Lauenbrückerin Esperanza Freude-Quade stellt spanische Krippe auf

Das Scheißerchen an der Wiege

Alle Jahre wieder baut Esperanza Freude-Quade im Wohnzimmer ihre Riesenkrippe nach spanischem Vorbild auf. „Das hat Tradition bei uns“, sagt sie.
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Alle Jahre wieder baut Esperanza Freude-Quade im Wohnzimmer ihre Riesenkrippe nach spanischem Vorbild auf. „Das hat Tradition bei uns“, sagt sie.

Lauenbrück – Die Krippenszene im Hause Freude-Quade ist malerisch: Maria und Josef bestaunen das Jesuskind, ein Engel verkündet den Hirten auf dem Felde die frohe Botschaft, Schafe, Ziegen und Esel bevölkern den Stall und die Heiligen Drei Könige eilen mit Geschenken herbei. So weit, so bekannt. Aber was ist das? Hinten in einer Ecke hockt ein Bauer und verrichtet mit heruntergelassener Hose sein Geschäft. Blanke Hintern und braune Häufchen in der stillen und Heiligen Nacht? „Na klar, das ist halt das ganz normale Leben“, sagt Esperanza Freude-Quade (56). Ein „Caganer“ (kleiner Scheißer) gehöre im nordostspanischen Katalonien schon seit dem 17. Jahrhundert zu den traditionellen Krippenfiguren. „Ein Scheißerchen nicht aufzustellen, soll Unglück bringen, weil Fäkalien die Erde ja auch fruchtbar machen und die Caganer deshalb Glück und Fröhlichkeit für das kommende Jahr verheißen“, klärt die Lauenbrückerin auf.

Sie muss es ja wissen, liegen ihre familiären Wurzeln doch im südspanischen Granada. Und dort, sagt sie, seien Krippen, die mehr abbilden als nur den Stall zu Bethlehem, weit verbreitet. „Mein Vater, ein Kunstmaler, hat so eine mal für uns Kinder zum Spielen gebaut – die reichte mit dem Papp-Schloss von Herodes bis unter die Decke“, erinnert sie sich. Das Schloss gebe es schon lange nicht mehr, aber noch heute zieren ein paar Originalteile ihr Wohnzimmer. Denn an der Tradition, jedes Jahr zu Weihnachten die spanische Krippe aufzustellen, hält Freude-Quade nur allzu gerne fest. Aus nostalgischen Gründen, wie sie sagt, weniger aus religiösen.

Alles was sie dazu braucht: einen stabilen Tisch, Kartons, Lichterketten und ganz viel zerknülltes Packpapier. Daraus modelliert sie auf vier Quadratmetern eine Gebirgslandschaft, die sie anschließend mit aus Kunststoff oder Gips gefertigten Figuren und Gebäuden bestückt. Hier eine Windmühle, dort ein Ententeich mit Wasserfall und Brücke und wieder andernorts schiebt gerade ein Bäcker das Brot in den Backofen – das Hamburger Miniatur-Wunderland lässt grüßen, nur eben ohne Züge und Autos. „Die Krippe selbst mit ihren Figuren ist noch aus den Sechzigern, die ist so alt wie ich“, schmunzelt die Frau mit der kreativen Ader, die für den Aufbau mindestens zwei Tage benötigen würde. „Das Ganze wird immer sieben mal zusammengeklatscht, bis es aussieht, wie es jetzt aussieht.“ Dabei dürfe das ein oder andere Element auch schon mal gerne an ganz anderer Stelle stehen. „So, wie ich halt Lust habe und wie es mit der Lichterkette am besten passt.“ Nur das Herodes-Schloss, das früher einmal dreidimensional war, findet Jahr für Jahr seinen Stammplatz: als gemaltes Bild an der Wand. „Vielleicht baue ich irgendwann mal aus Pappe ein Neues, wenngleich ich eher von der Töpferfraktion bin.“

Gerne erinnert sich Freude-Quade an die Zeiten zurück, als es in Lauenbrück noch einen Lebendigen Adventskalender gab. „Da haben sich die Kinder, wenn ich als Gastgeberin an der Reihe war, immer sehr an meiner Krippe erfreut, während ich spanische Lieder dazu gespielt und die Weihnachtsgeschichte vorgelesen habe.“ Diese Freude empfinde sie auch selbst, als erwachsene Frau noch immer: „Ich stehe jeden Tag davor und schaue mir das bunte Treiben gerne an – Maria bekommt ihr Kind, das ist wunderbar, aber es gibt eben nicht nur Maria, Josef und Jesus, sondern eben auch Leute, die ihrem ganz normalen Tagesgeschäft nachgehen.“ Um das Leben drumherum detailgetreu nachzustellen, greift die Lauenbrückerin auf einen reichen Fundus an Figürchen zurück – Hirten, Heilige, Bäcker, Kameltreiber, Bauern und Waschweiber. „Mit den Tieren sind das bestimmt mehr als 100“, schätzt sie. Allerdings stammten die wenigsten noch aus der Manufaktur des inzwischen verstorbenen Vaters. Während der zu Papier gegriffen habe, um selbst noch so filigrane Gesichtszüge perfekt zu kreieren, komme der Löwenanteil inzwischen aus dem Handel. „In Spanien werden die Figuren noch immer sehr viel verkauft, weil es dort eben ja auch Tradition ist.“

Gerne macht sich Esperanza Freude-Quade einen Spaß daraus, ihre Gäste auf die Suche nach dem „Scheißerchen“ zu schicken. „Meistens ist der immer direkt neben der Jesus-Wiege zu finden – bei mir aber nicht“, berichtet die Mittfünzigerin, die in Lauenbrück die Bahnhofskneipe betreibt. Und noch eine Figur, die man in unseren Gefilden so vielleicht gar nicht erwarten würde, hat sich gut versteckt: der Pixaner, zu deutsch: Pinkler. Dabei handelt es sich um ein Männchen mit offenem Hosenstall, das die Felder auf seine ganz eigene Weise bewässert. „Auch den haben die Katalaner erfunden – und er wird wie sein Gefährte von der katholischen Kirche Spaniens längst als Teil der Tradition akzeptiert.“, erläutert sie.

Und was sagt Raymond Quade, der Ehemann ohne spanische Wurzeln, dazu, dass es alle Jahre wieder eine solch große Krippe sein muss? „Man gewöhnt sich daran – solange meine Frau Spaß daran hat, habe ich es auch. Hauptsache es ist immer noch Platz für einen Weihnachtsbaum in unserem Wohnzimmer.“  lw

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