Für eine würdevolle letzte Reise

Der Tod als Tradition: Thomas Miesner spricht über sein Handwerk als Bestatter

Thomas Miesner ist gerne Bestatter. Seit 15 Jahren leitet er das Institut in Lauenbrück. Fotos Warnecke
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Thomas Miesner ist gerne Bestatter. Seit 15 Jahren leitet er das Institut in Lauenbrück.

Lauenbrück – Ein Tor zum Totenreich liegt an der Lauenbrücker Bahnhofstraße, gleich hinter einer Fensterbaufirma. Thomas Miesner sitzt mit seiner Lebensgefährtin Inka Möller im Besprechungsbüro und wartet. In Filmen kommen Bestatter oft schlecht weg: Sie sind hagere Männer, Geier im Sonntagsanzug. Miesner, 47 Jahre alt, ist ganz anders. Er sieht sympathisch aus, die Haare akkurat gegelt, mit seiner Erscheinung könnte er auch glatt als Hochschulprofessor durchgehen. „Seit mehr als 90 Jahren sind wir im Geschäft“, sagt der Vater von drei Kindern zur Begrüßung, und der Stolz des ehrlichen Handwerkers leuchtet ihm aus den Augen.

Man merkt schnell: Thomas Miesner spricht gern über das Geschäft. Leichen und Tod kommen dabei natürlich auch vor. Vieles dreht sich aber heute um Dienstleistung, wie „Behördengänge“, „Trauerdrucksachen“, „Vorsorgeberatung“ und „Kostentransparenz“.

Wie er zu dem Job gekommen ist? Er sei „da hinein geboren worden“, schon seine Großeltern seien Bestatter gewesen. Seine erste Beerdigung im Alleingang habe er mit 18 Jahren gemacht. Die Eltern seien damals auf Amerikareise gewesen. Auch der Betrieb nebenan, die Fensterbaufirma, liegt fest in Familienhand. Auch diese leitet der Lauenbrücker. Beides, sagt er, habe schon immer zusammengehört. „Meine Mutter hat immer gesagt, ich solle auf gar keinen Fall Tischler werden und den Laden übernehmen“, blickt er zurück. „Eigentlich wollte ich als Jugendlicher auch wirklich nie etwas mit Leichen zu tun haben – in der elften Klasse am Ratsgymnasium habe ich mich dann entschieden, das doch zu machen und die Tradition fortzuführen.“ Bereut habe er seinen Entschluss nicht. „Bestatter ist ein sehr abwechslungsreicher und interessanter Beruf, jeder Auftrag ist individuell und anders.“

Beerdigungskosten zwischen 5000 und 15000 Euro

Seit 15 Jahren ist er nun der Chef. Den Fachwirt machte Miesner 2007 und den Bestattermeister 2011. Sein Zeitplan ist eng getaktet. Eben noch hat der Bestatter einen Leichnam versorgt. Gleich muss er wieder los zu einem Trauergespräch, bei dem es vorrangig gilt, alle Formalitäten und die Bestattungsart zu klären. Er kennt die Hinterbliebenen und die Hinterbliebenen kennen ihn. So ist das auf dem Dorf. Es sei eine ganz andere Bindung als in der Stadt, sagt er. Man nehme sich für die Menschen noch Zeit, schaffe ein Vertrauensverhältnis. „Seit Jahren ist die Gesellschaft in die Anonymität getrieben worden, wenn man dann verbunden zusammensitzt und die Angehörigen von Anfang bis Ende betreut, ist das für sie sehr viel wert.“

Von Wert sei es seinen Worten nach unbedingt auch, eine Sterbegeldversicherung abzuschließen, welche zweckgebunden für den Todesfall bestimmt ist. „Eine Beerdigung kostet mit allem Drum und Dran ja auch zwischen 5 000 und 15 000 Euro – und dieses Geld hat natürlich nicht jeder vollumfänglich bei sich liegen“, weiß Miesner. Entsprechend habe er in der Vergangenheit mitunter auch schon die ein oder andere Beerdigung vorfinanzieren müssen. „Für uns als kleines Unternehmen ist das dann natürlich nicht so schön.“

Überhaupt spiele das Thema Vorsorge unter den Lebenden eine immer gewichtigere Rolle, wie auch der Blick in einen mit entsprechenden Verfügungen prall gefüllter Aktenordner zeigt, den Thomas Miesner vor sich hält. „Es ist ja einerseits auch wichtig zu wissen, dass die eigene Bestattung nachher so abläuft, wie man es sich vorgestellt hat, und andererseits, dass die Hinterbliebenen wissen, was sie im Sinne des Verstorbenen machen sollen.“ Früher sei das noch anders gewesen, „da saßen die Familien noch mehr beieinander und haben über das Thema gesprochen.“

„Ein letzter Freundschaftsdienst“

Früher, weiß der 47-Jährige, seien Bestattungen aber auch noch sehr viel standardmäßiger, und meist in gleicher Weise über die Bühne gegangen. „Heute wird das viel zeitgemäßer gestaltet – so, wie die Leute zu Lebzeiten waren, werden sie nun auch bestattet“, weiß Miesner. „Jeder hat da seine individuellen Wünsche und Vorstellungen, zum Beispiel, wie die Todesanzeige gestaltet werden soll oder ob und welche Musik gespielt wird.“ Ebenso würden immer häufiger persönliche Dinge aus dem Leben mit in den Sarg oder in die Grabstätte gegeben.

Wie in vielen Fällen, sind ihm die Verstorbenen zu Lebzeiten nicht fremd, sondern zum Teil auch befreundet. Und genau solche Umstände sind es, die ihn immer wieder berühren würden. „Für mich ist das dann noch einmal so etwas wie ein letzter Freundschaftsdienst, wenn ich den Leichnam säubere und einkleide.“ Und dann, sagt er, gäbe es solch seltene Momente, die selbst er, der Profi, nur schwerlich wegstecken könne. Dann nämlich, wenn Kinder im Spiel sind. Oder Unfallopfer. „Ich werde oft gefragt, wie ich damit klarkomme.“ Helfen würde hier schon oft das Gespräch mit anderen. „Umgekehrt freue ich mich immer sehr, wenn jemand 100 Jahre oder älter geworden ist.“

Was passiert nach dem Tod?

Ob er glaube, dass nach dem Tod noch irgendwas kommt? Miesner zuckt mit den Schultern. „Beantworten kann ich es nicht, es weiß ja keiner.“ Sehr wohl weiß er aber, wie er selbst einmal beigesetzt werden möchte: „Traditionell in einem Eschensarg, der ist aus einem super stabilen Holz.“ Eine Urnenbestattung, wie sie seit der Einrichtung eines Ruheforstes bei Lauenbrück inzwischen auch in der Gemeinde immer mehr nachgefragt werde, komme für ihn persönlich jedenfalls nicht infrage. „Bei uns in der Samtgemeinde ist es in der Friedhofssatzung ja auch so geregelt, dass man unter anderem mit Sarg unterm Rasen beerdigt werden kann – also ganz ohne Grabpflege.“ Herstellen würde sein Betrieb die Särge übrigens nicht selbst. „Die kaufen wir alle über Großhändler ein, wo man aus über 1 000 Exemplaren auswählen kann.“ Nun aber muss Thomas Miesner auch wirklich zum Termin los. Fix schlüpft er noch in seine „Arbeitskleidung“, schwarze Hose und graues Hemd. „Auf Wiedersehen“, sagt er beim Einstieg in den nigelnagelneuen Leichenwagen. Und fügt lachend hinzu: „Aber hoffentlich nicht so bald!“

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