Kirstin Stutzke über ihr Leben, Dehoga-Chats und kreative Ideen

Die Liebe in der Küche

Ein weihnachtliches Dessert? Kirstin Stutzke hat da was vorbereitet – stilecht in einer Glühweintasse.
+
Ein weihnachtliches Dessert? Kirstin Stutzke hat da was vorbereitet – stilecht in einer Glühweintasse.

Lauenbrück – Still ist es im Lauenbrücker Hof, ein ungewohntes Bild. Kirstin Stutzke sitzt an einem der Tische im Gastraum, der Blick schwenkt zu den Spuckschutzscheiben am Tresen und zu den Desinfektionsspendern am Eingang – notwendige Anschaffungen inmitten von winterlicher Dekoration. Die Inhaberin ist trotz aller Rückschläge letztes Jahr nicht unglücklich. „Es gab viel Unterstützung aus dem Ort, damit habe ich gar nicht gerechnet“, erklärt sie. Mit ein Grund, warum sie immer wieder neue, kreative Ideen entwirft, mit denen sie ihren Betrieb in der Corona-Zeit über Wasser halten möchte.

Der ist seit 1963 im Besitz ihrer Familie. Vor ihr führten ihre Eltern den Hof, bis sie ihn den beiden vor sechs Jahren abgekauft hat – als älteste von vier Geschwistern war das früher noch gang und gäbe, dass der Familienbetrieb weitergeführt wird, erklärt Stutzke. Jetzt schwingen ihr Mann und sie das Zepter, unterstützt von einer ihrer Schwestern. Vor ihren Eltern haben ihre Großeltern den Betrieb geschultert. Wenn möglich, würde sie diesen gerne an ihre Kinder weitergeben – aber das stehe in den Sternen, sagt die 48-Jährige. Es ist viel Verantwortung, vor allem in diesen unsicheren Zeiten, die auf ihren Schultern lastet. „Das setzt mir nachts schon zu“, gibt sie zu. Von daher hat sie Verständnis, wenn ihre Kinder andere Wege einschlagen.

In der Küche ist sie mit ihrem Mann alleine – er ist ihr damaliger Ausbilder. „Früher hatte mein Mann das Sagen, heute ich“, merkt sie lachend an. Er sei dafür verantwortlich, dass sie letztlich dort gelandet ist: Eigentlich wollte Stutzke Hotelfachfrau lernen, „aber dann bin ich in der Küche geblieben“, erinnert sie sich. Seit 1992 kocht sie mit im elterlichen Betrieb, aber Wege hätten ihr nach ihrer Ausbildung viele offen gestanden, sagt sie. Zu verdanken sei das einer ihrer Lehrerinnen in Lauenbrück gewesen. „Sie hat den Groschen gelöst“, ist Stutzke noch heute dankbar. Durch sie und ihre Hilfe auch außerhalb der Schulzeit hatte Stutzke sich immer weiter verbessert. Ihre Lehrerin hat sie angetrieben, ihr Mut gemacht – auch, als es zur Berufsfachschule ging. Ihre Ausbildung hat Stutzke in Buchholz gemacht, den schulischen Teil daher in Lüneburg absolviert. Viel Fahrerei, aber das Ergebnis war es wert: ein super Abschluss.

So war Stutzke denn auch bei den Deutschen Meisterschaften in Frankfurt dabei, beim Rudolf Achenbach-Preis, dem Bundesjugendwettbewerb des Verbandes der Köche Deutschlands. „Ich war fachlich auf einem hohen Niveau und habe mich sehr dafür interessiert“, berichtet sie. Der erste Preis sei damals eine Reise nach Sydney gewesen, um im Hilton Hotel den Meister zu machen. Den habe sie zwar verfehlt, dennoch hatte ihre Teilnahme ihr andere Türen geöffnet. Mehrfach war sie angefragt worden, ob sie im Ausland arbeiten möchte. Eine besondere Chance, die Stutzke jedoch letztlich absagte – um ihren Eltern zu helfen. Und sie sieht in ihrer Entscheidung etwas Positives: „Wenn ich diese Karriere hätte, hätte ich heute meine beiden tollen Jungs nicht – ich bereue nichts.“

Auch jetzt in Corona-Zeiten habe sie viele Freunde gewonnen. Sie spielt auf den Dehoga-Chat regionaler Gastronomen an, der sich in den vergangenen Monaten gefunden hat. Es geht nicht mehr nur um Konkurrenz, es geht um Zusammenhalt. „Der Chat ist hilfreich, zum Beispiel wenn freitags Verordnungen kamen und man nicht wusste, was man am Wochenende darf.“ Als sie letztens einen Termin nicht wahrnehmen konnte, hat sie einen Kollegen gefragt. Sie sollte für die virtuelle Weihnachtsfeier einer Firma kochen, die Teilnehmer jeweils in ihrem Zuhause dabei. „Die Gruppe war das Beste, was in dieser Zeit passieren konnte – letztlich haben wir alle die gleichen Sorgen.“

Eine alleinige Sorge bleibt aber aktuell der Bau der Wümmebrücke: Wer die Umleitung fährt, dessen Essen könnte kalt sein, wenn er Zuhause ankommt. Denn Gäste kommen nicht nur aus dem Ort. Die Zufahrt nach Lauenbrück ist bereits ab der Kreuzung an der Bundesstraße 75 gesperrt. Dort ist zwar ein Schild, für das Stutzke lange gekämpft hatte, aber das nützt ihr derzeit herzlich wenig. Einen humorvollen Hoffnungsschimmer sieht sie aber: Mit der Libellenart, die sich bei der Brücke einnistet, „habe ich vielleicht einen Monat gewonnen“.

