Im „alga mobiles Fahrzeugmuseum“ in Sittensen wird Automobilgeschichte lebendig

Denkmäler auf Rädern in Sittensen

Es dauerte Jahrzehnte, bis Emil Bölling „seinen“ Mercedes L 6500 in der Halle stehen hatte. Vier Exemplare existieren noch, zwei davon sind in Sittensen zu sehen. Fotos: Franke

Sittensen (sf) - „Rollende Denkmäler“, Technikgeschichte zum Anfassen bietet Emil Bölling im „alga mobiles Fahrzeugmuseum“ in Sittensen. Emil Bölling weiß zu jedem Veteran eine Geschichte.

Die weiß aber auch Gästeführerin Frauke Klemme, die gemeinsam mit Heidrun Scheller die Geschichte des „alga mobiles Fahrzeugmuseum“ aufgeschrieben hat. Übrigens: Noch führt das Fahrzeugmuseum ein Dasein im Verborgenen. Unverständlich, denn gemessen am musealen Inhalt verdient es in der Museumslandschaft im Elbe-Weser-Dreieck einen hervorragenden Platz. Einmal im Monat, immer am ersten Sonntag, können Einzelpersonen oder Gruppen jetzt das mobile Fahrzeugmuseum der alga in Sittensen besichtigen. Dieses Museum gibt es seit 1998. Darin sind zwei große Sammlungen unter Regie der alga zusammengeführt worden: Die von Emil Bölling und von Horst Gaßmann, dem Inhaber der Firma alga Nutzfahrzeug- und Baumaschinen GmbH & Co. KG. In den Hallen am Westerböhmen 6 ist es zu finden. Die Ausstellung wird stetig erweitert. Mittlerweile beinhaltet sie ca. 100 Exponate aus rund 100 Jahren Nutzfahrzeuggeschichte. Und wer weiß, wenn Sie das Museum besuchen, vielleicht entdecken Sie dann schon das 101. Exponat ...

Klassisch: Der Mercedes Roadster hat Automobil-Geschichte geschrieben.

Was gibt es zu sehen, wenn sich zwei so enthusiastische Herren zusammentun? Eine willkürliche Sammlung von alten Klamotten? Alt, ja! Klamotten? Nein. Es sind wunderschöne Veteranen: Seltene Lastwagen, historische Baumaschinen, Busse und einige PKW-Raritäten. Die Sammlung zeigt die Geschichte insbesondere der deutschen Nutzfahrzeuge. Eine breite Fahrzeugpalette, an der die Entwicklung deutlich wird: Vom Ackerschlepper, dem Vorläufer der großen Zugmaschinen, über Vertreter nahezu aller in Deutschland hergestellten Lastkraftwagen. Hier werden die Firmen Krupp, Henschel, Kaelble, Ford, Opel, Hanomag – um nur einige der inzwischen verschwundenen Nutzfahrzeug-Hersteller zu nennen – wieder lebendig. Seltene Fahrzeuge der Marken Mercedes, Büssing, Klöckner-Deutz haben hier einen Platz gefunden. Freunde alter Feuerwehrfahrzeuge kommen im Museum ebenso auf ihre Kosten. Sie werden ins Schwärmen geraten angesichts des seltenen Krupp Tiger L8 mit seiner 52-Meter-Metz-Drehleiter.

Das Fahrzeugmuseum in Sittensen

Fotostrecke

Exponate von 15 einstmals eigenständigen Herstellern sind zu bestaunen. Davon (z.T. in abgewandelter Form) existieren heute noch zwei. „Aber wussten Sie eigentlich, dass das Logo des ehemals Braunschweiger Herstellers Büssing überlebt hat und Ihnen auch heute noch entgegen kommt? Wir wollen Ihnen diese Geschichte erzählen, wenn Sie das Museum besuchen“, versprechen Heidrun Scheller und Frauke Klemme.

Ordentlich aufgereiht und poliert stehen die alten Schätze in der großen Halle. Sie bieten ein eindrucksvolles Bild. Der Besucher blickt in Gesichter der Fahrzeuge. Jedes dieser Fahrzeuge möchte ihm seine eigene Geschichte erzählen. „Nehmen Sie sich doch einmal die Zeit, ihnen zu lauschen. Dann bekommen Sie Einblick in die Familie Faun: Ein Faun ZR Baujahr 1942, der im Krieg bis nach Odessa gekommen ist, steht hier. Auf der Flucht wurde er von einem russischen Scharfschützen am Regler seiner Einspritzpumpe schwer ,verwundet‘. Doch sein Fahrer konnte ihn wieder schweißen. So verarztet trat er den Rückweg bis an die südliche Donau an. Dort rettete er später bei der Salzburger Post mit seinem Kranaufbau als Bergefahrzeug seinerseits verunglückte ,Kollegen‘ “, berichten Heidrun Scheller und Frauke Klemme.

