Yenatfenta Abate stellt Portraits und Drahtfiguren im Kunstturm aus

„Die Linien wollen frei sein“

Figuren aus Draht gestaltet im Spiel mit Licht und Schatten.
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Figuren aus Draht gestaltet im Spiel mit Licht und Schatten.

Rotenburg - Unter dem Titel „Mein Blick“ steht die Ausstellung der äthiopischen Künstlerin Yenatfenta Abate im Kunstturm an der Nödenstraße. Noch bis zum 23. September haben Besucher die Gelegenheit, einen oder auch mehrere Blicke auf ihre außergewöhnlichen und innovativen Werke zu werfen und damit ein künstlerisches Neuland zu betreten.

Im Kunstturm steht die schwarzlockige, temperamentvolle Frau vor ihrer über drei Meter hohen Collage aus blauem Papier und fragilen Drahtfiguren. Diese scheinen die Wand empor zu steigen und sind verbunden mit zeichnerischen Arabesken und zarten Linien, die über das Papier hinaus direkt auf die Wand des Turms laufen. „Ich musste versprechen, die Wand nach der Ausstellung wieder ganz weiß zu streichen,“ erzählt sie lachend, „aber ich konnte die Linien nicht festhalten, sie entwickelten sich weiter und weiter, wollten frei sein!“

Achim Hoops, Lehrer an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Hamburg, nennt ihre Werke „befreite Kunst“ als Weiterentwicklung der Schule der „free art“.

Yenatfenta Abate hat, wie Peter Mokrus, Vorsitzender des Rotenburger Kunstvereins, in seiner Begrüßung schmunzelnd und voller Bewunderung erzählte, bei der dreiwöchigen Vorbereitung dieser Ausstellung sogar manchmal im Turm übernachtet, da einige ihrer Werke erst vor Ort entstanden oder den letzten künstlerischen Ausdruck erhielten. Auch Hoops schilderte mit leisem Humor ihre unbändige und unbeugsame Schaffenskraft, die sich keiner künstlerischen Richtung zuordnen lässt, sondern immer nur Ausdruck ihrer um Freiheit ringenden Persönlichkeit ist.

Mit 15 Jahren erkämpfte sich Yenafenta Abate gegen den Widerstand ihrer Familie ein Studium an der School of Fine Arts in Addis Abeba, wo sie zu den 15 Studenten zählte, die nach einem sechsmonatigen Aufnahmeprüfungssemester aus mehr als 700 Bewerbern zugelassen wurden. Dieser unbändige Wille und das Wissen um ihre künstlerische Berufung führten sie, nachdem sie ein Stipendium für ein Auslandsstudium errungen hatte, erst nach Heidelberg, wo sie nach dem Willen ihrer Eltern ein Pädagogikstudium begann. Das brach sie jedoch ab, um an der HfBK in Hamburg ihrer eigentlichen Bestimmung zu folgen.

Sie wählte zunächst aus Bewunderung für den Künstler Horst Janssen die Zeichnung als ihr Medium. Es reichen Papier und Stift, um Linien über die freie Fläche tanzen zu lassen, ohne Choreografie, befreit in eigener Grazie, sowie es ihre Werke auch in der späteren Entwicklung hin zu den filigranen Skulpturen tun.

Die Ausstellung zeigt ihre Portraits und Drahtfiguren im zauberhaften Licht- und Schattenspiel und bietet Einblick in den persönlichen Befreiungskampf dieser Frau aus ihren traditionellen Wurzeln. · hs

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