Inklusion ist ihr wichtig

„Die Liste ist lang und komplex“: Die Fintelerin Daniela Poltrock vom Landeselternrat im Gespräch

Daniela Poltrock ist seit Ende Mai 2021 Vorsitzende im Landeselternratsausschuss Oberschule. Das Thema Inklusion sei ihr ein Herzensanliegen, sagt die Fintelerin.
+
Daniela Poltrock ist seit Ende Mai 2021 Vorsitzende im Landeselternratsausschuss Oberschule. Das Thema Inklusion sei ihr ein Herzensanliegen, sagt die Fintelerin.

Fintel – Pandemiebewältigung, Lehrermangel, Digitalisierung – die Bildungslandschaft in Niedersachsen steht weiterhin vor großen Herausforderungen. Eine, die die drängenden Themen von Elternseite her hinterfragt, ist Daniela Poltrock. Seit Mai ist die Fintelerin im Landeselternrat (LER) tätig – als erste Vorsitzende im Ausschuss Oberschule. Im Interview spricht die 50-Jährige über die Situation der seit 2010 bestehenden Schulform im Speziellen und das Bildungswesen im Allgemeinen.

Frau Poltrock, wie sehen Sie die Oberschule in Niedersachsen aufgestellt?

Wie bei fast allen weiterführenden Schulen auch, besteht an den Oberschulen seit Jahren schon ein extremer Lehrermangel, insbesondere auch fachspezifisch. Offenbar scheint der Beruf für viele Menschen nicht mehr attraktiv zu sein. Generell hat jede Lehrkraft ja auch immens viel vor- und nachzuarbeiten. Erschwerend hinzu kommt ja noch, dass Lehrkräfte für die verlässlichen Grundschulen abgeordnet werden, sobald dort ein Mangel herrscht. Das stellt weitestgehend generell auch ein Problem dar, welches Stundenausfall und Studientage zur Folge hat, was natürlich nicht gerade optimal ist.

Was müsste denn getan werden, um den Beruf attraktiver zu machen?

Meiner Meinung nach sollten auch und vor allem im ländlichen Raum bessere Konditionen für Lehrkräfte angeboten werden – etwa, indem das Land für sie die Besoldung anpasst. Da gilt es noch, Mittel und Wege zu finden. Schule ist im weitesten Sinne Ländersache, auch wenn es auf die Kommunen oder Städte übertragen wird.

Kommen wir auf Corona zu sprechen. Ist die momentane Situation an den Schulen in Pandemiezeiten für Sie zufriedenstellend?

Das kann man so oder so sehen. In vielen Bereichen, etwa beim Homeschooling, hat es mit der Digitalisierung ja ganz gut geklappt. Natürlich kommt es dabei aber auch immer darauf an, wie im Distanzunterricht der Lehrer mit seinen Schülern umgeht. Ich habe schon mehrfach gehört, dass einige sich gar nicht um die Kinder gekümmert hätten. Dann gibt es ganz engagierte Lehrkräfte, die auch mal mit ihren Schülern telefonieren, nachfragen, E-Mails schreiben. Präsenz ist natürlich immer das Beste, kann man doch nicht davon ausgehen, dass die Zeit, das Engagement und das Wissen im Alltag in den eigenen vier Wänden, was in der Schule präsent ist, aufgebracht werden kann. Sicher, einige Schüler haben durch das Homeschooling profitiert, andere sind aber buchstäblich hinten runtergefallen. Das wird eine große Herausforderung für alle werden, das aufzufangen. Von den teilweise sozial-emotionalen Aspekten mal ganz abzusehen. Selbst Kinder, die vorher nicht verhaltensauffällig waren, können durch die Einschränkungen jetzt auffällig werden. Das stellt man an den Schulen schon fest.

Welche Anfragen oder Beschwerden erreichen Sie von Eltern jetzt in der Pandemie?

Zum Beispiel, dass beim Thema Verordnung immer ganz kurzfristig entschieden werde. Gerade jetzt vor den Weihnachtsferien äußerten die Lehrer, auch manche Eltern, kritisch, die Landesregierung habe die Verantwortung abgegeben, indem die Eltern selber entscheiden sollen, ob sie ihre Kinder die letzten drei Tage in die Schule schicken oder nicht. Dann kommen auch immer Themen hinsichtlich der Schülerbeförderung auf – gerade jetzt in dieser Jahreszeit sind die Busse wieder überfüllt. Da lässt sich auf Abstände nur schwerlich achten.

Eine große Baustelle ist sicherlich die Inklusion, für die Sie sich ja im Besonderen engagieren.

Ja, das ist an den Regelschulen ein ganz großes Thema, dem sich jetzt der Landeselternrat auch verstärkt annehmen wird. Dazu habe ich im Plenum einen Antrag auf Bildung eines Inklusionsausschusses gestellt, der auch stattgegeben wurde. Am 10. Januar haben wir unsere konstituierende Sitzung.

Hand aufs Herz: Ist Inklusion mit dem Personalmangel und erforderlicher Sonderbetreuung überhaupt machbar?

Zumindest ist die Umsetzung an den weiterführenden Schulen eine große Herausforderung. In erster Linie sind wir uns in unserem Ausschuss der Oberschulen darin einig, dass die Wahlfreiheit, ob Eltern ihre Kinder auf eine Förder- oder eine Regelschule schicken möchten, erhalten bleibt. Aber uns ist auch klar, dass gerade an den weiterführenden Schulen etwas dafür getan werden muss, dass für alle Schüler ein gerechter Bildungsweg stattgegeben werden kann. Das kann aber nicht passieren, wenn beispielsweise pädagogische Mitarbeiter ihren Vertrag nicht verlängert bekommen, den Fachlehrern nur eine bestimmte Anzahl an Stunden in den Schulen zugeteilt wird und die Räumlichkeiten sowie das Material fehlen. Und das kann auch nicht geschehen, wenn die Schulsozialarbeit nicht ausreichend ist. Das Spektrum bei der Inklusion ist jedenfalls breit und die Liste ist lang.

