Das Leben eines Jungtieres im Online-Tagebuch

Mit der Digicam im Kälberstall

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Bitte recht freundlich: Karsten Indorf knipst die nächsten Fotos für sein Tagebuch-Projekt. Seit ein paar Tagen darf Sarah in den Freiluft-Laufstall.

Stemmen - Von Lars Warnecke. Das Leben eines Fotomodells kann ganz schön aufregend sein. Erst recht, wenn es so gefragt ist wie Sarah. Wenn sie könnte, würde sie vermutlich ein Lied davon singen. Kann sie aber nicht, denn Sarah ist nicht etwa von wespenschlanker Figur, mit üppigen Brüsten und einem verführerischen Augenaufschlag. Nein, Sarah ist ein Kalb – und der tierische Star auf dem Brunkshof in Stemmen. Mit seinem im Internet zugänglichen Video- und Fototagebuch dokumentiert Milchviehhalter Karsten Indorf den Werdegang der jungen Dame. Eine Idee, mit der der Landwirt vor allem eins erreichen möchte: Transparenz.

Im Gruppenkälberstall, der mit Stroh ausgestreuten Rinder-Kinderstube, herrscht Hochbetrieb. 15 Jungtiere, keines älter als sechs Monate, sind in hier einquartiert. Und hier hat auch Sarah das Licht der Welt erblickt. Drei Wochen ist das jetzt her. Ihre Mutter Hettie hat sie seitdem nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Acht bis 15 Stunden bleibe das Kalb nach der Geburt bei der Kuh, sagt Indorf. Dann werden sie voneinander getrennt. Ganz schön herzlos, möchte man meinen. „Will ich aber Milch produzieren, kann ich meine Kühe nicht mit den Kälbern laufen lassen“, gibt der 39-Jährige zu verstehen. Eines Tages wird auch Sarah mit dem Melkroboter angezapft, so wie ihre Mutter und die 60 anderen Kühe, die Indorf auf seinem Hof hält.

Klar, es könne nicht jeder jeden Tag in einen Stall gucken. Tier- und Seuchenschutz würden dagegen sprechen, sagt der Milchbauer. „Deshalb habe ich das Online-Tagebuch eingerichtet.“ Das bietet einen Blick hinter die bäuerlichen Kulissen, der in dieser Form wohl seinesgleichen sucht. „Ich jedenfalls kenne niemanden, der mit der Digital-Kamera fast täglich in den Stall geht“, meint Indorf mit einem Augenzwinkern.

Zwischen all den Kälbern ist Sarah, übrigens die Patenkuh von Indorfs Nichte, schnell ausfindig gemacht. Sie trägt auf ihrem Halsband die Nummer eins. Irgendwie bezeichnend. Seit wenigen Tagen darf das Kalb in den benachbarten Laufstall. Seine scheinbar unbändige Freude, endlich an die frische Luft zu dürfen – auch das hat Karsten Indorf in bewegten Bildern festgehalten. Anschauen kann man sich das Ganze gegen eine kleine Freischaltgebühr auf www.brunkshof.de, der Internetseite des Stemmer Betriebs, den der dreifache Familienvater gemeinsam mit seinen Eltern in mittlerweile 23. Generation führt.

Die chronologisch erzählte Geschichte eines Kalbes

Was der geneigte Nutzer im Internet zu sehen bekommt, ist die die chronologisch erzählte Geschichte eines Kalbes – angefangen von seiner Geburt über die Enthornung und Stallsäuberung bis hin zur Fütterung durch den Tränkeautomaten, alles fachmännisch kommentiert, erläutert und bei Bedarf individuell online beantwortet – von Landwirt Indorf höchstpersönlich.

Fortsetzung folgt. So will der auch auf Youtube, Facebook und Twitter vertretende Landwirt ebenso Sarahs erste Schritte auf der Weide dokumentieren. „Das wird bestimmt ein Erlebnis, wenn sie da erst mal herumspringt“, weiß er aus Erfahrung. Bis dahin muss sich das „Kuh-Mädchen“ aber noch etwas gedulden: Erst im Alter von sechs Monaten würden die Kälber aus dem Jungviehstall ausquartiert. Dann ziehen Sarah und ihre Altersgenossen in die nächste Bucht um. In zwei Jahren sei sie dann selbst im kalbungsfähigen Alter – „wenn alles gut geht, und sie nicht, wie es in der Landwirtschaft schon mal passieren kann, aus welchem Grund auch immer vorher das Zeitliche segnet“. So sei erst im vergangenen Jahr eines seiner Tiere auf der Weide vom Blitz getroffen worden.

Dass Indorf mit seiner Offenheit nicht unbedingt typisch ist für seine Branche, ist ihm bewusst. „Aber das war bisher ja genau das Problem“, sagt der 39-jährige. „Wir haben nicht gezeigt, was wir tun und was wir auch guten Gewissens tun können, sondern wurden stattdessen mitunter als Giftmischer oder Tierquäler an den Pranger gestellt.“ Genau diese Vorverurteilung wollte er nicht mehr hinnehmen. „Es nützt ja nichts, darüber zu jammern, deshalb mache ich jetzt etwas selbst.“

Den Erlös aus der Freischaltgebühr, sie beträgt einen Euro, will Karsten Indorf übrigens in eine elektrische Kuhbürste investieren. „Die bekommt dann Sarah, wenn sie groß ist.“

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