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Stippvisite am Horst in Rotenburg

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Von: Andreas Schultz

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Und ab dafür: Ein Storchenpaar wechselt sich beim Brüten und Futtern ab. Einer bleibt also immer im Nest.
Und ab dafür: Ein Storchenpaar wechselt sich beim Brüten und Futtern ab. Einer bleibt also immer im Nest. © Schultz

Auch in diesem Jahr sind wieder zwei Störche im Horst an der Rotenburger Knickchaussee eingezogen. Ein schöner Anlass, um sich dort mal umzuschauen und umzuhören. Denn das Geklapper der Vögel ist ganz erstaunlich.

Rotenburg – Fliegender Wechsel in rund acht Metern Höhe: Ein Storch zieht im Senkflug ein paar Runden über dem Nest an der Knickchaussee in Rotenburg, gleitet über das nebenstehende Grewe-Verwaltungsgebäude und steht dann majestätisch auf dem Rand des Nestes, das seinerseits augenscheinlich auf einem alten, hölzernen Wagenrad thront. Die erhabene Pose wird je vom Zurückwerfen des Kopfes und lautem Klappern mit dem Schnabel unterbrochen: Die Storchenversion von „Moin, bin wieder Zuhause“. Sie hat den Anflug beobachtet und antwortet. Es klappert. Beide klappern. Ja, gefühlt klappert die ganze Knickchaussee, so raumfüllend ist das Geräusch.

„Störche haben keinen lauten Ruf. Also nutzen sie ihre Schnäbel, wenn sie sich laut äußern wollen“, erklärt Wilfried Glauch. Der Storchenbetreuer des Nabu ist im Bilde über das, was in den Horsten des Landkreises vor sich geht. So weiß er auch, dass 2020 und 2021 Heinri und Henriette das Nest an der Knickchaussee bewohnt haben. Eine Hinweistafel am Gelände des Gartengeschäfts Grewe weist außerdem darauf hin, dass sie im ersten Jahr zwei und im zweiten Jahr drei Junge großzuziehen hatten.

Wie viele Junge es 2022 werden, darüber lässt sich derzeit nur spekulieren. Relativ sicher scheint zumindest zu sein, dass es ein Gelege in dem Acht-Meter-Heim gibt. Dafür spricht, dass derzeit immer nur einer der beiden Störche im Nest sitzt und dann kaum zu sehen ist, vermutlich weil er sich gerade auf den Eiern niederlässt und diese wärmt. Wichtig ist: Keiner von beiden lässt sich bei seinem Vorhaben stören. Keine der rund 30 Bewegungen am Boden in dieser Stunde, weder das geräuschvoll vorbeifahrende Treckergespann noch die mit ihren eigenen Fahrzeugen lärmende Straßenmeisterei in 200 Metern Entfernung oder die vor sich hinrauschende B440. Nicht einmal der Fahrer des SUV, der eine geschlagene Viertelstunde Altglas aus seinem großen Kofferraum pult, dass das Splittern der Flaschen in den Containern immer wieder krachend zu hören ist.

Ein Schild am Boden in der Nähe des Horsts gibt Aufschluss über Bewohner der vergangenen Jahre.
Ein Schild am Boden in der Nähe des Horsts gibt Aufschluss über Bewohner der vergangenen Jahre. © Schultz

Einer ist unterwegs, schlägt sich den Bauch voll, der andere wärmt die Eier und dreht sie gelegentlich mit dem Schnabel. Das ist der Deal. „Das Drehen dient dazu, dass der Embryo nicht an einer Seite des Eis festklebt“, erläutert Glauch. Deshalb lässt sich vom Boden zumindest erahnen, was der Zuhausegebliebene gerade macht, wenn man kurz den Kopf hervorlugen sieht und der Schnabel im Nest herumstochert. Es muss aber auch nicht unbedingt das Drehen der Eier sein: Sind die Jungen erst einmal geschlüpft, würgen die Eltern auch mal Futter mit gesenktem Schnabel hervor. Und vielleicht, ganz vielleicht ordnet der Nesthocker auch gerade nur ein bisschen die Polsterung, um es bequemer zu haben.

In der Gärtnerei bewegt sich ein Rollwagen halb rollend, halb kratzend über das Pflaster, ein Mitarbeiter hält ein Kundengespräch, der Wind lässt das Straßenschild „Knickchaussee 18 - 22“ klappern. Haussperlinge und Kohlmeisen geben im Vorbeiflug am Regenrückhaltebecken kleine Konzerte. Die Geräuschkulisse in diesem Frühling ist schier unendlich. Nur Mama-Storch sagt nichts. Sie lugt kurz mit kritischem Blick beäugend über den Rand des Nestes hervor, als der Beobachter seinen Klappstuhl in der Tiefe aufstellt. Sie bleibt leise, genauso wie die Angus-Rinder auf der Weide, wie die Ziegen, die im Erdgeschoss mit spitzen Zähnen versuchen, irgendwie an die frischgrünen Blätter der Hecke zu kommen. Im Grunde passiert viel. Doch kaum einer guckt. Auch die vielen mit ihren Rädern vorbeifahrenden Mutter-Kind-Gespanne nicht. Sie werden sich wahrscheinlich in einigen Wochen dem Nest zuwenden, wenn der Nachwuchs da ist. So wie im vergangenen Jahr, als „die drei Neuen“ die Aufmerksamkeit der Passanten magnetisch auf sich zogen und sich nicht nur die Schnäbel der stolzen Eltern zum Klappern in die Höhe reckten, sondern auch die Zeigefinger von Menschenkindern und -eltern zum – nun ja – Zeigen.

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