Die helfende Hand

Rotenburger Bundeswehrstandort richtet Familienbetreuungsstelle ein

Diverse Möglichkeiten haben Stabsfeldwebel Carsten Schlüter und Stabsunteroffizier Andree Fischer, den Familien die Zeit der Trennung zu erleichtern.
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Diverse Möglichkeiten haben Stabsfeldwebel Carsten Schlüter und Stabsunteroffizier Andree Fischer, den Familien die Zeit der Trennung zu erleichtern.
  • Ann-Christin Beims
    vonAnn-Christin Beims
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Rotenburg – Die ersten Soldaten des Rotenburger Jägerbataillons 91 sind bereits in den Irak geflogen. In den kommenden Wochen folgen ihnen weitere Kameraden. Der Einsatz hat sich aufgrund der Corona-Krise verschoben. Ausbildung mit Abstand war die Devise, nichtsdestotrotz: Der Einsatz ist geplant, und wer fliegt, muss vorbereitet und vor allem gesund sein.

Aber nicht nur die Soldaten sehen sich vor einer großen Herausforderung. Auch Angehörige und Freunde, die in der Heimat zurückbleiben, sollten auf das, was sie erwartet, bestmöglich vorbereitet werden. Dafür hat die Bundeswehr 1993 die Familienbetreuungsorganisation ins Leben gerufen. 31 Betreuungszentren gibt es in Deutschland. Punktuell, wie aktuell in Rotenburg, können Kommandeure den Antrag stellen, sogenannte Familienbetreuungsstellen vor Ort einzurichten – bis zu 50 sind möglich. Leiter, Stabsfeldwebel Carsten Schlüter, und sein Stellvertreter, Stabsunteroffizier Andree Fischer, sind dieser Tage mit viel Vorbereitung beschäftigt, denn am Sonntag steht die erste Informations- und Betreuungsveranstaltung auf dem Programm – das erste Kennenlernen der Angehörigen.

Die ersten Einsätze der Bundeswehr in Somalia in den 90er-Jahren hätten gezeigt, wie wichtig die Einrichtung einer Familienbetreuungsorganisation ist. „Dabei hat man erste Erfahrungswerte gesammelt“, erklärt Schlüter. „Der Dienstherr hat eine Verpflichtung gegenüber seinen Untergebenen“, erklärt Fischer. Demnach müssen nicht nur die Soldaten betreut werden, sondern auch die Angehörigen. Damals fiel darunter die engste Familie, mittlerweile zählen auch unverheiratete Partner und Freunde. Ein Soldat legt im Falle eines Einsatzes seine ihm nahestehenden Personen selber fest. Diese unterschreiben eine Datenschutzerklärung und werden dann zum einen bei Fragen informiert, aber auch zu ebensolchen Veranstaltungen eingeladen. Das können unterschiedlichste Aktivitäten sein. Am Sonntag steht als Auftakt ein Grillen am Freibad der Von-Düring-Kaserne auf dem Programm. Für die Kinder gibt es eine Betreuung, sodass sich die Eltern ganz auf das Kennenlernen oder ihre Fragen konzentrieren können. Außerdem wird der evangelische Militärpfarrer Bernd Kuchmetzki einen Erlebnisbericht über den Irak halten, wo er selbst schon im Einsatz war.

Aber es gibt auch andere Aktivitäten – auch außerhalb der Kaserne. „Das können Fahrten in einen Freizeitpark sein, in den Landpark Lauenbrück oder den Zoo Bremerhaven“, zählt Fischer Beispiele auf. Finanziert wird das Ganze vom Bund, um den Angehörigen die Zeit zu erleichtern. Denn die Soldaten sind nicht nur während des sechsmonatigen Einsatzes weg, sondern auch im Vorfeld auf Lehrgängen oder in der Ausbildung. „Das kann auch ein ganzes Jahr sein“, so Fischer.

