Glück: Der Abschlussjahrgang ist jeden zweiten Tag in der Schule.

Anders ist das bei Christian Schulz, Vater eines Zehntklässlers und einer Fünftklässlerin. Da er selbst im Homeoffice arbeitet und auch die Mutter zuhause ist, sei quasi eine „Rundumbetreuung“ garantiert. Die brauche die Tochter aber gar nicht – „sie kommt nur aus ihrem Zimmer, wenn sie Fragen hat.“ Für den IT-Spezialisten sind Verbindungsprobleme ein Fremdwort.

Weniger Glück hat Nicole Meyer. Ein Ehemann, der halbe Tage von zuhause aus arbeitet und drei Kindern in Jahrgang sieben, neun und an der BBS in Tateinheit mit einem schlechten Netz bergen Konfliktpotenzial. „Da wird durchs Haus getobt, wo der Empfang gerade am besten ist“, erzählt sie, „wenn jemand ein Zoom-Meeting hat, dürfen die anderen nicht ins Netz.“ Und bei Überschneidungen? Die Arbeit des Vaters hat Priorität, wer etwas verpasst, informiert sich bei Freunden. „Alles eine Frage der Absprache, allerdings geht es nicht immer harmonisch zu“, konstatiert die Mutter.

Sie hat die Lehrer über das Verpassen von Stunden wegen Internetproblemen informiert und lobt die Schule für ihren pragmatischen Umgang. Auch bei der Beschaffung eines Endgerätes für die Jüngste – Ipads sind derzeit erst ab Klasse 8 vorgesehen –, habe man ihr ganz unbürokratisch geholfen. Sozial schwache Familien bekommen ein kostenloses Leihgerät.

Der „kleine Dienstweg“ ist dann auch das, was die Eltern gerade in der Pandemie an der Fintauschule mit ihren derzeit 291 Schülern schätzen. „Gefühlt sind die Lehrer 24/7 erreichbar“, meint Meyer, „man muss nur etwas sagen, wenn etwas hakt.“ Die Gefahr, die Beddies sieht: „Vielleicht mögen nicht alle zugeben, wenn es Probleme gibt.“ Und auch Schulz will kein rosarotes Bild malen: „Motivationsmäßig ziehen nicht alle mit, online sind nicht alle Schüler zu triggern.“

Diesen Eindruck bestätigt auch Frank Lehmann, Schulleiter der Medienprofilschule. Trotz engmaschigem Kontakt durch die Lehrer muss er feststellen: „Drei Schüler haben wir quasi verloren – die sind einfach nicht mehr motiviert.“ Allerdings handele es sich dabei um Ältere. Ansonsten sollen Zoom-Meetings, bei einigen Klassen täglich, mindestens aber zwei bis drei Mal pro Woche, den Kontakt halten.

Dass so fast ganz normaler Unterricht funktionieren kann, demonstriert Sascha Murso. Auf dem geteilten Bildschirm sieht der Lehrer alle Schüler, spricht sie direkt an. Wer etwas beitragen will, hebt seine Stummschaltung auf. Die Matheaufgabe schickt Murso zeitgleich per Mail. Zusätzlich zum eingeblendeten Aufgabenblatt schreibt er die Lösungsansätze der Schüler in Echtzeit und für alle sichtbar mit. „Die Tafelbild-App hatten wir schon vorher“, meint er – der Umgang ist selbstverständlich.

Ein Unterricht wie im Bilderbuch? Jein. „Wir schaffen rund Dreiviertel des regulären Stoffes“, so der Mathelehrer, „allerdings weitgehend als Frontalunterricht – eigentlich steinzeitlich.“ In den Fremdsprachen werden auch geteilte virtuelle Räume für Kleingruppenarbeit genutzt, wie Lehmann erzählt. Trotz Interaktion: „Die soziale Komponente kommt trotzdem zu kurz.“

Dieser Aspekt macht auch vielen Eltern mehr Sorgen als etwa Lücken in der Bewältigung des Lehrstoffes. „Die Kids sind besorgt“, stellt Schulz fest. Die eigenen sichern sich sogar vor der Fahrradtour mit dem Freund ab, ob das denn in Ordnung sei. Trotz Telefonaten oder Videochats fehlen die Begegnungen. Auch wenn Schule hier nicht unmittelbar helfen kann, versucht man an der Fintauschule, die Jugendlichen zu motivieren, nach draußen zu gehen und den Spaß nicht zu verlieren.

Fachübergreifende freiwillige „Challenges“ etwa in Sport und Bio, wo Ortsschilder fotografiert werden sollen, sollen die Schüler weg vom Schreibtisch locken. Auch wenn Eltern wie Lehrer den Begriff „verlorene Generation“ nicht mögen, bedauert der Pädagoge doch den Wegfall von Abschlussfahrten oder auch den traditionellen Gang vom Hurricane direkt zur Schule: „Da fehlt das Salz in der Suppe der Schulzeit!“

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