Rotenburgs Gesundheitsamtsleiterin Carmen Menzel über Corona

„Das Virus ist nicht weg“

Carmen Menzel leitet seit Anfang 2019 das Gesundheitsamt des Landkreises. Die 55-Jährige ist seit 2007 dort tätig und hatte das Amt zunächst kommissarisch von ihrem verstorbenen Vorgänger Frank Stümpel fortgeführt.  
 
Foto: Menker
+
Carmen Menzel leitet seit Anfang 2019 das Gesundheitsamt des Landkreises. Die 55-Jährige ist seit 2007 dort tätig und hatte das Amt zunächst kommissarisch von ihrem verstorbenen Vorgänger Frank Stümpel fortgeführt. Foto: Menker
  • Michael Krüger
    vonMichael Krüger
    schließen

Rotenburg – Eine unaufgeregte Nüchternheit bestimmt bislang das Corona-Geschehen im Landkreis. Die Zahlen explodieren hier nicht wie anderswo, und das Krisenmanagement der Behörden scheint gut zu funktionieren. Das ist auch ein Verdienst von Carmen Menzel, die das Rotenburger Gesundheitsamt leitet. Im Interview spricht die 55-Jährige über das Erreichte und erwartete Herausforderungen – das Virus ist nicht besiegt.

Frau Menzel, Neuerkrankte gibt es derzeit nicht im Landkreis, als krank gilt niemand. Haben wir das Coronavirus überstanden?

Wir haben die erste Erkrankungswelle überstanden, die sich bei uns im Landkreis zum Glück nur als flache Kurve gezeigt hat und nicht als ein steiler, exponentiell ansteigender Gipfel. Insofern ist es hier gut gelungen, das Motto „flatten the curve“ umzusetzen.

Wann haben wir das Virus überstanden?

Ich rechne damit, dass uns das Thema noch eine ganze Weile beschäftigen wird. Ob oder wann das Virus beziehungsweise die davon ausgehende gesundheitliche Bedrohung komplett verschwindet, kann niemand sagen. Dazu gibt es unterschiedliche wissenschaftliche Prognosen. Sich auf eine definitive Aussage festzulegen wäre unseriös.

Warum sind die Zahlen hier so niedrig?

Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Durch die Nähe zu Österreich und Italien sind im Süden der Republik sicher mehr Menschen zum Skifahren in den Risikogebieten gewesen. Die Ski-Rückkehrer waren insbesondere zu Beginn eine wesentliche Größe, die die Fallzahlen in Deutschland bestimmt haben. Viele Fälle generierten viele Kontaktpersonen, die ihrerseits wieder ein deutliches Risiko hatten, sich anzustecken. In den ersten Wochen, bevor die WHO den Pandemiefall erklärt hat, gab es ja auch noch keine Sicherheitsmaßnahmen wie generelles Abstandsgebot, Kontaktreduktion oder Masken tragen. Dagegen hatten wir in Niedersachsen von Anfang an weniger Fälle. Die Menschen fahren nicht so oft zum Skifahren und feiern auch nicht so überschwänglich Karneval. Hier im Landkreis ist sicher auch die niedrigere Siedlungsdichte vorteilhaft. Da gelingt das Abstandhalten besser als in Ballungsgebieten. Und auch das eher ruhige und pragmatische norddeutsche Gemüt dürfte sich positiv ausgewirkt haben.

Wie fällt Ihre Corona-Bilanz angesichts der vielen Herausforderungen nach drei Monaten aus?

Wie gesagt, ist es hier gut gelungen, die Erkrankungskurve flach zu halten. Daran haben alle einen Anteil. Die Bürger haben sich sehr diszipliniert an die Regeln gehalten, alle Akteure im Gesundheitssystem haben kooperativ zusammengearbeitet, sodass es auch nicht zu einer Überlastung unserer Krankenhäuser gekommen ist. Wir haben im Gesundheitsamt viel Kraft aufgeboten, um jederzeit eine Nachverfolgung der Kontaktpersonen sicherzustellen und Infektionsketten zu stoppen – unterm Strich mit gutem Ergebnis.

Über Monate bestimmt Corona unser Leben. Wie viel Zeit bleibt Ihnen und Ihren Kollegen da noch für die vielen anderen Aufgaben, die Sie zu bewältigen haben?

