Eindringliches Jugendhilfe-Projekt

„Hier drinnen seid ihr nichts“: Auffällig gewordene Jugendliche besuchen Strafgefangene

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Sechs Jugendliche aus Bassum begleiten Volkert Ruhe in die JVA Bremervörde. Dort sollen die auffällig gewordenen Jugendlichen erleben, wie es ist, im Knast zu sitzen.

Jugendliche geraten schnell auf die schiefe Bahn und drohen, von dort in ein Leben voller Kriminalität zu rutschen. In der Regel bedeutet das auch den Gang in den Knast. Wie es dort zu geht und was das mit einem macht, berichten Straftäter im Projekt „Gefangene helfen Jugendlichen“ jungen Kriminellen - zum Beispiel in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde.

Bassum/Bremervörde - Kilian senkt seinen Blick. Er rutscht auf dem Holzstuhl hin und her. Die Arme verschränkt er vor der Brust. Dann erzählt der 15-Jährige, dass er immer mit einem Schlagring und einem Taser rumläuft. Warum? Weiß er auch nicht. Schulterzucken. Die Situation ist ihm unangenehm. Im Fokus stehen, vor Leuten, die er nicht kennt. Die ihn ausfragen – über Dinge, von denen er weiß, dass sie verboten sind. Trotzdem erzählt er. Denn er befindet sich in einem geschützten Raum. Nichts gelangt nach draußen. Auch nicht die Männer, die rechts und links von Kilian sitzen. Dafür sorgen die meterhohen grauen Betonmauern und der dichte Stacheldrahtzaun darauf.

Kilian (Namen von der Redaktion geändert) ist nicht allein. Fünf seiner Schulkameraden – alle um die 15 Jahre alt – sind mit ihm nach Bremervörde in die Justizvollzugsanstalt gekommen. „Gefangene helfen Jugendlichen“ heißt das Programm. Gedacht ist es für Schüler, bei denen aus Kavaliersdelikten inzwischen Kriminalität geworden ist.

Der Haupteingang der JVA ist erwartungsgemäß alles andere als einladend.

Initiator des Programms und Gründer des Vereins „Gefangene Helfen Jugendlichen“ ist Volkert Ruhe. Ein eher unauffälliger Mann, kurze graue Haare, Dreitagebart, Brille. Er schlägt direkt einen schroffen Ton an. „Da drinnen reißt ihr euch zusammen. Klar? Nichts mit Arschficken oder so!“ Er wisse, wovon er redet, habe selbst acht Jahre im Gefängnis gesessen. Die Jungs lachen. Sie finden es witzig, wenn ein älterer Herr so ein Wort sagt. Doch Ruhe ist kein geduldiger Mensch. „Was ist daran lustig?“ Er sieht Andi eindringlich an. Der hört auf zu lachen und zupft unbeholfen an seinem Oberlippen-Flaum.

Besucherpass ersetzt den Ausweis 

Andi ist der Kleinste der Gruppe. Von hinten sieht er aus wie ein Kind. Nur seine Augen sind groß, sie strahlen, als er im Eingangsbereich seinen Ausweis abgibt und dafür einen Besucherpass bekommt. Stolz hängt er sich das in hartes Plastik gefasste Kärtchen an den schwarzen Pulli, auf dem es in großen grauen Buchstaben heißt: „Rebel“.

Keine Chance für Drogenschmuggler: Die Leibesvisitation erfolgt auch von unten - natürlich unbekleidet.

