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Anne Cordes, Vorsitzende des Rotenburger Kreischorverbandes, weiß: „Singen kann wirklich jeder“

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Von: Lars Warnecke

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Jeder kann es, viele tun es. Und es tut gut. Singen ist ein menschliches Urbedürfnis, sagt Anne Cordes, die selbst in zwei Chören aktiv ist.
Jeder kann es, viele tun es. Und es tut gut. Singen ist ein menschliches Urbedürfnis, sagt Anne Cordes, die selbst in zwei Chören aktiv ist. © Warnecke

Fintel – Im Chor zu singen, das ist längst nicht mehr nur ein Vergnügen für ältere Herrschaften in Kirchenchören oder Geschmacksverwirrte in Fischer-Chören. Chorgesang ist zu einer Massenbewegung geworden. Eine, die das mit Freude beobachtet, ist Anne Cordes. Seit März ist die Fintelerin Vorsitzende des Rotenburger Kreischorverbandes (KCV). Wir haben uns mit der 56-Jährigen über die Lust am Singen unterhalten und sie gefragt: Macht Singen wirklich glücklich?

Frau Cordes, wann und wo haben Sie zuletzt gesungen?

Heute Nachmittag auf der Fahrt nach Hause – wie immer, wenn ich Auto fahre.

Können Sie sich an Ihr erstes Mal bei einer Chorprobe erinnern?

Ja, ich habe erst mit 17 das erste Mal in einem Kirchenchor gesungen. Bis dahin habe ich hauptsächlich Musik mit Instrumenten gemacht, aber die Stimme ist ja zusammen mit den Trommeln wahrscheinlich das älteste Instrument de Welt.

Was fasziniert Sie persönlich am Chorsingen?

Damals wie heute die gewaltige emotionale Stimmung, die vom Chorgesang ausgeht. Eine Stimme alleine ist dünn, aber wenn viele Stimmen zusammenkommen, ist die Wirkung mitunter gewaltig.

Kann eigentlich jeder Mensch singen?

Nicht jeder wird ein Opernsänger, aber mit der richtigen Anleitung können die meisten Menschen Melodien singen. Ob das für das Niveau eines bestimmten Chores reicht, muss man ausprobieren. Ich persönlich finde es wichtig, dass man überhaupt singt – auch für sich alleine. Und das kann wirklich jeder.

In den vergangenen Jahren ist das Singen im Chor bundesweit wieder gefragt, viele treten Chören bei. Was denken Sie, warum das in der Gesellschaft wieder beliebter geworden ist?

Es ist ein Hobby, das relativ unkompliziert auszuführen ist. Notenmappe mitnehmen und los. Ich brauche nicht viel Equipment und bekomme sehr viele positive Erlebnisse. Singen fördert das Gemeinschaftsgefühl. Jeder ist wichtig und kann sich einbringen. Und der Applaus nach einem Auftritt ist eine Belohnung, die ein wenig süchtig macht.

Hypen TV-Formate wie „Voice of Germany“ das Singen in der Öffentlichkeit?

Ehrlich gesagt gucke ich das fast nie, obwohl sehr gute Stimmen dabei sind. Aber es geht da nicht um gemeinschaftliches Singen, sondern um die kommerzielle Vermarktung der Teilnehmer. Das ist legitim, aber nicht mein Ding. Bei jeder Staffel geht sicher eine Art Hype durch die Republik. Und wenn die Menschen dann vor dem Fernseher mitsingen, dann ist das schon ein schöner Effekt. Wie gesagt: Hauptsache, man singt.

Wie sieht das in den Klangensembles im Landkreis aus? Haben Sie dort auch eine solch positive Entwicklung beobachten können?

Diese Entwicklung sehen wir auf dem Land leider nicht. Im Chorverband Niedersachsen Bremen, unserem Dachverband, sinken die Mitgliederzahlen. In der Stadt mag das anders sein. Corona hat den Chören sehr geschadet, das berichten auch andere Kreischorverbände. Besonders älteren Sängerinnen und Sängern hat die Zwangspause zugesetzt. Sie hatten und haben Angst, sich anzustecken, und sind so lange zu Hause geblieben, dass der Schwung zum Wiedereinsteigen weg ist. Doch es gibt auch Chöre, die in den letzten Jahren gewachsen sind oder ihre Mitgliederzahl gehalten haben. Das liegt dann an der guten Gemeinschaft.

Welche Motive haben denn diejenigen, die in den Ihnen bekannten Chören mitmachen?

Es geht vor allem um den Spaß am Singen und die sozialen Kontakte. Oft sitzen die Chormitglieder anschließend noch zusammen, es wird erzählt, diskutiert, gelacht, gefeiert. Man trägt aber auch die schweren Stunden gemeinsam. Zum Beispiel, wenn auf einer Beerdigung gesungen wird. Heimat ist vielleicht im Sinne von Dorfgemeinschaft dabei. Ansonsten wird viel und gerne auswärts gesungen: Lieder von Samoa bis Afrika, von Schweden bis Mexiko.

Angeblich soll Singen ja glücklich machen. Können Sie als Chor-Profi uns bitte erklären, was dabei psychologisch abläuft?

