Vom Federball zum Jäger der Lüfte

Eine der größten Falkenzuchtanlagen der Welt ist in Helvesiek beheimatet

Hans-Jürgen Küspert mit einem vier Tage alten Gerfalkenbaby. Fotos: Bonath
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Hans-Jürgen Küspert mit einem vier Tage alten Gerfalkenbaby.

Millionenschwere arabische Prinzen, die für mehrere Tausend Euro einen edlen Jagdfalken erwerben und als Höhepunkt ihres Deutschlandbesuchs in ihre Heimat mitnehmen – das, sagt Hans-Jürgen Küspert, gehöre inzwischen der Vergangenheit an. „Die Leidenschaft für Falken ist längst keine Domäne mehr für wohlhabende Scheichs, sondern hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten immer mehr erweitert“, erklärt der 55-Jährige. Schon ab etwa 700 Euro könnten die Vögel heute für die Beizjagd erworben werden. Küspert muss es wissen. Er ist Mitgesellschafter des in Helvesiek beheimateten Falkenzuchtbetriebs „Falcon Center.”

Helvesiek - Von Wieland Bonath. Hier, auf einem 15 Hektar großen Gelände am Rande der Ortschaft, gesichert von Hunden, hohen Zäunen und Kameras, taucht der Besucher in eine ungewohnte Falkenzuchtwelt ein. Einer der größten Betriebe, der 1963 von dem inzwischen 92-jährigen Egon Müller aufgebaut und vor 30 Jahren von Küspert und seinem Bruder Harald übernommen wurde. Müller hatte sich zuvor mit einer Pionierarbeit aus der aktiven Falkenzucht verabschiedet: Als Erstem war dem Münsteraner die Nachzucht der Weißen Gerfalken gelungen.

Das „Falcon Center” entwickelte sich glänzend: 1993 wurden die ersten Falken außerhalb der EG verkauft. Die Zahl der Mitarbeiter belief sich im Jahr 2000 auf 20. Pro Jahr wurden rund 500 Falken gezüchtet.

Rätselhaftes Massensterben

Bis es zu einem rätselhaften Massensterben unter den Tieren kam: Etwa 400 Falken verendeten. Als mögliche Ursache wurden Schimmelpilze einer benachbarten Pilzfarm ausgemacht. Der langjährige Rechtsstreit vor Gericht führte zu keinem eindeutigen Ergebnis. Es kam zum Vergleich. Inzwischen, so Hans-Jürgen Küspert, habe die Pilzfarm eine Reihe von baulichen Veränderungen vorgenommen. Regelmäßige Messungen sorgten für die Überwachung der Pilzsporenmenge in der Luft. Die Beziehungen zu den Verantwortlichen des benachbarten Betriebes, betont Küspert, seinen kooperativ, man tausche sich aus. „Das Thema ist abgehakt.”

Das große Sterben unter den edlen Greifvögeln führte jedoch dazu, dass sich der Helvesieker Falkenzuchtbetrieb zweiteilte: Bruder Harald, heute 59, wechselte mit rund 500 Falken aus dem Landkreis Rotenburg nach Spanien und baute in den Pyrenäen einen neuen Betrieb auf. Hans-Jürgen Küspert blieb, führt heute die Zucht als deren Mitgesellschafter sowie als Chef von vier festangestellten sowie drei Teilzeitmitarbeitern.

Gut 150 Jungfalken werden pro Jahr gezüchtet

„Wir züchten hier in Helvesiek jedes Jahr etwa 150 Jungfalken. Die Tiere sind in sechs Wochen ausgewachsen und werden anschließend nach Spanien transportiert“, so der 55-Jährige. Anschließend würden sie mit den dort gezüchteten Falken im Herbst des jeweiligen Jahres weltweit vermarktet. „Wenn Falken beim Endkunden angekommen sind, dann beginnt ihr Training für die Beizjagd, das dann innerhalb eines Jahres abgeschlossen werden muss.”

Absolute Hygiene, exaktes Arbeiten und artgerechter Umgang mit den wertvollen Vögeln gehören in Helvesiek unter anderem zu den Maximen der anspruchsvollen Zucht. Dazu zählen weiter regelmäßige Kontrollen durch Fachbehörden des Landkreises.

In einem unter anderem von den Brüdern Küspert verfassten Sonderdruck zur Falkenzucht heißt es: „Unsere Betriebsstrategie orientiert sich vorwiegend an kommerziellen Gesichtspunkten, was für einen reinen Privatbetrieb ohne jegliche Unterstützung eine unabdingbare Tatsache darstellt. Aufgrund des Umfanges und der Einzigartigkeit des Falkenbestandes sind für wissenschaftliche Arbeiten und Betrachtungsweisen viele Möglichkeiten gegeben. Außerdem muss eindringlich darauf hingewiesen werden, dass die Nachzucht von Falken einen aktiven Beitrag zum Artenschutz leistet, indem durch Deckung der privaten Nachfrage der Druck auf frei lebende Populationen ausgeschlossen werden kann.”

Die Beizjagd: Ursprung und Entwicklung

Die Beizjagd, das Jagen ohne Schlinge und Falle, ohne Kugel und Korn, sondern mit intelligenten, blitz- und reaktionsschnellen Greifvögeln, entstand vermutlich vor etwa 3500 Jahren in Zentralasien. Privileg und Statussymbol des Adels, lange Zeit von kleinen Schichten „gepachtet”, ist die Beizjagd inzwischen längst nicht mehr.

In Deutschland gibt es heute rund 2 000 Falkner, organisiert in mehreren größeren Verbänden und kleineren Vereinen. Sie, die unter anderem mit Gerfalken, Sakerfalken, Wanderfalken, mit Habichten, Sperbern, Wüstenbussarden, Stein- und Weißkopfseeadlern arbeiten, müssen eine in Praxis und Theorie geteilte Falknerprüfung ablegen.

Nur untergeordnete Bedeutung hat inzwischen die traditionelle Beizjagd. Dafür hat die Falknerei auf Flugfeldern zur Vertreibung von Vogelschwärmen als Flugunfallverursacher eine große Bedeutung. Falken werden außerdem eingesetzt zur Jagd auf Tauben oder auf Kaninchen in Parks und Wohngebieten, wo aus Sicherheitsgründen auf Schusswaffengebrauch verzichtet werden muss.

Die traditionellen Übungswerkzeuge für Greifvögel, das Federspiel als Beuteattrappe und der Balg als Trainingsgerät gibt es auch heute noch, genau wie vor Hunderten von Jahren. Seit 2014 ist die Falknerei in Deutschland zusammen mit 17 anderen Staaten in das Immaterielle Kulturerbe der Unesco eingetragen.

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