Ein Justizvollzugsbeamter durchsucht die Jungen, einen nach dem anderen. Ein großer Mann. Er macht Witze, wirkt kumpelhaft. Drei Jungen werden jeweils für zehn Minuten in Zellen eingeschlossen. Den anderen Dreien zeigt er derweil den Raum der Leibesvisitation. „Wisst ihr, was das ist?“ Er deutet auf einen quadratischen Spiegel auf dem Boden. Nico grinst: „Da muss man sich draufstellen, falls man Drogen schmuggelt.“ Er kennt sich aus. Erst vergangene Woche ist er aus dem Jugendarrest in Nienburg entlassen worden. Dort musste er sich ganz ausziehen und wurde komplett durchsucht. Auch zwischen den Beinen. Der Beamte nickt. „Dann muss man den Hoden hochheben. Manche denken, es sei clever, da unten was zu verstecken.“ Anschließend duschen die angehenden Häftlinge, und dann gibt es die Erst-Ausrüstung, berichtet er. Eine alte Baumwollunterhose, eine graue Jogginghose und ein T-Shirt.

Nicht schön, aber Teil der Erst-Ausrüstung in der JVA Bremervörde.

Noch immer überwiegt bei den Jungen die gute Laune. Sie sind aufgedreht. Lachen und zappeln herum. Nur Nico wirkt bedrückt. Während er durch einen langen, von Gittern umgebenen Gang läuft, zeigt er auf ein Zellenfenster in der dritten Etage. Dort hat ein Gefangener ein paar Softdrink-Flaschen auf der Fensterbank abgestellt. „Dürfen die das?“, fragt er den Beamten. „Naja, die nutzen das im Winter als Kühlschrank“, erwidert dieser. In Nienburg, erzählt Nico, habe er sich immer Süßigkeiten gekauft. Der Beamte lächelt.

Erst im Jahr 2013 wurde das Gefängnis in Bremervörde gebaut, es ist sehr gepflegt und modern. Rund 300 Männer sind dort untergebracht. Da ist alles dabei: Schwarzfahrer, Betrüger, Vergewaltiger, Mörder. Der Knast ist in Sicherheitsstufen eingeteilt. Das Schulgebäude, in dem die Jungs den Tag verbringen, befindet sich in Stufe zwei. Gefangene können dort umherlaufen. Sie gehen rauchen, ziehen sich was am Automaten oder vertreten sich die Beine.

Konfrontation im abgedunkelten Konferenzraum

In dem Gebäude befindet sich der Konferenzraum. Er ist hell, zwei komplette Fensterfronten ließen Tageslicht herein – wären nicht alle Vorhänge zugezogen. Glänzende Dielen auf dem Boden, eine lila Wand, das Modell einer Kirche, eine E-Orgel, Beamer und Leinwand stehen zur Verfügung. Dort empfangen Marc, Robin, Jannis, Theo, Can und Lasse die jungen Gäste. Sie stehen in einer Reihe, schütteln ihnen die Hände. Am Rand die Lehrer und ein paar JVA-Mitarbeiter, die sich aber komplett raushalten. „Was glaubt ihr, was wir gemacht haben?“, fragt Marc, als alle im Stuhlkreis sitzen. Er ist der älteste der Gefangenen und übernimmt die Moderation. Auf einem Auge ist er blind. Mit dem anderen mustert er freundlich die Runde. Die Arme liegen entspannt auf seinem Bauch. Er scheint sich über den nicht alltäglichen Besuch zu freuen und fordert die Gäste auf, den Gefangenen Straftaten zuzuordnen. 

Der Beamte erzählt den Schülern, wie unangenehm die Leibesvisitation ist.

Kilian legt die Mord-Karte vor Jannis. Warum, weiß er nicht. „Das hab ich nur so gemacht.“ Er schaut nur auf den Boden und meidet Blickkontakt. Dieses „Spiel“ soll die Jungs eine simple Lektion lehren: Aussehen bestimmt nicht über den Menschen. Nicht jede Blondine ist dumm, nicht jeder Pole klaut, und nicht jeder Deutsche isst Kartoffeln. Und ein stinknormal aussehender Typ kann ein Mörder sein. Jannis ist aber keiner. Er ist ein Betrüger. Er hat so getan, als würde er Materialien für Behinderte ankaufen und hat dafür telefonisch Spenden gesammelt, erzählt er. Dabei bleibt der 39-Jährige sachlich, zeigt keine Scham. „Hier drinnen sind wir alle schuldig.“ Jannis sitzt seit einem Jahr. Hat ein weiteres und drei Monate vor sich. Ähnlich wie Marc.

