Carmen Theloy fährt seit fast 30 Jahren die Post aus / 50 Kilo Gepäck auf dem Fahrrad

Briefe und ein bisschen Seelentrost

Für Empfänger wie Siegfried Lange gehört ein kleiner Plausch mit Carmen Theloy mit zum morgendlichen Ritual. ·
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Für Empfänger wie Siegfried Lange gehört ein kleiner Plausch mit Carmen Theloy mit zum morgendlichen Ritual. ·

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Schlimm ist das tägliche Aufstehen um 5 Uhr. Noch unangenehmer, wenn ihr der Wind den Regen ins Gesicht pustet: Daran wird sich Postbotin Carmen Theloy (48), die Freundlichkeit und Lachen zu Lebensprinzipien gemacht hat, wohl niemals gewöhnen.

Entschädigt wird sie allerdings tagtäglich, denn ihr Beruf, das ist kein sprödes Strampeln mit dem mit maximal 50 Kilogramm Post beladenen gelben Fahrrad, sondern sprudelndes Leben in seiner ganzen Vielfalt. Allerdings: Wenn Carmen Theloy nach fünf bis sieben Stunden und mehr als 20 zurückgelegten Kilometern auf den Posthof zurückkehrt, dann weiß sie, was sie getan hat.

Mit einem Spezial-Fahrrad geht es dann „auf Tour“.

Das Licht geht in dem langgezogenen, schwarzen Gebäude sehr früh an. Lastwagen haben ihre sortierte Ladung nachts aus dem Brief- und Paketzentrum Bremen nach Rotenburg gebracht, zu einem sogenannten „Stützpunkt mit Leitungsfunktion“. Betriebsleiterin für die Landkreise Rotenburg und Osterholz-Scharmbeck ist die 44-jährige Helga Kaers, Chefin von etwa 400 Zustellern.

Durchschnittlich 1 500 Sendungen bringt jeder Bote täglich zu den Kunden. Post, die nach einem bestimmten Muster in den sogenannten Spind einsortiert wird. Nach dem Einordnen in die Taschen oder gelben Plastikbehälter geht es entweder zu Fuß oder mit dem Rad in die Zustellbezirke. Carmen Theloy belädt ihr Fahrrad – ein extra stabil gebauter Drahtesel mit profilstarken Reifen.

Helga Kaers ist überzeugt: „Der Postbote, der mit seinen Kunden einen guten Kontakt pflegt, ist ein Aushängeschild des Unternehmens.“ Ein Verhalten, das für Theloy, in Horstedt geboren, in Waffensen aufgewachsen und seit 29 Jahren bei der Post, selbstverständlich ist. Ohne den Kunden Stoppuhr-Pünktlichkeit garantieren zu können, ist für sie der schnelle Posttransport von besonderer Wichtigkeit.

Nicht immer müssen Briefe in metallene Kästen oder durch den Schlitz fallen – immer mal wieder trifft die Postbotin die Empfänger direkt an. Manche warten schon sie, um ein paar freundliche Worte zu wechseln. Vielleicht darüber, dass das Wetter langsam wirklich ein wenig besser werden könne. Die freundliche, blonde Carmen Theloy ist dabei immer wieder ein wenig Seelentrösterin.

Jeden Morgen sortiert Carmen Theloy die Briefe in Kisten ein.

Denn wer Briefe austrägt, bringt manchmal auch traurige Nachrichten, wie die Karte vom Tod eines lieben Menschen. Es kommt immer wieder einmal vor, dass Carmen Theloy die Erste ist, die sich ein wenig um Trost bemüht. Oder die kleine Enkelin ist endlich geboren, und die Oma ist so glücklich, dass sie die Postbotin fast in die Arme genommen hätte. Carmen Theloy überlegt kurz: Nein, unfreundlich werde sie in den allerwenigsten Fällen von Kunden empfangen. Vielleicht eine Sache auf Gegenseitigkeit? Die fast entwaffnende Freundlichkeit der Frau mit dem traditionellen Posthorn lässt kaum Raum für Giftigkeiten.

Die 48-jährige fährt jetzt mit ihrem schwer beladenen gelben Rad hinein in die unangenehmen Jahreszeiten Herbst und Winter. Sie erinnert sich gar nicht gern daran, als sie einmal auf nassem Laub ins Rutschen geriet und stürzte.

Elektronische Medien lassen die Zahl der Briefsendungen pro Jahr um zwei bis drei Prozent schrumpfen. Zur Zeit sind es pro Tag rund 65 Millionen Sendungen, vor zwei Jahren waren es rund 67 Millionen. Den klassischen Brief wird es auch in Zukunft geben. Vielleicht auch deshalb, weil die „haltbare“ Botschaft auf Papier eine viel längere Gültigkeit hat als das flüchtig dahingesagte Wort?

Kritik, die Post ziehe sich zunehmend vom Kunden zurück, lässt Maike Wintjen, Pressesprecherin für Hamburg, Schleswig-Holstein. Niedersachsen und Bremen nicht gelten: „Für unsere Kunden halten wir ein außerordentlich großes Filialnetz bereit mit sehr guten Öffnungszeiten. Das konnten wir erreichen, weil wir mit Partnern zusammenarbeiten, die ohnehin ihr Geschäft geöffnet haben.“

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