Singen verändert das Gehirn im positiven Sinn. Menschen, die singen, können sich besser konzentrieren und lernen leichter. Beide Gehirnhälften werden angesprochen. Es geht um Sprache und Rhythmusgefühl. Gerade für Kinder ist das eine total wichtige Sache. Beim Musizieren oder Musik hören werden auch körpereigene Glückshormone wie Endorphine und Serotonine ausgeschüttet. Schwedische Forscher fanden heraus, dass auch das „Kuschelhormon“ Oxytocin beim Singen entsteht. Singen wirkt Stress abbauend, steigert die Immunabwehr – es macht einfach Spaß, besonders im Chor. Oft ist es so, dass man nach einem langen Arbeitstag lieber auf dem Sofa liegenbleiben würde. Wenn man dann aber den inneren Schweinehund besiegt und zur Chorprobe geht, fallen die Spannungen von einem ab und man geht anschließend beschwingt und fröhlich nach Hause. Die Hirnforschung sagt: „Es ist eigenartig, aber aus neurowissenschaftlicher Sicht spricht alles dafür, dass die nutzloseste Leistung, zu der Menschen befähigt sind – und das ist unzweifelhaft das unbekümmerte, absichtslose Singen – den größten Nutzeffekt für die Entwicklung von Kindergehirnen hat.“ Umso schlimmer ist es, dass gerade in Kindergärten und Schulen immer weniger gesungen wird.

Ist Singen also ein Grundbedürfnis?

Für mich ist es das auf alle Fälle. Und viele Menschen summen gerne vor sich hin. Das kommt von ganz tief innen. Andere gehen ins Fußballstadion und grölen die Fangesänge mit – irgendwie auch eine Form von Singen.

Inzwischen verbinden wir Singen vor allem mit zwei Dingen: Weihnachten und Kirchenbesuche. Wie kommt das?

Die Lieder sind uns so vertraut, weil sie die Menschen in unserem Land seit Jahrhunderten und uns lebenslang begleiten. Und weil es feste Veranstaltungen im Jahresablauf sind, die immer wiederkehren. Das war für mich auch ganz schlimm die letzten beiden Jahre, ein Weihnachtsgottesdienst ohne Singen – da habe ich wenigstens unter der Maske mitgesummt.

Nun sind wir Deutschen ja nicht gerade berühmt dafür, außerhalb der Kirche loszuträllern. Warum ist uns unser Gesang vor anderen häufig peinlich?

Weil wir oft zu perfektionistisch denken. Wir meinen, alles können zu müssen, dabei macht ja gerade das Einüben der Stücke so viel Spaß.

Braucht man als ernsthaft interessiertes Chormitglied eine außergewöhnlich gute Stimme?

Nein, man muss sich auf das Üben, das Training sozusagen einlassen und mit anderen Menschen zusammen sein wollen. Chorsingen ist ein Mannschaftssport.

Haben Sie ein paar Tipps für Normalsterbliche, für unter der Dusche?

Wichtig ist die Atmung. Sie soll in den Bauch fließen, Hand auf den Bauch legen und dorthin atmen. Dann den Mund öffnen und den Ton aus sich herausfließen lassen.

Was empfehlen Sie Menschen, die sich immer schon mit dem Gedanken getragen haben, einem Chor beizutreten, sich aber nicht so recht trauen?

Sie können sicher sein: Die meisten Chöre freuen sich sehr über neue Mitglieder und bieten an, die Chorproben zu besuchen. Dann bekommt man einen Eindruck davon, wie dort gearbeitet wird und ob man in die Gruppe passt. Die Technik des Singens kommt mit der Zeit, wenn man regelmäßig an den Proben teilnimmt.

Was meinen Sie: Wird es in 50 Jahren immer noch eine Chortradition geben?

Vielleicht nicht in dem Umfang, den wir heute kennen mit den althergebrachten Gesangvereinen. Das gesamte Vereinswesen steht ja irgendwie auf der Kippe, habe ich das Gefühl. Aber zusammen singen wird immer ein tolles Hobby bleiben. Ja, ich glaube, es wird noch Chöre geben in 50 Jahren.

Zur Person

Auf der Jahreshauptversammlung am 18. März ist Anne Cordes zur 1. Vorsitzenden des Kreischorverbandes Rotenburg gewählt worden, davor war sie sechs Jahre lang die 2. Vorsitzende. Der KCV, so die Abkürzung, hat aktuell noch 16 Mitgliedschöre mit insgesamt rund 320 aktiven Sängern. Cordes selbst wirkt in zwei Chören mit: Sie leitet die Finteler Deerns und ist Mitglied im gemischten Chor „Klangfarben“ Fintel/Vahlde. Mit ihrem Mann, dem SPD-Kommunalpolitiker Werner Kahlke, lebt sie in Fintel. Aus erster Ehe hat sie drei Kinder. Bei der letzten Bürgermeisterwahl in der Samtgemeinde war Cordes als Kandidatin angetreten, unterlag jedoch knapp ihrem Mitbewerber Sven Maier.

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