Sie sprechen aber sicher nicht nur Kinder mit einer Lernschwäche an.

Nein, das ist wahr. Man darf unter anderem auch Hochbegabte nicht vergessen, Kinder mit Körperbehinderung, mit Autismus und solche mit Migrationshintergrund, die oft eine extra Unterstützung brauchen. Das ist zweifelsohne für jede Lehrkraft eine enorme Herausforderung, den Unterricht so zu gestalten, dass wirklich jedes Kind mitkommen kann. Aber ohne Hilfe beziehungsweise Unterstützung ist das nicht machbar. Auch, wenn sich Schulassistenten oder Bufdis in der Klasse befinden, reicht es teilweise nicht aus. Unsere Vorstellung auf Umsetzung im Ausschuss bedeutet, vieles zu bedenken.

Die Ganztagsbetreuung ist natürlich auch ein Thema, was Eltern generell beschäftigt. Vor allem, wenn sie voll berufstätig sind.

Richtig. Bei den weiterführenden Schulen ist das, abgesehen von den Klassenstufen 5 bis 7, jedoch nicht ganz so relevant wie in der Grundschule. Allerdings findet der Ganztagsbetrieb in den meisten Schulen nur bis etwa 15 Uhr statt und dann teilweise nur von montags bis donnerstags. Das bringt manchmal nicht so viel, wenn Kinder dann – wenn es angeboten wird – eher in den Hort gehen, damit eine Betreuung bis mindestens 17 Uhr gewährleistet ist. Das ist auch in den Ferien so. Eine Hortbetreuung ist meistens aber kostenpflichtig. Hausaufgaben und Lernzeit müssen oftmals zu Hause ergänzt werden, da manchmal die Zeit in der Hausaufgabenbetreuung im Ganztag nicht ausreicht. Die Angebote für die Nachmittagsbetreuung in Schulen sind generell sonst ausreichend und altersgemäß, wobei Unterricht dann eher weniger stattfindet.

Man stelle sich vor, es ist Elternabend und keiner geht hin. Tatsächlich ist das in der Realität nicht selten zu beobachten. Sind Eltern von Oberschülern überhaupt interessiert an dem, was die Vertretung macht? Oder repräsentieren Sie nur einige wenige Engagierte?

Was die Elternarbeit an den Oberschulen angeht, ist man da schon ganz gut aufgestellt. Es gibt immer eine Handvoll Eltern, die sich ganz stark engagieren – etwa in den Fördervereinen. Aber es stimmt schon: Bei meinem Sohn, der an der Fintauschule Lauenbrück die neunte Klasse besucht, saßen wir beim Elternabend neulich nur zu dritt. Dabei hätten es doch eigentlich mehr sein sollen, geht es in dieser Klassenstufe doch schon in die berufliche Zukunft. Ich habe das Gefühl, je höher die Stufen sind, umso weniger kommen zum Elternabend. Meine Tochter etwa ist jetzt im sechsten Jahrgang – da war die Aula richtig voll.

Sie sind als erste Vorsitzende für drei Jahre gewählt. Was möchten Sie noch erreichen?

Es wird sich zeigen, was jetzt noch auf uns zukommt. Wir haben aber einiges auf dem Zettel, was wir erreichen möchten. Es gibt viele neue Gesichter im LER, aber es sind noch einige aus dem alten Gremium dabei – und das ist natürlich gut so.

Zur Person

Daniela Poltrock lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern in Fintel. Seit 2004 engagiert sie sich in der Elternarbeit – erst im Kindergarten-, später im Schulbereich. „Mich interessiert die Entwicklung der Kinder, dass es mit der Schulbildung vernünftig weitergeht“, sagt die 50-Jährige, die auch im Kreiselternrat mitmischt. Im 16. Landeselternrat, der sich Ende Mai 2021 konstituierte, ist Poltrock nicht die Einzige mit kreisrotenburger Wurzeln. Neben ihr sind auch Marje Grafe (Rotenburg, vertritt die Gesamtschulen) und Wiebke Scheidl (Tarmstedt, Grundschulen) in dem Gremium aktiv. Über ihr dortiges Engagement hinaus setzt die Fintelerin sich noch anderweitig ehrenamtlich ein – unter anderem ist sie Asylbegleiterin, hat zehn Jahre lang für den Offenen Mittagstisch in Fintel gekocht und den Kochtreff für Asylbewerber in der Lauenbrücker Fintauschule mit auf die Beine gestellt. Darüber hinaus sitzt sie für die SPD als beratendes Mitglied im Finteler Samtgemeindeausschuss für Bildung, Soziales und Jugend, ist aber selbst parteilos.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Näher dran

Näher dran

Näher dran
In Ostervesede gestrandeter „Circus May” ist immer noch auf Spenden angewiesen

In Ostervesede gestrandeter „Circus May” ist immer noch auf Spenden angewiesen

In Ostervesede gestrandeter „Circus May” ist immer noch auf Spenden angewiesen
Autofahrerin verletzt sich bei Unfall auf Glatteis schwer

Autofahrerin verletzt sich bei Unfall auf Glatteis schwer

Autofahrerin verletzt sich bei Unfall auf Glatteis schwer
Gemeinde Reeßum: Straßenschadenskataster soll Prioritäten klären

Gemeinde Reeßum: Straßenschadenskataster soll Prioritäten klären

Gemeinde Reeßum: Straßenschadenskataster soll Prioritäten klären

Kommentare