Familie aus Scheeßel kann für ihren toten Sohn jetzt ein würdiges Andenken bewahren

500 Gramm Trauer

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Natascha und Dirk Schumacher

Scheeßel - Von Ulla Heyne. Bisher haben sie nie offiziell existiert: Kinder, die mit weniger als 500 Gramm Geburtsgewicht bald verstarben oder gar nicht erst lebendig zur Welt gebracht wurden. Eine reine Formalität? Nicht für viele trauernde Eltern.

Der Bau des winzigen Sarges half dem Vater, mit seiner Trauer umzugehen.

Eine Petition auf Initiative eines Ehepaars aus Hessen hat erwirkt, dass Mitte Mai das bisherige Gesetz geändert wurde. Als die Scheeßeler Natascha und Dirk Schumacher von der Gesetzesänderung erfuhren, haben sie „wie die Schlosshunde geheult“. Das Ehepaar hatte vor eineinhalb Jahren einen Sohn zur Welt gebracht, der nach wenigen Stunden starb. Jetzt darf das Kind, das den Namen Etienne erhalten sollte, auch offiziell einen Platz im Stammbuch der Familie erhalten. „Als nicht Betroffener kann man sich nicht vorstellen, was das für die Familie bedeutet“, erklärt Dirk Schumacher. Zwischen einer glücklichen Schwangerschaft – das Kinderzimmer ist eingerichtet, die Geschwister freuen sich, der Vater in spe hält die Spieluhr an den Schwangerenbauch – und dem „großen Loch, das nie mehr aufzuhören scheint“, liegen gerade mal vier Tage. Rein klinisch lassen sie sich in einem Begriff zusammenfassen: Trichnomaden – der bakterielle Befall, vermutlich beim Schwimmbadbesuch übertragen, führt zu einer Perforation der Fruchtblase. In kürzester Zeit sitzt das werdende Leben buchstäblich auf dem Trockenen.

„Dass es ernst steht, haben wir schon am Verhalten der Krankenschwestern gemerkt. Die waren mit der Situation genauso überfordert wie wir“, erinnert sich der zweifache Vater. „Als wir selbst wussten, dass es nicht mehr geht – auch weil akute Lebensgefahr für Natascha bestand – und wir ausgesprochen haben, dass wir die Sache jetzt beenden wollen, waren alle erleichtert.“ Nach vier Stunden gibt auch die einberufene Ethikkommission grünes Licht. Nach Einleitung der Wehen bringt Natascha Schumacher einen Jungen zur Welt: Etienne. Vier Stunden lebt er, bevor er für immer einschläft.

Nach der damaligen Gesetzgebung hat es ihn nie gegeben – bei einer Größe von 28 Zentimetern wog er nur 190 Gramm. Natascha Schumacher kann nicht verstehen, warum ein Mensch erst ab 500 Gramm als solcher gelten soll: „Da war doch schon alles dran!“ Sogar den Hub der Lunge konnten die beiden Eltern die wenigen Stunden, die sie ihn in den Armen halten, spüren. Dass er nicht im Klinikmüll entsorgt wird, wie viele andere Kinder, deren Eltern aus Scham, Schuld- oder Versagensgefühlen nichts mehr damit zu tun haben wollen, war den beiden wichtig. Die Sterbehelferin Frederike Höfer, die die beiden die gesamte Zeit betreute, fand Rituale, um dem Häuflein Mensch auch in der Erinnerung eine Existenz zu geben – ein kleines Körbchen, Kissen, Fußabdrücke. Dafür sind die Eltern ihr noch heute dankbar.

Und auch der Entschluss, sich den Namen des Verstorbenen auf den Arm tätowieren zu lassen, entsprang wohl dem Bedürfnis, „es herauszuschreien, damit die Welt Notiz nimmt“. „Komischerweise“, so Dirk Schumacher, „tat das Tattoo – im Unterschied zu dem der lebendigen 16-jährigen Tochter auf dem anderen Arm, gar nicht weh – das war wie eine Befreiung“. Nicht alle Menschen im Umfeld der beiden konnten mit dieser offenen Bewältigung der Trauer umgehen. Auf das online gestellte frisch gestochene Tattoo kündigten einige Bekannte die Facebook-Freundschaft auf. „Zuerst war ich enttäuscht“, erinnert sich Natascha Schumacher. „Aber nicht alle können mit dem Verlust so offen umgehen.“

Das zeigte sich auch im Alltag: Bekannte wechselten die Straßenseite, andere schwiegen das Thema tot. Die beste Freundin, die der Familie während des Todes des Kindes am meisten beigestanden hatte, wandte sich bei der erneuten Schwangerschaft Nataschas ab. Das Baby Juli ist inzwischen vier Monate alt.

