Tino-Pascal Erdmann aus Lauenbrück betreibt Imkerei auf seinem Balkon

Das Bienenwohl fest im Blick

Tino-Pascal Erdmann mit Bieienvölkern auf seinem Balkon.
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Um seinem Hobby gebührend Platz einzuräumen, hat Tino-Pascal Erdmann seinen Balkon komplett umgebaut. Dort stehen die Nisthilfen für seine sieben Bienenvölker.

Lauenbrück – Nein, ein normaler Imker, der sei er ganz gewiss nicht, sagt Tino-Pascal Erdmann. Nur um den Honigertrag ginge es ihm nämlich nicht. Sage und schreibe sieben Bienenvölker unterschiedlicher Rasse nennt der Lauenbrücker sein Eigen. „Klassiker“ wie die Buckfast und die Carnica betreut er ebenso wie die in Imkerkreisen weniger populäre Schwarze Biene, die eher wenig Honig abwirft und auch bei der Liegeleistung mehr schlecht denn recht abschneiden würde. „Ich habe sie alle“, verkündet der 31-Jährige stolz. Warum diese Vielfalt? Will der „Bienenmann“ etwa einen Züchterpreis abräumen? „Aber nein“, entgegnet Erdmann, „mir geht es allein um das Bienenwohl und weil man dadurch ja auch am Ende einen Mehrertrag hat.“ Dafür habe er ordentlich Geld in die Hand genommen, ja, sogar einen Kredit aufnehmen müssen. Aber dazu später.

Erst 2018, erzählt er, habe er mit der Imkerei angefangen – damals mit nur zwei Völkern. „Ich war als naturverliebter Mensch schon immer an Bienen interessiert.“ Derzeit ist es auf Erdmanns Balkon noch totenstill. Dort sind sie versammelt, die Kästen mit den Nisthilfen. Kein Summen, kein Brummen – die geflügelten Tierchen verbringen die kalte Jahreszeit im Winterschlaf. „Dazu bilden sie eine Traube und wärmen sich gegenseitig durch das Vibrieren ihrer Muskulatur“, erläutert er. Die Königin sitze derweil in der Mitte, habe nichts zu tun, das Brutgeschäft ruhe im Winter.

Erst ab März, und dann bis in den August hinein, sei sein Typ wieder regelmäßiger gefragt. „Dann mache ich jeden Sonntag Kontrolle, schaue gelegentlich auch mal richtig ins Volk rein, ob die Bienen noch Futter brauchen oder nicht.“ Nur achte er eben auch darauf, dass er nicht zu sehr in das natürliche Leben seiner „Untermieter“ eingreift. „Denn je mehr man hineinguckt, desto kleiner wird auch das Volk.“ Gänzlich im Stich lassen könne er seine Völker aber nicht. „Sonst würden die keinen einzigen Winter überleben“, weiß Erdmann. Und so unterzieht er die Tiere zweimal im Jahr, im September und im Dezember, einer speziellen Behandlung, um sie so vor der sogenannten Varroamilbe zu schützen. „Die ist früher mal durch die künstliche Ziehung aus Asien eingeschleppt worden und saugt unsere Bienen wie Blutegel aus.“

Nachbarn wollen nicht mehr Insekten

Stein des Anstoßes für sein noch junges Hobby sei für ihn der Blick in den eigenen Garten gewesen. Zwei große Kirschbäume stehen dort. Nur hätten die in den vergangenen Jahren immer weniger Früchte getragen. „Früher waren es vier bis fünf Zehn-Liter-Eimer, die als Ertrag zusammengekommen sind, heute sind es schon 13“, sieht er in seiner Haltung einen Erfolg. „Durch die Mehrfachbestäubung sind die Bäume jetzt so voll, dass sich schon die Äste biegen.“