Ein anderes Familienmitglied hingegen, ein Faun L7Z Baujahr 1950, hat den Krieg nicht mehr miterlebt. Aber seine Familienzugehörigkeit ist unverkennbar. Er hat auf seiner Ladefläche das deutsche Wirtschaftswunder transportiert. „Wissen Sie eigentlich, was Familie FAUN heute so macht?“

Emil Bölling mit einem dreirädrigen „einäugigen“ Goliath.

Emil Bölling , der Hüter der wertvollen Flotte, weiß die Geschichten aus der Geschichte lebendig zu erzählen. Schließlich ist er nicht nur ein Zeitzeuge, sondern seine eigene Geschichte ist eng damit verknüpft. Der kleine Junge war vor dem Krieg in eine Fuhrunternehmerfamilie hineingeboren. Ihm war schnell klar, dass er keine Zeit für den Kindergarten hatte. Er musste auf „seine“ Mercedes L 6500 aufpassen. Es kam der Krieg, der seiner Familie – wie damals allen Familien – viel genommen hat. Doch seine Unverdrossenheit brachte ihn auch nach dem Kriege wieder in die Sparte. Er konnte wieder mit „seinen Fahrzeugen“ zusammen sein, denn er wurde Bauunternehmer in Castrop-Rauxel.

Nach dem Wiederaufbau veränderte sich in Deutschland vieles. Die Gesichter der vertrauten Nutzfahrzeuge wandelten sich vom Langhauber zum Frontlenker. Die vertrauten deutschen Markennamen verschwanden allmählich. Da wuchs in ihm die Sehnsucht nach vergangenen Kindertagen und den Fahrzeugen, die er so lieb gewonnen hatte. Er machte sich also auf die Suche. Das Ergebnis von über 20 Jahren Suchen, Aufstöbern und Sammeln ist seiner Hartnäckigkeit ebenso wie seiner Begeisterung zu verdanken. Es ist in den Museums-Hallen in Sittensen zu bewundern.

Aber Vorsicht: Seine Begeisterung ist ansteckend. Das musste auch die ausgebildete Gästeführerin Frauke Klemme feststellen, an die er inzwischen vieles von seinem Wissen weitergegeben hat. Toll, wie intensiv sie sich in diese – für eine junge Frau nicht alltägliche – Materie eingearbeitet hat.

Alle hier gezeigten Veteranen sind fachkundig, mit Verstand und Herzblut, von einigen Männern restauriert worden. Sie haben ihre Liebe zu den Nutzfahrzeugen in ihrem ersten Berufsleben entdeckt. Ihre Ausbildung und die in vielen Berufsjahren erworbene Sachkenntnis machte sie im zweiten Berufsleben zu fähigen Mitarbeitern. Nun, im Dritten Lebensalter, haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, kränkelnde oder nur noch in Teilen vorhandene Veteranen wieder flott zu machen.

Die Besonderheit dieses Museums liegt nicht nur in den Ausstellungsfahrzeugen, sondern vor allem in ihrer Fahrtüchtigkeit und ihrem einwandfreien technischen Zustand – sie sind mobil! Sie auf eigener Achse zu Ausstellungen zu bringen ist ein schönes Abenteuer für sich. Dort wie hier im Museum ermöglichen sie vielen alten Lastwagenkutschern (den einstigen Kapitänen der Landstraße) einen Ausflug in die eigene Vergangenheit. Gleichzeitig gelingt es ihnen dann oft, junge Menschen für alte Technik zu begeistern. Sie schaffen es mit diesen schönen und selten nur im Alltagsverkehr zu entdeckenden Fahrzeugen im Sinne des Wortes im Vorbeigehen.

Die Öffnungszeiten: Am 1. Sonntag im Monat ist das Museum von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Gruppen ab 20 Personen vereinbaren einen Termin für eine Führung: Emil Bölling ist zu erreichen über Handy 0173-2702146 oder 0171-8667758. Das Touristikbüro der Börde Sittensen ist von Mo.-Fr. 10-12 Uhr zu erreichen oder über touristik@sg.sittensen.de und nimmt ebenfalls Anmeldungen entgegen.

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