Wir haben im Gesundheitsamt bereits Anfang März die „sonstigen Aufgaben“ zurückgefahren, und mit dem Lockdown wurden sämtliche Kräfte fast ausschließlich im Bereich des Infektionsschutzes konzentriert. Zu diesem Zeitpunkt waren weder Schuleingangsuntersuchungen noch zahnärztliche Reihenuntersuchungen möglich. Der Infektionsschutz hatte einfach absolute Priorität. Mittlerweile nehmen wir diese Aufgaben wieder langsam auf, wobei wir darauf achten, dass der Publikumsverkehr im Amt gut steuerbar bleibt und die Termine möglichst risikoarm gestaltet sind. Mit dem Beginn der Badesaison gewinnt auch die Überwachung der Wasserqualität wieder vermehrt Bedeutung.

Was genau waren die größten Herausforderungen für das Gesundheitsamt?

Die größte Herausforderung war sicherlich im Januar/Februar die logistische Vorbereitung auf die Pandemie und die interne Umsteuerung der Aufgabenverteilung hin zur Unterstützung des Infektionsschutzes. Unser Kernteam besteht im Routinebetrieb aus vier Personen im Infektionsschutz, diese Zahl haben wir vervierfacht. Mit der Einrichtung des Krisenstabes hat sich dann eine neue Routine ausgebildet.

Wie gut hat das Zusammenspiel im Landkreis Rotenburg aus Ihrer Sicht funktioniert?

Wir haben von Anfang an sehr viel Wert auf eine gute Krisenkommunikation gelegt. Wenn alle Beteiligten unter Stress stehen und viele ungewohnte Anforderungen bewältigt werden müssen, ist es wichtig, sich immer wieder daran zu erinnern, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und die Krise nur gemeinsam bewältigen können. Das hat sich ausgezahlt. Wir standen stets in einem engen Austausch mit niedergelassenen Ärzten, mit dem Rettungsdienst, den Krankenhäusern und den freiwilligen Helfern des DRK. Mit der Bildung des Krisenstabes im Landkreis konnten dann auch innerhalb der Verwaltung die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden. Letztlich hat die gesamte Verwaltung die Bewältigung der Krise mitgetragen.

Diskutiert werden natürlich kontrovers die verschiedenen Stufen der Lockerungen. Der Landrat hat schon sehr früh dafür plädiert, regional unterschiedlich zu verfahren. Wie beurteilen Sie die Regelungen für den Landkreis?

Bereits die unterschiedlichen Regelungen auf der Länderebene verwirren viele Bürger und sorgen auch für Unmut ob der entstehenden Unterschiede. Oft ist es schwierig zu begründen, warum bestimmte Lockerungsschritte in einem Bundesland eine Woche früher oder später oder in kleinen Nuancen unterschiedlich stattfinden. Ich denke, hier bedarf es einer guten Balance zwischen einer Harmonisierung der großen Marschrichtung und der nötigen Flexibilisierung aufgrund regionaler Unterschiede im Infektionsgeschehen.

Waren die Vorsichtsmaßnahmen mit dem Lockdown im Prinzip des gesamten gesellschaftlichen Lebens richtig?

Ohne diese Maßnahmen wäre der Anstieg der Infektionen deutlich dramatischer ausgefallen und wir hätten nicht den derzeitigen Stand einer relativ entspannten Lage.

Es gibt nun schon seit Wochen keine neuen Corona-Fälle im Landkreis. Brauchen wir denn das Testzentrum in Zeven überhaupt noch?

Wir dürfen uns nicht in einer trügerischen Sicherheit wiegen. Die Infektionszahlen sind aktuell niedrig, aber das Virus ist nicht weg. Jetzt überhaupt keine Tests mehr durchzuführen, hätte fatale Folgen, denn wir würden es nicht rechtzeitig mitbekommen, wenn das Infektionsgeschehen wieder zunähme. Da die Symptomatik der SARS-CoV-2-Infektion so unterschiedlich ist, können wir nicht anhand der klinischen Symptome unterscheiden, ob es sich um eine Erkältung oder eine Corona-Erkrankung handelt. Dazu ist der Test das entscheidende diagnostische Instrument. Die Durchführung der Testuntersuchungen ist aber nicht an das Testzentrum gebunden. Das kann in jeder Hausarztpraxis stattfinden. Anfangs war das wegen der fehlenden Schutzausrüstung schwierig, die Versorgungssituation hat sich aber gebessert.