Damit sich die Bienen, aber auch andere Insekten, rundum wohlfühlen, hat Erdmann sein Grundstück mit unzähligen Blühpflanzen bestückt. Auch davor, an der Bahnhofstraße, ist durch seine Initiative ein Blühstreifen entstanden, der ab Frühjahr wieder in den verschiedensten Farben leuchten wird. Allerdings, habe er erfahren, seien solche insektenfreundliche Flächen nicht automatisch auch jedermanns Sache: „Meinen Nachbarn habe ich schon angeboten, für sie auch so etwas anzulegen und die Kosten für das Saatgut zu übernehmen, nur haben die mit der Begründung, man habe schon genug Insekten, dankend abgelehnt.“

Apropos Ablehnen: Auf Schutzbekleidung verzichtet der Familienvater, der bei der Firma AVS Verkehrssicherung in Hamburg arbeitet, weitestgehend. Ihm reichten Latexhandschuhe völlig aus – und das, obwohl er gegen Bienenstiche sogar allergisch ist. Ob er hin und wieder auch schon mal gestochen worden sei? „Oh aber ja“, sagt er. Einmal habe er deswegen sogar schon mal ins Krankenhaus gemusst, zur Nachsorgeuntersuchung. „Einen Piks verkrafte ich ganz gut, beim zweiten wird es schon schwieriger.“ Durch Tabletten sei er bisher aber immer ganz heil aus der Sache herausgekommen. Von dicken Armen („Dann seh‘ ich aus wie Hulk“) und einem „Matschgesicht“ einmal abgesehen.

Ganz ungefährlich ist sein Hobby also nicht. Und ganz billig ist es auch nicht. Für den bienenfreundlichen Umbau seines Balkons, inklusive Schleudern und einer neuen Überdachung, habe er Anfang 2020 einen Kredit über 7 000 Euro aufgenommen. Um seine Freizeitbeschäftigung ein bisschen finanzieren zu können, veräußere er bei Gelegenheit selbstgebrautes Met, also Honig-Wein, an Freunde und Bekannte. „Dafür nehme ich den Honig, den ich über habe“, sagt er. Viel sei das nicht. Darauf komme es ihm ja aber auch nicht an.

Während andere Imker pro Jahr und Volk einen Überschuss zwischen 40 und 80 Kilo erzielen würden, sei er 2020 auf gerade mal 21 Kilo gekommen – bei damals noch acht Bienenvölkern. Warum nur so wenig? „Ich verzichte darauf, meine Bienen über Winter mit Zuckerwasser aufzufüttern.“ Entsprechend würden diese auch nur ihren eigenen Honig verzehren.

Auf den Waben wimmelt es vor Bienen. Derzeit sind die Tierchen aber noch im Winterschlaf.

Trotz relativ hoher Kosten und dem ein oder anderen Piks – „es macht echt Spaß, mit meinen Bienen zusammenzuarbeiten“. Für ihn sei es auch pure Entspannung, den Tierchen bei der Arbeit zuzusehen. „Mit etwas Glück kann man der Königin sogar bei der Eiablage beobachten.“ Dass die sich überhaupt um das ganze Volk kümmert, jede Biene exakt weiß, was sie zu tun hat – das sei schon sehr faszinierend. Nur einen Schwänzeltanz, eine wesentliche Kommunikationsform der Honigbiene darüber, wo es was gibt, habe er bei seinen Völkern leider noch nicht gesehen. „Wenigstens auf Youtube aber“, schmunzelt er.

Besonders angetan habe es ihm ein Erlebnis aus dem vergangenen Jahr: „Da hatte ich fast zwei Monate lang sogar zwei Königinnen in einem Volk – das war der Hammer!“ Normaleweise würde jene „Majestätin“, die als Erstes schlüpft, ihre Konkurrentinnen nach spätestens einer Woche allesamt abstechen. So sei er aber Zeuge eines seltenen Phänomens geworden – über acht lange Wochen.

Es bleibt also spannend auf dem Balkon der Familie Erdmann. Im Frühjahr wird es jedenfalls nicht nur dort wieder ordentlich summen und brummen, sondern mindestens ebenso rund um den benachbarten, von üppigem Wildwuchs gesäumten Wiesensee. „Die Bienen schießen dort immer hin“, habe er festgestellt, „sie wollen ja nicht zu den Menschen, sondern zu den Blumen.“

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