Andererseits erhielten die beiden auch viele Rückmeldungen von Menschen, die ein ähnliches Schicksal teilen. „Man glaubt gar nicht, wie viele das sind“, so Natascha Schumacher. Und doch: Das Bild vom 28 Zentimeter kleinen Bündel Mensch, das nur vier Stunden leben durfte, bis es in den Armen der Mutter starb, bewahren die Schumachers im Schrank auf – „das wollen wir unseren Gästen nicht zumuten.“, meint die 35-Jährige, wenn sie den braunen Leib in dem blutigen Handtuch, der doch schon so fertig ist, mit Wehmut betrachtet.

Ironie des Schicksals: Für den Vater war es schon das zweite Kind, das er verlor. Scham, Schuldgefühle, „es liegt an mir“ – viele Eltern wollen „damit nichts mehr zu tun haben“. Nicht so die Schumachers. Aus eigener leidvoller Erfahrung weiß der Werbegrafiker, wie wichtig das Zulassen der Trauer ist. Schon beim ersten Kind, das er verlor, zimmerte er auf Anraten einer Krankenschwester einen Sarg – allein, seine damalige Frau zerbrach, auch an der Trauer. Der zwei Kilometer lange Weg vom Parkplatz zum Friedwald Bispingen, wo er die Urne vergraben würde, war „der längste meines Lebens.“ Er bewältigte ihn barfuß. „Ich wollte den Schmerz spüren.“ Dass er seinen Sohn überhaupt dort beerdigen durfte, war bis vor kurzem Ermessenssache der Länder, häufig mit großen organisatorischen Hürden verbunden. Und das in einer Situation, in der die Eltern häufig schon mit dem Alltag überfordert sind. Die Gesetzesänderung im so genannten Personenstandsrecht, die das Recht der Sternenkinder – nach Expertenschätzungen bundesweit zirka 1 500 pro Jahr, auf eine Beerdigung verankert, ist für die Schumachers „auch eine Frage der Würde – schließlich ist unser Sohn kein Klinikmüll!“

Dirk Schumacher hat jetzt Etiennes Geburtsurkunde abgeholt, für das Stammbuch. „Lindern kann das den Schmerz vorerst nicht“, weiß er, „aber es hilft, ihn vielleicht irgendwann zu verarbeiten“. Mit

drei Kindern – die Jüngste, Juli, ist gerade vier Monate alt, sind die Schumachers eine glückliche Familie. „Louis und Etienne werden immer dazu gehören“. uhe

Ein Trost für die Eltern: Sternenkinder dürfen Namen bekommen

Berlin - Verstorbene Babys mit einem Gewicht unter 500 Gramm dürfen jetzt einen Namen bekommen. Nach der entsprechenden Gesetzesänderung können die sogenannten Sternenkinder künftig beim Standesamt registriert und anschließend richtig bestattet werden. Auch eine rückwirkende Erfassung des Kindes ist möglich.

Bisher galten die totgeborenen oder nicht lebensfähigen Kinder als Fehlgeburten und wurden beim Standesamt nicht erfasst. Damit waren sie juristisch nicht existent. Schätzungen zufolge gibt es pro Jahr rund 1 500 solcher Fälle in Deutschland. Der Bundestag hatte die Neuregelung Ende Januar beschlossen, Anfang März stimmte auch der Bundesrat zu.

Das neue Gesetz geht auf eine Initiative der Eheleute Barbara und Mario Martin aus der hessischen Gemeinde Brechen (Landkreis Limburg-Weilburg) zurück. Das Paar hatte drei Kinder verloren, von denen es zwei nach der bisherigen Gesetzeslage juristisch nie gegeben hat. Um diese Regelung zu ändern, hatten die Martins rund 40 000 Unterschriften gesammelt.

Nach der Entscheidung des Bundestags zeigte sich das Paar erleichtert. „Jetzt hat der Tod unserer Kinder doch einen Sinn“, sagte Barbara Martin nach einem Treffen mit Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU). „Sternenkinder-Eltern werden es in Zukunft nicht mehr so schwer mit der Bürokratie haben.“

Die Martins hatten ihr Anliegen damit begründet, ein Menschenleben dürfe nicht nach Gramm definiert werden. „Für uns waren diese Kinder real. Sie haben verdient, als wirkliche Kinder anerkannt zu werden und einen Platz nicht nur in unserem Herzen, sondern auch in unserem Stammbuch einzunehmen.“

Verpflichtend ist die neue Regelung nicht. „Es besteht keine Pflicht zur Anzeige beim Standesamt“, berichtet das Familienministerium auf seiner Internetseite. Die Entscheidung bleibe den Eltern überlassen.

dpa

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