Initiatoren wollen mit „Corona-Sprechstunde“ hinterfragen

„Die Angst ist falsch“

Ohne Aluhut: Marcus von der Wehl (l.) mit Wolfgang Tenschert vor dem selbstgebauten „Velayo“, mit dem er für die „Corona-Sprechstunde“ Werbung radelt. 
Foto: Krüger
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Ohne Aluhut: Marcus von der Wehl (l.) mit Wolfgang Tenschert vor dem selbstgebauten „Velayo“, mit dem er für die „Corona-Sprechstunde“ Werbung radelt. Foto: Krüger

Rotenburg – Einen Aluhut trägt Marcus von der Wehl auf seinen wallenden Haaren nicht, und auch Wolfgang Tenschert richtet sich nur den Rest der Mähne, als es an diesem Freitagmorgen zum Fototermin in der Fußgängerzone geht: Am von von der Wehl konstruierten „Velayo“ posieren der Fahrzeugingenieur aus Lauenbrück und der pensionierte Lehrer des Ratsgymnasiums mit dem Werbebanner für die „Corona-Sprechstunde“ auf dem Pferdemarkt, die am Samstag ab 15.30 Uhr zum sechsten Mal stattfindet. Die beiden sind zwei der Initiatoren aus dem Kreis „bewegter Bürger“, die den Umgang von Politik und Öffentlichkeit mit dem Virus kritisch hinterfragen wollen. Sie wollen Fragen stellen und nicht sich für allzu einfache Antworten einspannen lassen – und wehren sich offensiv dagegen, in die Ecke politisch fragwürdiger Verschwörungstheoretiker gestellt zu werden. „Wir haben doch alle das gleiche Ziel: Es sollen keine Menschen sterben“, sagt von der Wehl. Nur sei man eben nicht mit dem aktuellen Weg im Umgang mit der Pandemie einverstanden.

„Die Angst ist falsch“, sagt der 70-jährige Tenschert. Niemand spreche dem Virus ab, gefährlich zu sein, aber dass Politik und „Mainstream-Medien“, wie er sagt, nahezu Hand in Hand die Sache „aufbauschen“, habe bei ihm zu einem „ganz großen Vertrauensverlust in die Regierung“ geführt. „Die Demokratie ist in einer Krise“, sagt auch von der Wehl. Anderslautende Meinungen würden beim Thema Corona nicht akzeptiert, selbst wissenschaftliche Erklärungen sofort politisch bewertet und klein gehalten. „Meine Wertesystem ist zusammengefallen“, sagt der 45-Jährige. Nach 28 Jahren in der CDU ist der Spross der angesehenen Lauenbrücker Familie aus der CDU ausgetreten. „Wir leben in einem Zustand, der nicht demokratisch ist.“ Bestes Beispiel seien Youtube-Videos von Forschern, die der gängigen Meinung der Weltgesundheitsorganisation widersprechen – sie würden gelöscht. Von der Wehl: „Es ist beim Thema Corona keine Meinungsvielfalt zu erkennen. Presse hat ihre Kontrollfunktion verloren.“

Viel mehr als bislang müsste das hinterfragt werden, was an Maßnahmen verordnet wurde. Dabei wisse von der Wehl, wie gefährlich ein Virus sein kann, sagt er. Seine Tochter sei selbst einmal fast an Influenza A gestorben. Auch Tenschert – Biologe, „wenn auch nur Pauker“ – laufe nicht durch die Gegend und proklamiere Unbedenklichkeit. Wohl aber wollen sie zur Diskussion anregen, sagen sie, auch andere Meinungen hören. „Ich betrachte die Corona-Sprechstunde als öffentliche Arbeitsgruppe“, sagt von der Wehl. Man sortiere dort seine Gedanken als „Ersatz für verlorene Informationen aus seriösen Quellen“. Jeder, der sich Gedanken mache, sei eingeladen, teilzunehmen.

Das hatte bei der zweiten Auflage auch Bürgermeister Andreas Weber (SPD). „Ein mutiger Auftritt“, sagt von der Wehl. Der Verwaltungschef sieht die „Corona-Sprechstunde“ allerdings eher kritisch. „Ich kann die Ungeduld der Menschen verstehen, nicht aber die Unzufriedenheit“, so Weber auf Nachfrage. Politik und Verwaltung hätten in der Pandemie hier einen „äußerst guten und engagierten Job gemacht“, um Schlimmeres zu verhindern. „Ohne die Maßnahmen hätten wir in Deutschland weitaus mehr Erkrankte und Tote zu verzeichnen gehabt. Die Maßnahmen waren schnell, fachlich gut begründet, transparent und akzeptierbar, angemessen und jetzt auch regional unterschiedlich der jeweiligen Lage angepasst.“ Weber hält unterschiedliche Meinungsäußerungen für wichtig, kritisiert aber, dass bei der Aktion auf dem Pferdemarkt „Verschwörungstheoretiker aufgetreten sind, denen nicht widersprochen worden ist“. Eine Fortsetzung der „Corona-Sprechstunde“ hält Weber für „absolut überflüssig“, wie er betont: „Die Veranstalter sollten sich überlegen, wem sie jetzt noch eine Bühne für solche abstrusen Theorien bieten wollen – es sein denn, sie sind selbst Anhänger dieser.“

Sich in eine bestimmte Richtung drängen lassen wollen von der Wehl und Tenschert nicht. Zudem teile man die Bedenken, dass sich auch „die falschen Leute“ zu Wort melden könnte. Das sei aber bislang nicht geschehen. Und sowieso gelte ja für die gesamte Gruppe, so von der Wehl: „Wir finden die AfD alle scheiße.“

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