Boris Delic und Victor Smolski im Interview

„Echter Metal statt MP3-Sklaven“

Die Musiker posieren am Wahrzeichen von Las Vegas.

Griemshoop - Von Pascal Faltermann · Casinos, Dollars und Luxusartikel: Gerade war Boris Delic noch in Las Vegas, einer Stadt, die niemals schläft. Jetzt ist er wieder zurück im verträumten Dörfchen Griemshoop. Bäume, Wiesen, vereinzelte Häuser – Stille. Ruhe hat Boris Delic hier allerdings nicht immer.

Der Sänger der Band Feuerengel arbeitet an seinem Studio-Projekt „Der Bote“. Und ab und zu steht dann mal ein Porsche auf dem Hof, und Freund Victor Smolski steigt aus. Über den gemeinsamen Trip nach Nevada, Prostitution im Pop und MP3 sprechen der Gitarrist der Band Rage und Delic im Doppel-Interview.

?Wie kam es eigentlich zu Ihrer Zusammenarbeit?

!Boris Delic:Ende 2003 habe ich mit Frank Itt erste Demos für das Album „Kalt“ von „Der Bote“ aufgenommen. Und da fiel mir ein Riff aus der Filmmusik von „Der Schuh des Manitu“ von Victor Smolski ein. Frank kannte ihn und fragte ihn, ob er mitwirken will.

!Victor Smolski: Ich habe ein paar Yamaha-Workshops mit Frank Itt zusammen gespielt. Auch auf meinem Soloalbum „Majesty & Passion“ (2004) hat er mitgewirkt. Ihm vertraue ich blind. Wenn er sagt, dass etwas gut ist, dann sage ich sofort zu.

!Delic: Tja, und dann haben wir zusammen in Stade aufgenommen. Wir haben uns auf Anhieb sehr gut verstanden, und mittlerweile ist daraus auch privat eine Freundschaft entstanden.

?Warum spielen Sie keine Auftritte zusammen?

Ralf Gustke (v.l.), Frank Itt, Boris Delic, Daniel Behrmann und Victor Smolski arbeiten an „Der Bote“.

!Delic: Es gab schon die ein oder andere Anfrage. Aber „Der Bote“ ist im Moment noch ein Studio-Projekt. Wenn es mal dazu kommen sollte, dann müssen auf jeden Fall Frank und Victor dabei sein, und das muss sehr gut geplant werden, weil wir alle sehr viele verschiedene Dinge um die Ohren haben. Einen kleinen Auftritt gab es aber, bei einem „Feuerengel“-Gig in Bochum. Da hat Victor spontan einen „Boten“-Song mit uns gespielt. Und der ist echt gut angekommen.

?Sie arbeiten schon länger am Nachfolge-Album. Wer wirkt daran alles mit?

!Delic: An der Gitarre Victor Smolski, Stefan Kaufmann und Marcus Deml mit Soloparts, außerdem Daniel Behrmann (Rhythmusgitarre), Ralf Gustke (Drummer von Xavier Naidoo) am Schlagzeug, Thorsten Heintzsch (Klavier) sowie Frank Itt am Bass und Keyboard. Zudem haben wir gerade für einen Song ein Streicherquartett in Lüneburg aufgenommen.

?Und wie weit sind Sie?

!Delic: Aufgenommen haben wir alles. Jetzt muss erstmal gut abgemischt werden.

!Smolski: Das ist immer das Schwierigste und macht zu 70 Prozent den richtigen Sound aus. Man kann dabei richtig gute Ideen wieder kaputt machen, aber auch ganz viel aus den Stücken herausholen.

!Delic:Es geht halt nicht, dass man nur sagt, es soll klingen wie ein anderer Song oder eine andere Band. Von dieser Idee musste ich mich auch verabschieden. Und beim Mischen ist es das Wichtigste, auch Kompromisse eingehen zu können. Es macht mich fast krank, wenn ich daneben sitze.

