„Es ist auch Wehmut dabei“

Zum Abschied: Interview mit Fintels langjährigem Pastor Thomas Steinke

Verlässt die Kirchengemeinde Fintel mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Pastor Thomas Steinke.

Fintel - Von Jennifer Kräge. Morgen wird Thomas Steinke mit einem Gottesdienst und anschließendem Empfang im Haus der Begegnung verabschiedet – nach 17 Jahren als Pastor in Fintel. Im Interview mit unserer Zeitung blickt er auf eine intensive und ereignisreiche Zeit zurück sowie auf viele Begegnungen mit Menschen in allen Lebensphasen.

Herr Steinke, was hat Sie dazu bewogen, Pastor zu werden?

Thomas Steinke: Ich bin mit dem christlichen Glauben aufgewachsen. Der Glaube hat in meiner Familie schon immer eine große Rolle gespielt. Meinen Eltern war es wichtig, ihren eigenen Glauben zu leben und diesen auch an uns Kinder weiterzugeben. Das hat für mich selbstverständlich dazu gehört – das Tischgebet vor und nach dem Essen, Andachten am Morgen und Abend eines jeden Tages oder der Gottesdienst am Sonntag. Da liegen meine Wurzeln, denn ich habe es immer als etwas Positives erlebt. Der Glaube schenkt Geborgenheit und Halt, aber auch Faszination und Begeisterung. Als Jugendlicher habe ich viel überlegt, was ich denn in der Zukunft machen möchte. Durch eine lebendige, kirchliche Jugendarbeit war ich nah am Thema dran und habe gemerkt, dass mein Herz dafür schlägt. Ich wollte die großen inhaltlichen Lebensfragen gerne weiter bewegen, gemeinsam mit anderen. Ich habe dann vor dem Studium den Zivildienst bewusst in einer Kirchengemeinde im Rheinland absolviert. Neben dem diakonischen Schwerpunkt in der häuslichen Krankenpflege habe ich jeden Bereich der kirchlichen Arbeit durchlaufen, um überall einen Einblick zu bekommen und Bereiche kennenzulernen, die ich vorher noch nicht kannte. Es war eine sehr interessante Zeit für mich und mir wurde bewusst, dass ich genau das machen möchte.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?

Steinke: Mein Ziel war es schon immer, mit Menschen zu arbeiten. In der kirchlichen Arbeit begleiten wir sie von der Geburt bis zum Tod, in jeder Phase der Biografie. Für mich ist es eine Bereicherung und auch ein Geschenk, so intensiv und nah bei den Menschen zu sein. Wir befinden uns in Krisensituationen wie auch in erfreulichen Situationen – von der Geburt, über die Taufe und Konfirmation bis hin zur Hochzeit oder auch den Tod. Durch meine Arbeit und den Glauben kann ich bewusster leben und bin dankbar für Positives. Mein Hauptmotiv aber war und ist es, andere zum Glauben an Jesus Christus einzuladen und meinen Glauben mit ihnen zu teilen.

Sie begleiten die Menschen in ihren Höhen und Tiefen des Lebens. Mit wem können Sie Trauer oder Freude teilen?

Steinke: Meine größte Hilfe ist mein eigener Glaube, dass ich selber in der Verbindung mit Gott lebe, Halt und Entlastung habe. Das gibt mir Kraft. Zum praktizierten Glauben gehört für mich dazu, dass ich regelmäßig in der Bibel lese und durch das Gebet mit Gott im Gespräch bin. Ich sammle auch die Kraft durch Andachten und Gottesdienste. Bevor ich zu Krisensituationen aufbreche, zu denen ich gerufen werde, bete ich, um mir Gottes Beistand für die folgende schwierige Situation zu erbitten. Und ich nehme selbst Seelsorge bei befreundeten Kollegen in Anspruch, um Schweres aushalten und mittragen zu können. Eine große Hilfe ist außerdem, in der eigenen Familie geborgen zu sein.

Auf welchem Weg sind Sie nach Fintel gekommen?

Steinke: Vor 17 Jahren wurde hier eine Stelle ausgeschrieben, auf die ich mich beworben habe. Zu dieser Zeit war ich noch in der Kirchengemeinde Lehmke bei Uelzen tätig. Nachdem diese Stelle weiter reduziert werden sollte, stand für mich und meine Familie fest, dass ich mich umorientiere. Und so sind wir nach Fintel gekommen.

Welche neuen Aufgaben warten auf Sie?

Steinke: Ich bin nun in zwei Kirchenkreisen mit der Leitung des Projektes „Gemeindeinnovation“ beauftragt – im Kirchenkreis Rotenburg und Bremervörde / Zeven. Es ist eine Pilotstelle, die aufgrund von Anträgen aus unseren Kirchenkreisen von der Landeskirche eingerichtet wurde. Dabei geht es darum, Gemeinden und Regionen in den Veränderungsprozessen, in denen wir uns bereits befinden und die sich weiter abzeichnen, theologisch und geistlich zu begleiten: Welche Bilder von Gemeinden leiten uns? Wie können wir nah bei Gott und nah bei den Menschen sein, wie können wir Kontakt zu den Menschen halten oder wiederherstellen? Welche neuen Formen von Kirche sind als Ergänzung bestehender Formen nötig? Mich gemeinsam mit anderen auf eine solche Suchbewegung zu begeben, das reizt mich.

Wie hat die Kirchengemeinde auf Ihren Wechsel reagiert?

Steinke: Viele waren erstaunt, aber auch traurig. Ich wurde gefragt, warum ich gerade jetzt gehe. Nachdem ich dann meine Beweggründe für den Wechsel erklärt hatte, wurde mir vielfach Verständnis entgegengebracht. Das freut mich und macht es mir auch etwas leichter, die Kirchengemeinde in Fintel zu verlassen. Mein Bestreben war immer, dass die Menschen nicht von mir als Person abhängig sind. Es gibt hier viele engagierte und selbstständige Ehrenamtliche, die die Arbeit weiterführen. Und ich vertraue darauf, dass Gott sich auch in Zukunft um diese Gemeinde kümmern wird.

Verlassen Sie die Kirchengemeinde Fintel mit einem guten Gefühl?

Steinke: Ich würde sagen, dass ich die Kirchengemeinde mit einem weinenden und einem lachenden Auge verlasse. Durch die vielen Jahre intensiver Kontakte und Begegnungen sind viele Freundschaften entstanden und gewachsen. Aus diesem Grund ist auch Wehmut dabei. Ich habe Kinder getauft, die ich mittlerweile konfirmiere oder traue Paare, die ich schon konfirmiert habe. Auch privat war es für mich und meine Familie eine sehr gute Zeit, wofür wir sehr dankbar sind.

Welches besondere Ereignis verbinden Sie mit dem 500. Reformationsjubiläum?

Steinke: Im Mai sind wir mit einer Gruppe aus unserer Gemeinde und dem Kirchenkreis nach Namibia zu unserer Partnergemeinde gereist. In Windhoek fand die Vollversammlung des lutherischen Weltbundes statt, ein Zusammenschluss von über 140 lutherischen Kirchen weltweit. Diese Versammlung findet alle sieben Jahre an einem anderen Ort statt. In diesem Jahr stand sie im Zeichen des 500. Reformationsjubiläums. Mich hat am meisten der Gottesdienst mit einheimischen Christen im Stadion von Windhoek beeindruckt – ein vierstündiger Gottesdienst mit Menschen aus aller Welt mit viel Musik und einem Abendmahl mit mehr als 10 000 Teilnehmenden. Das war für mich das Schönste, was ich mir zu diesem Jubiläum vorstellen konnte.

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