Die kriminelle Karriere von Robin verlief anders. „Ich habe mit 15 angefangen zu kiffen. Dann kamen härtere Drogen dazu.“ Fast 20 Jahre habe er nur Gras geraucht, gesoffen und gekokst. Sein Mitbewohner habe angefangen zu dealen. Erst nur ein bisschen, später kamen auch mal Lieferungen von mehreren Kilogramm Marihuana bei ihnen in der Wohnung an. „Irgendwann saß ich draußen beim Grillen, und plötzlich haben überall maskierte Männer mit Sturmgewehren gestanden und auf mich gezielt.“ Er sitzt seit vier Monaten, hat noch ein paar Jahre vor sich. „Ich dachte immer, ich bin ja nur dabei“, sagt der heute 37-Jährige. Aber das habe gereicht. „Wie sieht es denn bei euch aus? Was habt ihr gemacht?“, fragt er in die Runde.

„Seit fünf Wochen nichts mehr genommen“

Nach einer Weile traut sich Nico. Er berichtet von seinen 18 Anzeigen und den sechs, die noch offen sind. Wegen schwerer Körperverletzung, illegalen Waffenbesitzes, Hausfriedensbruchs, Diebstahls und Drogen. „Ich hab seit fünf Wochen nichts mehr genommen“, fügt er hinzu. Er wolle jetzt keine „Scheiße mehr bauen“.

In einem Raum der JVA sehen sich die Jugendlichen mehreren Strafgefangenen gegenüber.

Immer wieder schaltet sich Volkert Ruhe ein. „Nimm die Hände aus den Taschen!“, herrscht er die Jungen schroff an. Insbesondere Kai. Der hat bisher nur ein paar Anzeigen wegen Einbruchs und Diebstahls. Er kiffe nicht, er stehe halt nur dabei. Auch er wolle keine „Scheiße mehr bauen“. Ruhe wird lauter. „Ihr seid Kriminelle. Das ist kein ,Scheiße bauen’ was ihr macht. Das verharmlost, dass ihr Verbrecher seid. Und zudem auch noch sehr schlechte. Sonst wärt ihr nicht hier.“ Die Jungen grinsen. Nico gibt Ruhe recht. „Stimmt. Ich werde immer erwischt.“

„Ihr könnt hier schneller landen, als ihr glaubt“

Doch geht es nicht darum, sich zu amüsieren. Die Jungen sollen die Realität hinter Gittern kennenlernen. „Ihr habt keine Ahnung, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie es hier drinnen ist“, sagt Marc mit ernstem Blick. „Und ihr könnt hier schneller landen, als ihr glaubt.“

Ein Bekannter von Can sitzt für sieben Jahre, weil er im Club einen anderen Mann geschubst hat. Der ist gestürzt, ungünstig aufgekommen und gestorben. „Er hat ihn nur geschubst!“, betont der 31-Jährige, der selbst sitzt, weil er mit zwei weiteren Männern vermummt auf einer Rocker-Party auf Gäste eingeprügelt hat. Ein Opfer hatte am Ende des Abends eine Axt im Kopf. Can appelliert an die Jungs, sich nicht in Rage bringen zu lassen. „Geht einfach weg. Auch wenn euch auf der Straße mal Leute blöd kommen.“

Nur mit Löffel: In der JVA gibt es zum Essen in der Regel keine Messer. Beim Mittagessen berichten die Gefangenen, dass es eigentlich nicht so gut schmeckt wie heute.

