Nicht genug Medikamente genommen

Pinocchio-Unfall hätte vermieden werden können

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Über die Neue Straße ist der Mercedes mit der heute 60-jährigen Bremervörderin am 5. Juli 2015 in das Eiscafé „Pinocchio“ gerast. Zwei Menschen kamen dabei ums Leben.

Bremervörde - Von Rainer Klöfkorn. Der Unfall am 5. Juli 2015, bei dem in der Bremervörder Innenstadt zwei Menschen ihr Leben verloren haben, hätte vermieden werden können. Zu dieser Einschätzung ist am Dienstag der Hamburger Rechtsmediziner Professor Klaus Püschel vor dem Bremervörder Amtsgericht gekommen. Laut seinem Gutachten hat die 60-jährige Angeklagte aus Bremervörde in der Zeit davor nicht konsequent genug das ihr verschriebene Medikament gegen Krampfanfälle eingenommen und sei deshalb zum Zeitpunkt des Unfalles „unterdosiert“ gewesen.

Mit Hilfe der Aussagen der drei Ärzte, bei denen die Angeklagte Patientin war, versuchte das Gericht unter Vorsitz des Richters Florian Pflug gestern zunächst der Ursache des Unfalls auf den Grund zu gehen. Die Bremervörderin war am 5. Juli 2015 mit ihrem Mercedes von der Ludwigstraße kommend über die Neue Straße und ungebremst in das Eiscafé „Pinocchio“ gefahren. Ihr Fahrzeug erfasste einen 65-jährigen Bremervörder und einen zweijährigen Jungen aus Bevern, die dabei ums Leben kamen, und verletzte weitere Personen.

Trotz der Befragung der Ärzte blieb die Frage nach der Unfallursache offen. Festgestellt worden seien nach dem Unfall zwei kleine Schlaganfälle, schilderte ein Neurologe das Ergebnis der Untersuchung. Sie seien allerdings vermutlich nach dem Unfall entstanden. Warum die Frau das Bewusstsein und die Gewalt über ihr Auto verlor, könne er nicht mit Gewissheit sagen.

Insofern sollte vor allem das Gutachten des Leiters des Instituts für Rechtsmedizin in Hamburg nähere Aufschlüsse liefern. Der renommierte Rechtsmediziner Püschel wies zunächst darauf hin, dass das technische Gutachten des Unfallfahrzeugs keine Aufklärung über den Hergang geliefert habe. Von daher rückte in den Mittelpunkt, ob und in welchem Maße der Vorwurf der fahrlässigen Tötung gegen die Angeklagte zutrifft.

Medikamente nicht konsequent genommen 

Der 64-Jährige berichtete von Gesprächen mit der Bremervörderin in seinem Institut, bei denen die Angeklagte teilweise unzusammenhängend ihre Situation schilderte und auf ihre Krankheitsgeschichte zurückblickte. Ihr Erinnerungsvermögen sei nicht besonders ausgeprägt gewesen, an den Unfall habe sie keinerlei Erinnerungen. Auf ihre jetzige Situation angesprochen äußerte sie den Eindruck, dass die Bremervörder „mit dem Finger“ auf sie zeigen würden.

Seit 2010 habe die 60-Jährige wiederholt Krampfanfälle und auch Stürze erlitten. Dies vor allem in Zeiten, in denen sie versuchte, sich dem Alkohol zu entziehen. Die behandelnden Ärzte hätten ihr zur Behandlung der Krampfanfälle Medikamente verschrieben, die sie leider nicht so konsequent genommen habe wie es notwendig gewesen wäre, so Püschel.

Auch die Ärzte der Bremervörderin hätten sie deutlicher darauf hinweisen müssen, dass die Medikamente für sie unverzichtbar seien. Ebenso hätten sie ihr dringend raten müssen, in ihrem Zustand nicht mehr Auto zu fahren. Es liege aber in der – so Püschel – „persönlichen Verantwortung“ der Angeklagten, sich ihrer Situation bewusst zu sein. Dazu habe neben dem Verzicht auf das Autofahren auch gehört, den Alkoholkonsum einzustellen. Beides sei unterblieben.

„Leider hat sie es an der nötigen Sorgfalt fehlen lassen“

Der Unfallhergang passe zu einem epileptischen Anfall. Gegen 17.30 Uhr wollte die Angeklagte zu ihrem Bruder in Bremervörde fahren. Von der Ludwigstraße aus überquerte sie die Alte Straße, touchierte vermutlich mit ihrem Auto auf der linken Fahrbahnseite einen Bordstein und fuhr geradeaus und ungebremst in das Eiscafé.

Grundsätzlich habe sich jeder Verkehrsteilnehmer zu Beginn einer Fahrt die Frage zu stellen, ob er fahrtüchtig sei oder nicht, so Püschel. Aufgrund ihres Krankheitsbildes hätte die Angeklagte diese Frage am Unglückstag für sich ganz klar mit Nein beantworten müssen. Fazit des renommierten Rechtsmediziners: „Leider hat sie es an der nötigen Sorgfalt fehlen lassen.“ Als Konsequenz daraus sei es zu dem Unfall gekommen.

Der „Pinocchio“-Prozess wird am Mittwoch, 8. März, 13.45 Uhr, fortgesetzt. Derzeit ist davon auszugehen, dass dann die Plädoyers gehalten werden. 

bz

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Nach Eisdielen-Unfall in Bremervörde: Gaffer-Prozess vertagt

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