Auf die Zukunft schaut sie dennoch zwiegespalten – auch in einer Zeit, in der es „einen Hype um die Küche gibt“, viele Kochsendungen im Fernsehen, Küchenmaschinen im eigenen Zuhause. Und sie spricht auch das Infektionsschutzgesetz an. „Wer geht denn noch in unsere Branche?“ Der Personalmangel sei schlimm, perspektivisch werde das nicht besser. „Und im Ländlichen ist es eh nochmal schwieriger“, meint sie. Vor Corona hätten Schülerinnen ausgeholfen – ob diese später noch da sind, weiß sie nicht. „Wir sind seit neun Monaten in einem Schneewittchenschlaf – und ein Ende ist nicht in Sicht.“

Stutzke rechnet mit vier bis fünf Jahren, bis alles wieder seinen gewohnten Gang gehen könnte. Dabei seien Gasthäuser wie ihres auch in puncto Kultur wichtig, sorgen im ländlichen Raum für Geselligkeit. Viele kommen zum Beispiel zum Mittagessen, auch, um nicht alleine zu sein. „Das ist wichtig für die Menschen im Ort – manche vereinsamen sonst.“ Der Trend geht auch eher zu kleineren Feiern, vermutet sie, dann vielleicht schicker.

Aber mit allem, das gerade anfällt, sei auch ihr Kampfgeist erwacht – in Form von vielen kreativen Ideen. „Jede Woche muss was Neues her. Und ich sauge alles extrem auf – schon immer“, meint sie. Sieht sie neue Ideen, die anwendbar sind, werden sie umgesetzt. Früh hatte sie deswegen eine Wickelecke eingerichtet und Plastikgeschirr für ältere Gäste angeschafft, denen das normale Besteck beim Essen weh tut. Heute sind es coronakonforme Einfälle, wie ein Wohnwagen-Dinner, bei denen die Leute draußen parken und in ihrem Wohnwagen ein Essen genießen können. Oder eine kleine, private „Grünkohltour“ ist in Planung, ebenso eine Idee zum Valentinstag.

Auf eine Quarantäne-Box hat ihr DJ sie gebracht. „Wer Zuhause ist, kann ja nicht 14 Tage Tiefkühlkost essen“, findet sie. Also hat sie rumgefragt: Was würde sich jemand wünschen, der krank Zuhause ist? Die Ideen sind in die Box geflossen. Und das habe sie in den vergangenen Monaten viel professioneller aufgezogen. „Ich war auch noch nie so oft am Handy“, sagt sie und grinst – viele Bestellungen laufen über „WhatsApp“ ein. Die Ideen gehen der 48-Jährigen auf jeden Fall noch lange nicht aus. Auch, wenn es still ist im Lauenbrücker Hof.  acb

Quarantäne-Boxen, Weihnachtstüten, jede Woche etwas Neues, hat sich Kirstin Stutzke als Ziel gesetzt.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

So fährt es sich im Ford Mach-E

So fährt es sich im Ford Mach-E

Desserts mit Gemüse zubereiten

Desserts mit Gemüse zubereiten

Die Samsung Galaxy S21 im Test

Die Samsung Galaxy S21 im Test

Rüstige Rentner statt Hippies und Hare Krishna

Rüstige Rentner statt Hippies und Hare Krishna

Meistgelesene Artikel

Start des Impfzentrums in Zeven ist noch unklar

Start des Impfzentrums in Zeven ist noch unklar

Start des Impfzentrums in Zeven ist noch unklar
Zweieinhalb Jahre nach CDU-Austritt: Andrea Kaisers AfD-Beitritt mit Ankündigung

Zweieinhalb Jahre nach CDU-Austritt: Andrea Kaisers AfD-Beitritt mit Ankündigung

Zweieinhalb Jahre nach CDU-Austritt: Andrea Kaisers AfD-Beitritt mit Ankündigung
Bauland für Wittorfer Familien in Sicht

Bauland für Wittorfer Familien in Sicht

Bauland für Wittorfer Familien in Sicht
Widerstand gegen Sperrung der Goethestraße in Rotenburg

Widerstand gegen Sperrung der Goethestraße in Rotenburg

Widerstand gegen Sperrung der Goethestraße in Rotenburg

Kommentare