Sollten aus Ihrer Sicht die Corona-Tests wegen der geringen Fallzahlen jetzt ausgeweitet werden auf diejenigen, die nicht auffällig sind?

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass nicht einfach „blind drauflos“ getestet wird, sondern ganz klar ist, welche Teststrategie in welchem Kontext sinnvoll ist. Das Land hat in der letzten Woche dazu eine neue Teststrategie veröffentlicht. Diese sieht vor, in Regionen mit hohem Infektionsdruck in den sensiblen Bereichen wie Pflegeheimen, ambulanten Pflegediensten oder Kitas das Personal vorsorglich zu testen. Aus meiner Sicht ist das eine vernünftige Strategie, da wir dann die vorhandenen Testkapazitäten zielgenau einsetzen können.

Werden die Zahlen auch hier wieder steigen?

Das Virus ist nicht verschwunden und Vorfälle wie in Göttingen zeigen uns, wie schnell die Zahlen auch wieder steigen können.

Wie ist der Landkreis aktuell vorbereitet auf eine mögliche zweite Welle?

Wir stellen gerade einen Personalpool zusammen, der uns für den Fall einer zweiten Welle bei der Kontaktpersonennachverfolgung unterstützen kann. Dazu werden wir in diesen Wochen ein Einarbeitungskonzept umsetzen. Parallel steht uns über das RKI ein Containment-Scout zur Verfügung. Seitens des Landes ist angedacht, eine verbesserte Software zur Kontaktpersonennachverfolgung anzubieten. Nicht zuletzt müssen wir aber auch mal durchatmen, ein paar Tage der Erholung einplanen, um die Kräfte auch langfristig einsatzfähig zu halten.

Was lernen wir aus Corona für die Zukunft?

Dass es sich lohnt, den Blick darauf zu richten, was wirklich wichtig ist im Leben. Wenn wir uns ernsthaft mit dieser Frage befassen, können wir feststellen, dass nur ganz wenige Dinge wirklich notwendig sind. Aus der Begrenzung auf das Wesentliche können wir Kraft schöpfen.

Bei Pressegesprächen im Kreishaus merkt man insbesondere bei denen, die mit dem Thema Corona besonders zu tun haben – also auch Mitarbeitern des Gesundheitsamts – eine große Vorsicht. Wie sehr prägt es einen persönlich, wenn man sich so sehr damit beschäftigt?

Das Wesen einer Pandemie besagt, dass eine Infektionskrankheit „das ganze Volk“ erfasst. Das heißt auch, dass es keine Einflussfaktoren gibt, die das Risiko einer Infektion ausschließen. Sicher ist die Zahl der zirkulierenden Viren bei uns aktuell gering, aber eben nicht bei Null. Daher macht es weiter Sinn, dass wir uns schützen. Und ich propagiere keine Maßnahmen, an die ich mich selbst nicht halte. Von den Schutzmaßnahmen profitiere ich, aber auch das Gegenüber. Wenn möglichst viele mitmachen, haben wir eine gute Chance, die Zahlen niedrig zu halten.

Welche Einschränkungen und Maßnahmen sind Ihnen persönlich am schwersten gefallen?

Der Geburtstag meiner ersten Enkeltochter konnte wegen der Kontaktverbote nicht wie geplant im Familienkreis gefeiert werden, das war sehr schade.

Wohin fahren Sie in diesem Jahr in den Urlaub?

Deutschland!  mk

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

FC Bayern krönt sich gegen Leverkusen zum Doublesieger

FC Bayern krönt sich gegen Leverkusen zum Doublesieger

Sieg im Elfmeterschießen: Wolfsburg wieder Doublesieger

Sieg im Elfmeterschießen: Wolfsburg wieder Doublesieger

Trumps düstere Botschaft zum Unabhängigkeitstag

Trumps düstere Botschaft zum Unabhängigkeitstag

„Ist das noch Relegation oder schon Kreisliga?“ - Netzreaktionen zu Werder gegen Heidenheim

„Ist das noch Relegation oder schon Kreisliga?“ - Netzreaktionen zu Werder gegen Heidenheim

Meistgelesene Artikel

Gottesdienst mit Taufe von oben

Gottesdienst mit Taufe von oben

Lehrerjob? Läuft bei ihnen!

Lehrerjob? Läuft bei ihnen!

Jugendtreff wieder geöffnet

Jugendtreff wieder geöffnet

Weder vor noch zurück

Weder vor noch zurück

Kommentare