Gastwirte wünschen sich mehr Klarheit und Öffnung

Ein besserer Fahrplan

Zehn Gastwirte aus Rotenburg und der Umgebung haben sich im Wachtelhof versammelt, um ihrem Unmut über die derzeitige Situation ein wenig Luft zu verschaffen – sie fordern mehr Öffnung und mehr Klarheit. 
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Zehn Gastwirte aus Rotenburg und der Umgebung haben sich im Wachtelhof versammelt, um ihrem Unmut über die derzeitige Situation ein wenig Luft zu verschaffen – sie fordern mehr Öffnung und mehr Klarheit.
  • Ann-Christin Beims
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Rotenburg – Die Festangestellten sind in Kurzarbeit, die Aushilfen größtenteils Zuhause. Von 30 Zimmern sind maximal 15 belegt, das À-la carte-Essen „plätschert vor sich hin, es sind nie alle Tische belegt“, beschreibt Hans-Wilhelm Röhrs den Alltag in seinem Sottrumer Gasthof. Auch wenn eine 100-prozentige Öffnung möglich ist – in der Praxis umsetzbar ist das nicht. „Uns wäre schon geholfen, wenn zehn Leute an einem Tisch sitzen dürften, egal woher“, merkt er an. Zwar kommen die ersten Gruppen wieder im Saal zusammen, aber dann sitzen auch mal zwölf Leute auf sechs Tische verteilt – mit Abstand. „Ich dürfte keine Beerdigungen mit 80 Leuten im Saal machen, aber theoretisch könnten so viele dort an Tischen à la carte essen – warum?“, fragt er. Er und viele andere Gastwirte der Region wünschen sich von der Landesregierung mehr Öffnung.

Die Lockerungen sollten eine Erleichterung bringen, doch die sei nicht eingetreten. „Es heißt immer Lockerung, aber das ist es nicht“, macht Eric Kruse von Fischer’s Bauerndiele aus Sottrum deutlich. Schon im April pochten die Gastwirte auf einen Fahrplan, der Planungssicherheit bietet. Den gibt es zwar, letztere nicht. Zwar dürfen sie unter Auflagen öffnen, aber diese ermöglichen noch bei Weitem keinen normalen Betrieb. „Es herrscht allgemeiner Unmut über die Kompliziertheit der Verordnungen“, bringt es Frank Westermann vom Hotel Heidejäger in Mulmshorn bei einem Gespräch im Wachtelhof auf den Punkt, zu dem zehn Gastwirte der Region zusammenkommen. Es geht um Existenzen – nicht nur die eigenen, auch die der Mitarbeiter.

Die Fallzahlen sind derzeit im Landkreis auf Null, die Unsicherheit ist weiter da – bei Kunden und Gastwirten. Zwar müsse man vorsichtig bleiben, stimmt Westermann zu, „aber Corona wird bleiben ohne ein wirksames Medikament oder einen Impfstoff“. Nicht mehr ganz nachvollziehbar sei mittlerweile der aktuelle Stand: „Die Medizin kennt nun ihren Gegner, wir werden damit noch lange leben müssen“ – eine Rückkehr ins normale Leben sei jetzt wichtig.

Es taucht also immer wieder die Frage auf „Was ist erlaubt?“ – denn es gab im niedersächsischen Fünf-Stufen-Plan auch kurzfristige Änderungen, welche die Betreiber an ihre Kunden weitergeben müssen. Und da stoßen sie oft auf Unverständnis, Missverständnisse und viele Diskussionen, erklärt Jörn Vollmer vom Jeddinger Hof. Dabei tun sich auch bei den Gastwirten Fragezeichen auf, jede neue Verordnung muss genau unter die Lupe genommen werden, welche Auswirkungen sie hat. Und bei Fragen, bemängelt Kruse, sei bei mehreren Versuchen von ihm kein Ansprechpartner verfügbar gewesen, oder es wusste niemand eine Antwort. „Und wenn keiner im Landkreis zuständig ist bei Fragen, wozu brauchen wir die Verordnungen noch?“, stellt er in den Raum. Nachverfolgbar seien potenzielle Fälle, da sie Listen mit Kontaktdaten führen müssten – auch bei Gesellschaften, teilt Westermann mit.

Zumal: Wenn etwas passiert, sei es aus Unwissenheit heraus oder nicht, sind die Gastwirte verantwortlich. Sie haften. Und das ist ihnen bewusst. „Wir kennen das Risiko, dass der Betrieb in einem nachgewiesenen Fall erstmal schließen muss“, merkt der Sottrumer Kruse an. Doch es sei ohnehin unrealistisch, „dass wir bei Null bleiben, bis ein Impfstoff da ist“. Daher fordern sie mehr Offenheit, Klarheit und vor allem: mehr Öffnung. Zum Beispiel eine Fünf-Haushalte-Regel, auch das sei noch nachvollziehbar im Fall der Fälle, wirft Kruse ein. „Damit wir ein Licht am Ende des Tunnels sehen“, ergänzt Westermann. Für ihn sei es unverständlich, dass die Reisebeschränkungen gelockert werden, aber die Gastwirte weiterhin in einer Phase der Unsicherheit schweben. „Über die Feiertage blieb es hier entgegen der Prognosen ruhig. Und ich glaube, das Bewusstsein in der Bevölkerung ist mittlerweile da, jeder muss selbst entscheiden.“