„Wir wollen die Familien aus dem Alltag holen, ihnen unsere Gesichter zeigen, ihr Vertrauen gewinnen“, beschreibt Schlüter die Veranstaltungen. Sie bieten Ablenkung. Dabei sei es ebenso wichtig, dass sich die Familien untereinander kennenlernen, sich miteinander vernetzen können. „Nicht nur die Soldaten im Einsatz haben ihr Leid zu tragen, auch die Angehörigen zuhause“, weiß der Stabsfeldwebel.

Zudem wird es am Sonntag Informationen über das Psychosoziale Netzwerk (PSN) geben. Das spiele eine wichtige Rolle in der Betreuung. Das PSN vereint Fachkompetenzen: Truppenärzte, Sozialarbeiter, Militärseelsorger und Truppenpsychologen. Das sei wichtig, so Schlüter, da ihnen viele unterschiedliche Alltagssorgen und Probleme entgegengebracht werden. So könnte man an die entsprechenden Stellen verweisen. Das könnten ganz banale Dinge sein, die aber in diesem Moment wie ein großer Berg erscheinen. Alltägliches, das sonst der Partner übernommen hat. Vielen werde das erst so richtig bewusst, wenn der Abschied eingetroffen ist. Sie waren im Vorfeld nicht bei einer Beratungsveranstaltung dabei, kommen dann aber dazu. „Jeder ist willkommen, wir sehen uns als helfende Hand“, so Schlüter. „Natürlich immer auf vertraulicher Basis – ich würde die Veranstaltung selbst für eine Person machen, jeder ist wichtig.“

Hinzukomme, dass Soldaten meist nicht viel über ihren Einsatz reden, ihre Familien nicht belasten wollen oder auch schützen. Die wiederum möchten wissen, was vor Ort passiert, wie es ihren Soldaten im Einsatz geht. „Offenheit ist wichtig, gerade Kinder bekommen mehr mit, als man denkt“, meint Schlüter. Daher wird am Sonntag auch über den Einsatz berichtet, er hält regelmäßig Kontakt zu den Kameraden vor Ort. Für Kinder gibt es während der Zeit der Trennung Bücher und Flyer, die ihnen helfen sollen, besser zu verstehen, warum ihr Vater oder ihre Mutter für einige Monate nicht Zuhause sein wird. Dazu gibt es auch Flyer für Kitas, Grundschulen und weiterführende Schulen, damit Erzieher und Lehrer besser reagieren können, wenn sie wissen, was ihren Schützling belastet oder beschäftigt. Hilfreich seien im Einsatz auch moderne Kommunikationsmittel, die diesen heutzutage erträglicher machten. So könnten Soldaten beispielsweise ihren Kindern Geschichten aufnehmen, ihnen schicken und die Kinder können diese abends zum Einschlafen anhören. Ein Stück Normalität in einer nicht normalen Situation.

Familienbetreuung – Hilfe in Rotenburg

Die Familienbetreuungsorganisation der Bundeswehr, unterteilt in Betreuungszentren und -stellen deutschlandweit, sehen sich sowohl als Ansprechpartner für die Soldaten als auch deren Familien und Freunde. Eine Betreuungsstelle gibt es jetzt während der Dauer des Irakeinsatzes in Rotenburg. Sie hilft den Soldaten und Angehörigen dabei vor, während und eine Zeit lang nach dem Einsatz. „Wir betreuen, informieren, beraten und unterstützen“, fasst Stabsfeldwebel Carsten Schlüter die Aufgaben zusammen. Die Kameraden in den Zentren sind dabei rund um die Uhr erreichbar, ohne Ausnahmen. In den eigens eingerichteten Stellen ist das zwar nicht der Fall, wenn aber jemand außerhalb der Dienstzeiten anruft, wird er automatisch an das nächstgelegene Zentrum – für Rotenburg ist das Delmenhorst – weitergeleitet. Wenn sie einmal nicht direkt weiterhelfen können, wissen sie immer, an wen sie den Rat- oder Hilfesuchenden vermitteln können.

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