Volles Haus in Lauenbrück

Annelie Keil fordert mit ihrem Buch die Politik heraus

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Ein Damentrio, das sich versteht: Ingeborg Koch-Dreier (l.), ehemalige Leiterin des Hauses Wümmetal und einstige WG-Gefährtin von Annelie Keil (r.) sowie Gastgeberin Marita von Fintel vom Freundeskreis Wümmetal.

Lauenbrück - Von Ursula Ujen. Eigentlich sollte sie schon im Frühjahr mit Henning Scherf zur Vorstellung des gemeinsamen Buches „Das letzte Tabu“ ins Haus Wümmetal kommen. Dass dieses nicht geklappt hat, ist nun aber eher ein Glücksfall, so Marita von Fintel, denn inzwischen ist Annelie Keils neues Buch „Wenn das Leben um Hilfe ruft“ erschienen und die Zuhörer kommen so in den Genuss einer zweiten Lesung. Die Gastgeberin vom Freundeskreis Haus Wümmetal freute sich über den Besuch der charismatischen Bremer Wissenschaftlerin, die – obwohl sie erst vor einigen Tagen bei der Kirchengemeinde Lauenbrück zu Gast war – wieder für ein volles Haus gesorgt hatte.

Offen und direkt, so kennt und man Annelie Keil, und so hielt die 1939 geborene ehemalige Uni-Professorin auch keinen Vortrag, sondern ließ sich nur zu gern auf eine ständige, angeregte Diskussion mit dem Publikum ein. In ihrem neuen Buch ginge es um pflegende Angehörige, die zwischen Hingabe, Pflichtgefühl und Verzweiflung versuchen müssen, mit veränderten Lebenssituationen klar zu kommen. Es stellten sich Fragen wie: Welcher Angehörige soll die demente Mutter pflegen? Darf man sich scheiden lassen, wenn der Partner durch eine schwere Krankheit zu einem anderen Menschen wird? Wie gehe ich damit um, wenn der geliebte Vater als einstiger „Held“ dement wird und ein Rollentausch stattfindet?

Alle Menschen kämen ungefragt zur Welt – ob in Lauenbrück oder in Aleppo: „Niemand wird gefragt, in welche Familie, in welche Zeitgeschichte und in welches Land er oder sie geboren werden will“, konstatierte Keil. „Wir werden als Angehörige nicht nur einer kleinen Familie, sondern auch der Menschenfamilie geboren – damit ist die Aufgabe der Schaffung einer Kultur der Sorge schlicht und einfach gesetzt und wenn uns das nicht gelingt, verfehlen wir uns als Menschen! Pflegen und gepflegt werden, ist gefühlt ein aktives Menschenrecht und ebenfalls fühlbar eine aktive Menschenpflicht.“ 

Jeder Mensch auf Liebe, Hilfe und Zuwendung angewiesen

Denn schließlich wären wir alle durch unsere Geburt Angehörige und vom ersten bis zum letzten Atemzug auf Berührung, Liebe, Hilfe und Zuwendung angewiesen. Jeder von uns sei quasi ein Leben lang pflegebedürftig, und es könne uns allen von einem Tag auf den anderen ein Schicksalsschlag treffen.

Mit dem Älterwerden verschwindet laut Keil die Zukunftsperspektive, Vergangenheit und Gegenwart sind dann besonders wichtig. Man müsse erkennen, was man ändern könnte und was nicht, worauf man noch Lust habe oder wofür man noch kämpfen möchte. Dabei sei die Akzeptanz des Älterwerdens und Abschiednehmens wichtig für die seelische Gesundheit, auch indem man sich von der Illusion „Ich will niemandem zur Last fallen“ verabschiede und Hilfe annehme, denn diese Haltung führt laut Keil letztendlich in die Einsamkeit.

„Nehmt endlich die Angehörigen in den Blick“

Angesichts der Tatsache, dass 80 Prozent der stetig wachsenden Gruppe von Pflegebedürftigen von Angehörigen umsorgt werden, möchte die Wissenschaftlerin mit ihrem Appell „Nehmt endlich die Angehörigen in den Blick“ gleichermaßen die Politik, aber auch einen jeden von uns in die Pflicht nehmen, sich mehr mit dem Thema „Sorge und Fürsorge“ auseinanderzusetzen.

In Deutschland Geborene mit dem wohl besten Gesundheitssystem der Welt könnten sich glücklich schätzen, und dennoch müsse man leider eine mangelnde Pflegekultur sowie Anerkennung und Wertschätzung der pflegerischen Berufe anmahnen. Mit den Worten „Umso mehr freue ich mich, dass es Plätze wie diesen hier in Lauenbrück gibt, und dass sich immer mehr Kollegen, Nachbarn und Bürger dafür stark machen“ beendete Keil unter großem Beifall ihre Ausführungen.

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