Letztendlich habe sich derzeit nichts verändert, es werde nur positiv verkauft, meint Kruse. So sind Feiern wie Beerdigungen oder Hochzeiten zwar möglich mit maximal 50 Gästen – jedoch pro Tisch maximal zwei Haushalte, der Abstand muss eingehalten werden, kein Tanz, keine Musik, keine Umarmungen. „Da gibt es keine Hochzeiten! Wer will da feiern?“, so Marion Schulz vom Ahauser Hof. „Wir sind nicht die Meckerer, wir wollen keine Großveranstaltungen – aber diese Lockerungen kommen einem vor wie eine Mogelpackung, das ist ein in Worten verschönter Lockdown“, verdeutlicht Heiko Kehrstephan vom Rotenburger Wachtelhof.

Die Umsätze fehlen, die Sommermonate werden noch schlechter, sind sich die Gastwirte sicher. Jetzt würden die vier Hauptmonate starten. „Das Leben beginnt für uns durch die Veranstaltungen, daher ist eine schnelle Planungssicherheit wichtig“, so der Wachtelhof-Chef. Die Leute sollen wieder Vertrauen fassen.

Seitdem geöffnet ist, ist zudem der Außer-Haus-Verkauf eingebrochen. „Die Leute denken, es läuft wieder alles – weil es nach außen so transportiert wird“, so Kruse. Hinzu komme, das sei allen bewusst: Vielen Bürgern fehlt derzeit einfach das Geld, große Feiern auszurichten oder auch nur Essen zu gehen. Stornierungen sind weitreichend, für Dezember hat Andrea Horn vom Unterstedter Waldhof schon Absagen bekommen – zu groß die Unsicherheit. Ein bitteres Los für die Gastwirte. „Wir bitten sie, noch zu warten, aber das wollen sie nicht“, erklärt Horn. Gleichzeitig können Aushilfen nicht beschäftigt werden, viele Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Halten sie das durch?“, gibt Westermann zu bedenken. Sie verdienen Geld, das sie ihrerseits sonst in die Wirtschaft tragen. Ein Kreislauf, der nun unterbrochen ist. Auch die Lieferanten haben Probleme. Tobias Rebbin von Meyer���s Gasthof in Bothel nennt eine Zahl: Hat er 2019 mehr als zwei Tonnen Spargel verarbeitet, sind es jetzt etwas mehr als 200 Kilogramm gewesen.

Die Gastwirte stünden in ständigem Austausch mit der Politik, weisen auf die Probleme in Gesprächen, Briefen und Telefonaten hin. „Gibt es keine Veranstaltungen, solange es keinen Impfstoff gibt?“ Die Frage stand kürzlich im Raum. Eine Antwort gab es darauf bislang nicht. „Die Politik hat Angst, durch Aussagen angreifbar zu sein“, meint Kruse. Aber: Viele Betriebe sind eigenständig geführt. „Wir gehen an unsere Altersvorsorge“, beschreibt es Kruse. „Und wir investieren sonst Einnahmen auch wieder, jetzt gehen wir an unsere Substanz für die Zukunft“, ergänzt Kehrstephan. Und auch Pächter stehen vor Herausforderungen: Die Verträge laufen weiter, da könne man nicht mal eben aussteigen, sagt Horn.

Wichtig sei ihnen nun vor allem ein Fahrplan, der Planungssicherheit bietet – eine kurzfristige komplette Öffnung sei nicht ohne weiteres machbar. Es würde mindestens zwei Monate dauern, bis es wieder vernünftig anläuft. „Wir sind jetzt an der Spitze des Eisbergs, das dicke Ende kommt erst noch“, prophezeit Westermann.

Der aktuelle Stand der Lockerungen

Um Hotels, Restaurants und Gaststätten zu öffnen, müssen die Wirte ein Hygienekonzept vorlegen. Wichtig ist unter anderem der Mindestabstand zwischen Tischen und Personen. Dabei gilt weiterhin: Maximal zwei Haushalte dürfen an einem Tisch Platz nehmen, auch bei Veranstaltungen jeglicher Art. Überall sind zudem erweiterte Hygiene- und Verhaltensregeln zu beachten. Gäste sollten nach Möglichkeit im Vorfeld reservieren, gibt Dehoga Niedersachsen als Handlungsempfehlung aus. Außerdem müssen Gästedaten erhoben werden, aber: Sind alle oder mehrere Gäste aus einem Haushalt, muss lediglich eine Person ihre Kontaktdaten hinterlassen. Gäste sollen eine Mund-Nasen-Bedeckung dabei haben. Zwar ist den Gastronomen wieder eine 100-prozentige Auslastung erlaubt, aber der Tischabstand von zwei Metern gilt weiterhin.

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