Relativierung in neuem Gewand

Die Leiter der Gedenkstätte Lager Sandbostel über Erinnerungskultur in Zeiten der AfD und die Reichspogromnacht vor 80 Jahren

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Ronald Sperling (l.), Archivar der Gedenkstätte Sandbostel, und der Leiter Andreas Ehresmann sprechen im Interview über das besondere Datum 9. November. 

Sandbostel - Von Ulf Buschmann. Vor 80 Jahren haben Nationalsozialisten in ganz Deutschland die Synagogen angezündet. Die sogenannte Reichspogromnacht in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war ein weiterer Schritt zur Vernichtung der Juden durch die Faschisten. Über die Aufgaben der seit dem Jahr 2007 bestehenden Gedenkstätte Lager Sandbostel äußern sich Leiter Andreas Ehresmann sowie Ronald Sperling, wissenschaftlicher Dokumentar der Gedenkstätte und Vorsitzender des Gedenkstättenvereins Sandbostel.

Meine Herren, ist der 9. November in diesem Jahr etwas Besonderes?

Ronald Sperling: Wir begehen den Jahrestag des November-Pogroms jedes Jahr. Aber für mich persönlich hat der 9. November 2019 schon eine besondere Bedeutung, weil es eben das 80. Mal ist. Es ist aber schon so, dass er durch viele historische Daten überlagert ist. In diesem Jahr ist es der 100. Jahrestag des Kriegsendes 1918 und seit 1989 auch der Jahrestag des Mauerfalls. Diese beiden Erinnerungen sind an diesem Tag verdichtet. Uns ist es wichtig hervorzuheben, dass der Juden als Opfer des Pogroms gedacht werden muss und dafür regional und überregional Veranstaltungen stattfinden sollten.

Werden Sie zu einer Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte einladen?

Sperling: Diesmal werde ich einen Vortrag in Zeven zum Pogrom dort halten.

Hat das Pogrom in Zeven einen besonderen Charakter?

Sperling: Es war eine ländliche Gemeinde. Es gab in Zeven, das ist das eigentlich Besondere, die wahrscheinlich letzte Synagogengründung vor dem Zweiten Weltkrieg. Als die Synagoge dort eingeweiht wurde, sagte der Rabbi: „In dieser Zeit gehen nicht nur Menschen fort, sondern auch Synagogenräume wandern.“ Das Mobiliar kam aus einer Synagoge in Deutsch-Eylau in Westpreußen. Der Hauptgrund für die Errichtung einer neuen Gemeinde in Zeven war, dass die Synagoge in Bremervörde geschlossen und das Haus dort verkauft worden war. Die Gemeinde war also ohne religiösen Beistand. Deshalb haben sich zwei Viehhändler in Zeven, die Brüder waren, entschlossen, wieder eine Synagogengemeinde aufzubauen. Das ist schon etwas Besonderes, dass auch diese Synagoge zerstört wurde – aber es war nicht das Haus. Die SA-Männer räumten das Mobiliar raus, stapelten es auf dem Marktplatz auf, zündeten es an und verbrannten es öffentlich. Dabei waren Schulklassen und Kinder. Davon gibt es Bilder. Also nicht nur die großen Synagogen in Bremen, Hamburg oder Oldenburg sind geschändet worden. Es ging hinunter bis in die kleinsten Kapillarsysteme.

Spielt der 9. November aktuell eine besondere Rolle, weil AfD-Chef Alexander Gauland Adolf Hitler und das Treiben der Nazis als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte bezeichnet?

Sperling: Was mir auffällt, ist das Allgemeine. Es ist nicht der 9. November, der speziell angegangen wird. Es ist vielmehr das Gedenken und der Umgang an den Nationalsozialismus der neu-rechten Erinnerungspolitik. Das steht für mich im Fokus. Die Schlagworte der Relativierung sind im Übrigen sehr alt, sie kommen nur im neuen Gewand daher. Das Ding mit dem „Vogelschiss“ der Geschichte wurde in der Sache bereits in den 1980er-Jahren von der Nationalen Front aufgegriffen. Die Leute sagten, wir müssten diesen Teil der Geschichte klein halten, damit wir wieder an rechte Ideologeme anknüpfen können. Menschen wie Alexander Gauland und insbesondere Björn Höcke, der Vorsitzende der AfD im thüringischen Landtag, tun nichts anderes.

Der Entwurf eines Schülers zur Visualisierung des ehemaligen KZ-Auffanglagers hinter der Lagerkirche.