!Smolski: Allerdings wissen das die wenigsten noch zu schätzen. Fast alles muss radiotauglich sein. Die meisten Leute hören die Musik ausschließlich im Auto. Nur noch MP3-Sound über kleine Kopfhörer oder sogar Handy – da ist der Klang stark komprimiert. Dabei ist Musikhören ja eher wie ein Buch lesen. Es ist im Prinzip ein Hörspiel.

?Da hat sich also einiges geändert mit der Zeit?

!Smolski: Ja, definitiv. Früher hatten die Hörer vor der Schallplatte noch Respekt. Das Internet, das Kopieren und die CD-Rohlinge machen die Musik kaputt, da es ja nichts mehr kostet. Das ist MP3-Sklaverei. Ich denke, dass viele Kids nicht mehr verstehen, was eigentlich für eine Arbeit in der Produktion eines Albums steckt.

?Ist die Musik im Allgemeinen schlechter geworden?

Boris Delic (l.) und Victor Smolski auf dem Stratosphere-Tower in 360 Metern Höhe über Las Vegas.

!Smolski: So kann man das nicht sagen. Aber der Trend geht dahin, dass kaum noch jemand richtig viel übt, sondern vieles am Computer macht. Jeder, der drei krumme Akkorde spielen kann, nimmt etwas auf und stellt es ins Internet. Bei dem ganzen Mist gehen die guten Musiker dann in der Masse unter.

?Was ist an dem Projekt „Der Bote“ anders?

!Smolski: Wenn ich sehe, wie viel Arbeit und Engagement Frank und Boris in die Produktion stecken, weiß ich, dass es etwas besseres, etwas anderes ist.

!!Delic: Es ist auch die Mischung der Künstler, die ich toll finde. Da sind auf der einen Seite Musiker wie Ralf und Frank aus dem Pop/Funk-Bereich und auf der anderen Seite dann Metaller wie Victor. Frank Itt hat früher nicht wirklich viel mit Heavy Metal zu tun gehabt. Aber wenn er schlechte Musik hört, dann sagt er es auch knallhart.

!Smolski: Und es geht uns um den Klang. Wir probieren im Studio auch viel aus. Wir jammen und improvisieren. Bei „Der Bote“ steht nicht der Erfolg im Vordergrund, sondern die Musik. Bei uns wird keiner durchdrehen, wir sind alle erwachsen und haben schon so einiges mitgemacht.

?Ist das in der Pop- und Rockwelt anders?

!Smolski: Leider ja. Vor allem durch die ganzen Casting-Shows gibt es viele Musiker, die sich zu Sklaven machen. Es sind Puppen oder auch Prostituierte, die alles machen, um Geld zu verdienen. In der Rock- und Metalszene hingegen bauen sich einige Bands etwas auf, spielen viele Konzerte und haben einen Mittelpunkt.

?Jetzt sind Sie zusammen nach Las Vegas gereist. Warum?

!Smolski: Die ersten Tage war ich Gast auf der weltweit größten Musikmesse, der NAMM Show in Anaheim, die nicht nur alle erdenklichen Instrumente und neuestes Equipment präsentiert, sondern auch Treffpunkt internationaler Künstler ist. Das war ein echt aufregender Moment inmitten namhafter Musiker.

!Delic:Da es mit meinem Amerika-Urlaub zusammen fiel, haben wir uns in Las Vegas getroffen. Wir hatten vergangenes Jahr im Sommer bei einem Grillabend darüber gesprochen und die Pläne geschmiedet.

!Smolski: Es ist einfach schön, auch mal Dinge zu unternehmen, die nicht nur mit Musik zu tun haben. Wir haben uns zwei sehr nette Tage und Nächte in Las Vegas gemacht. Natürlich bleibt das Thema Musik nicht ganz aus, und man hat bei solchen Trips auch weitere Ideen, was mit „Der Bote“ sonst noch so geht. Wir sollten unsere „Bote“-Release-Party einfach in Las Vegas machen (lacht).

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