Nico erzählt, dass er für den Fall immer ein Butterfly-Messer dabei hatte. Das habe jetzt die Polizei. Deshalb hat er nun ein anderes Messer. Er sei auch noch nie bedroht worden. Aber falls eben doch mal etwas passiere, könne er sich wehren. Can fragt weiter: „Und wenn du dann auf wen einstichst, und der liegt am Boden und stirbt, weißt du, wem du damit alles was antust?“ Er trifft einen Nerv. Denn die Jungs gucken auf einmal ernst. Keiner sucht mehr den Blick eines anderen. „Es sind nicht nur die Mama, der Papa, die Geschwister des Opfers, deren Leben ihr versaut, es sind auch eure Verwandten“, fährt Can fort. „Und jeder erkennt dich, wenn du in deinem Ort gefesselt durch die Fußgängerzone geführt wird, weil du zum Zahnarzt musst“, pflichtet ihm Robin bei. „Dann sitzt du da im Wartezimmer und so ne’ Omi guckt dich an und hat Angst.“ Das sei kein schönes Gefühl. Es sei demütigend, gefesselt zu sein. Ein Eingriff in das höchste Gut des Menschen: seine Würde.

Noch kommt jemand, dann ist man ganz allein

Cans Familie habe ihn nicht abgeschrieben, doch vielen ginge das anders. Häufig verschwänden Menschen, die einem zuvor nahe standen, plötzlich aus dem Leben, wenn man hinter Gittern sitzt. „Die besuchen einen noch zwei, drei Mal.“ Dann sei man ganz allein, nicht mehr cool. So wie man sich draußen mal gefühlt hat, wenn man mit den Jungs am Park rumhing und einen geraucht hat, sagt Can. „Hier drinnen seid ihr nichts.“

Gitter, wohin der Blick fällt. Das Gefängnis in Bremervörde wurde 2013 gebaut.

Es sei nicht möglich, einfach mal eine SMS zu schreiben oder den besten Freund anzurufen, wenn einem danach ist. „Ihr seid auf euch gestellt. Tag für Tag. Und ihr macht immer dasselbe. Von Montag bis Sonntag“, sagt Marc. Um 6 Uhr gibt es die Lebendkontrolle, um 7 Uhr beginnt die Arbeit, nach einer Mittagspause geht es bis 15 Uhr weiter. Dann haben die Insassen ein paar Stunden Zeit, um Sport zu treiben oder sich in Gruppen zu treffen, etwa Suchtgruppen, und um 19.15 Uhr geht es in die Zellen. Dann fällt die Tür ins Schloss. Jeden Tag. Da bleibt viel Zeit zum Nachdenken. Über die Vergangenheit, die Fehler, die Zukunft, die Hoffnung und die Angst davor, wie es draußen wohl wird. Dagegen sei ein bisschen Schule doch eigentlich wirklich schön, sind sie sich einig.

Zum Schluss ergreift noch einmal Marc das Wort: Er schaut nicht mehr in die Gesichter kleinkrimineller Jugendlicher, sondern in die Gesichter von 15-jährigen Kindern. „Macht was Vernünftiges. Ihr wollt nicht hier landen. Und wir wollen euch hier nicht wiedersehen“.

Am Ende des Tages hat Kilian immer noch seine Arme verschränkt. Aber Kais Hände stecken nicht mehr in den Taschen. Sie liegen auf seinen Beinen, die Handflächen nach oben gerichtet.

Hintergrund: Das Projekt

Konfrontieren, diskutieren, informieren, sensibilisieren: Das Projekt „Gefangene helfen Jugendlichen“ soll auffällig gewordenen jungen Menschen helfen, ihr Leben in den Griff zu kriegen. Die Angebote des Vereins umfassen unterschiedliche Bereiche. Dazu gehört neben den JVA-Besuchen unter anderem pädagogisches Boxen und Deeskalationstraining. Mehr Infos zum Projekt gibt es unter www.gefangene-helfen-jugendlichen.de

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