Hat das alles aktuell eine besondere Wucht?

Andreas Ehresmann: Es geht Neonazis oder Rechtsextremen jetzt nicht mehr darum, den Holocaust zu leugnen oder abzuwehren, wie es noch in den 1970er- und 1980er-Jahren der Fall war. Es geht darum, die Phase des vermeintlichen „Schuldkultes“, wie es vor kurzem Menschen am Denkort Bunker Valentin in Bremen geschmiert hatten, zu überwinden, um so einem neuen wiedererstarkendem rechten Nationalismus Raum zu geben, frei von dem einschränkenden Stigma des Nationalsozialismus. Anders als in den letzten Jahrzehnten, als dieses vor allem ein neurechter Ansatz war, hat diese Strategie durch die Verankerung der AfD in allen Landesparlamenten und im Bundestag mittlerweile eine starke Präsenz beziehungsweise eine ganz andere Relevanz. Auch in den vielen politischen und kulturellen Gremien, die für Gedenkstätten, Erinnerungsarbeit und Pädagogik zuständig sind, gibt es mittlerweile häufig Vertreter der AfD, die sich teilweise an den „Schuldkult“ oder den „Vogelschiss“ anlehnen oder aber diese Aussage ihrer Parteigenossen zumindest tolerieren.

Wie sollte man dem begegnen?

Ehresmann: Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, dass wir als Gedenkstätten Präsenz zeigen. Wenn Vertreter der AfD wieder stolz auf die Leistungen der Wehrmacht in zwei Weltkriegen sein wollen, finde ich das sehr bedenklich und höchst kritikwürdig. Wir sind aber nicht nur Akteure, die darauf hinweisen und durch die Existenz der Gedenkstätten diesem etwas entgegensetzen. Gedenkstätten sind auch Seismografen des Umgangs mit der Geschichte.

Was tun Sie konkret?

Ehresmann: Zunächst einmal geht es darum, faktenbasiert und dokumentierend die Geschichte der jeweiligen Orte erzählen, um so ein reflektiertes Geschichtsbewusstsein zu fördern. Gerade hier in Sandbostel haben wir die gute Gelegenheit zu zeigen, was passiert, wenn sich die Gesellschaft radikalisiert und wenn Menschen rassistisch kategorisiert werden: Auf der einen Seite die westalliierten Kriegsgefangenen, auf der anderen Seite die zu „Untermenschen“ degradierten sowjetischen Menschen ohne jegliche Rechte.

Inwieweit arbeiten Sie mit den Schulen zusammen?

Ehresmann: Unsere Kollegen aus der Gedenkstättenpädagogik haben mittlerweile zu vielen Schulen aus dem gesamten Elbe-Weser-Dreieck Kontakte, und wir sind ein anerkannter außerschulischer Lernort. Im besten Fall wird in der Gedenkstätte der Geschichtsunterricht zum Thema Nationalsozialismus in verschiedenen Bildungsmodulen vertieft.

Wie hat sich die Zusammenarbeit mit den Schulen seit Eröffnung der Gedenkstätte entwickelt?

Sperling: Die Gedenkstätte gibt es an diesem historischen Ort seit dem Jahr 2007. Zu Beginn galt es zuerst, die Häuser zu sichern. Schon damals wurden zwar Schulklassen relativ schnell über das Gelände geführt. Die richtige Zusammenarbeit mit den Schulen begann dann aber mit der Abstellung der ersten Lehrer mit einem Stundenkontingent, um mit den Schülern zu arbeiten. Das hat sich seitdem immer weiter entwickelt Ehresmann: Wir haben darüber hinaus ein zweites Standbein, denn zusätzlich zu dem vom Kultusministerium mit einem Stundenkontingent freigestellten Gymnasiallehrer Lars Hellwinkel haben wir die Stelle des Friedenspädagogen Michael Freitag-Parey, der vom Kirchenkreis Bremervörde-Zeven und der Hannoverschen Landeskirche finanziert wird. Er arbeitet auf einer anderen Ebene mit Jugendlichen.

Gibt es besondere Projekte für Schulen?

Sperling: Es gibt das sogenannte Namensziegel-Projekt: Anhand der Biografie eines in Sandbostel verstorbenen und anonym in einem Massengrab verscharrten sowjetischen Kriegsgefangenen können die Schüler ihren aktiven Beitrag zur Erinnerung leisten, indem sie einen Tonziegel mit dem Namen und den Lebensdaten produzieren, der später auf dem Friedhof aufgehängt wird. Dadurch bekommt der verstorbene sowjetische Soldat seinen Namen wieder, was insbesondere für die Angehörigen sehr wichtig ist.

Wie verändert sich die Arbeit der Museumspädagogik? Welchen Einfluss hat Social Media dabei?

Ehresmann: Die wesentliche Arbeit findet natürlich nach wie vor hier vor Ort statt. Das ist unsere Hauptaufgabe. Inzwischen erreichen uns aber auch Anfragen der vierten Generation: Die Menschen möchten wissen, wo der Opa oder sogar der Uropa gestorben ist. Sperling: Die Mehrzahl unserer Besucher sind zwar Schulklassen, aber es sind auch Ältere, die mit der Kriegsgeschichte aufwuchsen. Eine für uns darüber hinaus ganz wichtige Gruppe sind ausländische Besucher. Dazu muss man wissen, dass das Kriegsgefangenenlager Sandbostel zeitweise für die gesamte Region bedeutsam war: für das Elbe-Weser-Dreieck, für Ostfriesland und für Schleswig-Holstein. Von Sandbostel aus wurden Kriegsgefangene überall dorthin verteilt. Für alle Menschen aus der damaligen Sowjetunion, die in Sandbostel registriert wurden, fängt die Aufarbeitung jedes einzelnen Schicksals auch hier an: Wo war mein Großvater überhaupt? Dass sich die nachfolgenden Generationen das fragen, fängt jetzt an, und zwar meist zunächst einmal über das Internet. Erst seit knapp zehn Jahren stehen die Informationen im Netz zur Verfügung. Seit 2009 kann man recherchieren, auf welchem Friedhof der Verwandte liegt.

Gibt es dafür eine Internetadresse?

Sperling: Die Adresse lautet www.obd-memorial.ru. Das ist eine Datenbank mit circa 900 000 verstorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen im Deutschen Reich. Darüber bekommt man im Grunde genommen die Personalkarten, die hier über die Kriegsgefangenen geführt wurden. Ehresmann: Nach dem Krieg sprach in der damaligen Sowjetunion (und auch in Deutschland) niemand über die sowjetischen Kriegsgefangenen. Und niemand sagte den Angehörigen, wo die verstorbenen Väter, Ehemänner oder Onkel begraben sind. Das war erst nach 1989, nach dem Mauerfall, möglich.

Hinter der Gedenkstätte steht eine Stiftung, deren Geschäftsführer Sie, Herr Ehresmann, sind. Wie muss die sich künftig aufstellen?

Ehresmann: Ganz allgemein können alle Gedenkstätten mehr Geld gebrauchen und damit meine ich sowohl institutionelle Mittel als auch Projektförderungen. Eine hochwertige und stets wachsende Gedenkstättenarbeit benötigt Personal und andere Ressourcen. Bei uns ist es so, dass wir mittlerweile eine mittelgroße Gedenkstätte sind mit einem mittleren fünfstelligen Jahresbudget. Damit können wir mehr oder weniger auskömmlich arbeiten. Hinzu kommen dann die Personalstellen. Perspektivisch wäre es aber schon schön, wenn wir weitere Mittel zur Verfügung hätten. Projekte oder Baumaßnahmen versuchen wir derzeit durch Projekt- oder Drittmittelanträge zu finanzieren.

Aber Sie müssen sich nicht um externes Geld zum Beispiel über Crowdfunding oder über einen Fundraiser bemühen?

Ehresmann: Wir hatten das für eine allgemeine Budgeterhöhung mal überlegt. Aber richtiges Fundraising ist sehr arbeits- und zeitaufwendig. Ich habe dies bezüglich mit Kollegen aus andern Bundesländern gesprochen, die mir berichteten, dass sich das Kosten-Nutzenverhältnis nicht gerechnet hat. Daher haben wir das dann verworfen. Sperling: Die institutionelle Förderung muss gesichert werden, denn für unser Personal benötigen wir Kontinuität. Das, was wir aber auch haben, sind Ehrenamtliche. Das sage ich als Vorsitzender des Gedenkstättenvereins. Ohne diese Ehrenamtlichen würde es für uns überhaupt nicht funktionieren.

Vollenden Sie zum Schluss den Satz: „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass...“

Ehresmann: ... wir weiterhin eine gut funktionierende Gedenkstättenarbeit haben werden, die von vielen Menschen getragen wird und eine gute Verankerung in der Region hat. Sperling: ... dieser Ort weiterhin gut angenommen wird und wir mehr Möglichkeiten haben, wissenschaftliche Forschung zu machen.

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