Der Pastor Andreas Hellmich ist Notfallseelsorger und war Einsatzleiter beim Unfall in Bremervörde

„Es gibt keine Alltagsroutine“

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Notfallseelsorger bereiten sich auf ihren Einsatz in Bremervörde vor.

Bremervörde - Von Matthias Röhrs. Bei dem schweren Unfall am vergangenen Sonntag in Bremervörde, bei dem ein Auto in eine Eisdiele gekracht ist und zwei Menschen starben, waren neben Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte auch die Notfallseelsorger des Kirchenkreises Bremervörde-Zeven im Einsatz. Auf sie kommt in solchen Fällen eine besondere Herausforderung zu, betreuen sie doch bereits vor Ort Opfer und Angehörige. Im Interview zum Wochenende haben wir mit ihrem Einsatzleiter, Pastor Andreas Hellmich, gesprochen und ihn zu seinem persönlichen Umgang mit dieser Situation und den Aufgaben der Notfallseelsorger befragt.

Der Unfall in Bremervörde hat die Menschen schockiert. Wie geht ein Notfallseelsorger damit um?

Andreas Hellmich: Da kann ich jetzt nur für mich selbst sprechen. Es gilt dasselbe, was ich auch den Betroffenen sage: mit Personen des eigenen Vertrauens reden, sich mitteilen und für sich selbst eine Ordnung finden. Und für mich persönlich ist dann noch wichtig, dass ich mich bei dem Gott, an den ich glaube, gehalten weiß.

Nehmen Sie derartige Einsätze „mit nach Hause“?

Hellmich: Natürlich kann ich das, was auch immer ich erlebe, nicht jedes Mal auf die Schnelle einfach abstreifen. Da wirkt schon das eine oder andere nach, aber es sortiert sich auch irgendwann in einem selbst.

Wie äußert sich das?

Hellmich: Grundsätzlich ist es ja so, dass ich nichts ungeschehen machen kann. Ich habe eine bestimmte Situation erlebt und muss mich damit abfinden. Deshalb muss ich einen Weg finden, wie sie zum einen zu meinem Leben gehört, aber mich zum anderen nicht beeinträchtigt. Und das bedeutet, dass ich das entsprechend verarbeite. Als Erfahrung, wenn auch als schmerzliche, aber es ist nicht das ganze Leben nur in diesem Schmerz.

Hat das auch psychische Auswirkungen?

Hellmich: Wir begleiten Menschen in ihrem Tal der Tränen, aber wir weinen nicht selbst diese Tränen. Natürlich geht das nicht spurlos an uns vorbei, aber letztendlich suchen wir dann auch die innere Distanz, um uns selber deutlich zu machen, dass wir die Menschen in der Not zwar begleiten, aber nicht diese Menschen sind.

Ist so ein Unfall wie in Bremervörde eher außergewöhnlich oder trauriger „Arbeitsalltag“?

Hellmich: Es gibt in diesem Sinne keine Alltagsroutine. Jeder Mensch und jede Situation ist etwas ganz besonderes. Dieser Unfall ist allerdings schon außergewöhnlich – wie immer, wenn Menschen zu Tode kommen und erst recht, wenn ein Kind stirbt. Besonders war in diesem Fall aber auch der Schadensort. Die Eisdiele mitten in der Stadt ist ein Ort, an dem ausgelassenes Leben herrscht. Sie ist ein Ort der Freude und Entspannung. Und vor allem ist bei dieser Eisdiele wohl schon jeder von uns in Bremervörde gewesen. Insofern gibt es eine ganz andere Betroffenheit.

Kann man Eltern, die gerade ihr Kind verloren haben, überhaupt helfen?

Hellmich: Hilfreich ist in jedem Fall erst einmal, nicht allein zu sein. Und das können auch Eltern, die ein Kind verloren haben, erleben. Sie werden ihr soziales Umfeld suchen, und da bauen wir als Notfallseelsorger Brücken, um dies zu ermöglichen und vermitteln auch Informationen, die dabei hilfreich sind.

Wie viele Ihrer Kräfte waren am Sonntag vor Ort?

Hellmich: Unmittelbar waren fünf von uns im Einsatz, außerdem war ein Kollege im Krankenhaus vor Ort. So waren wir insgesamt sechs Kräfte, die beteiligt waren.

Wie sieht so ein Einsatz üblicherweise aus?

Hellmich: Das Gros unseres Tätigkeitsfeldes bezieht sich auf den häuslichen Todesfall, dieser Bereich macht im Regelfall drei Viertel unserer Einsätze aus. Entweder begleiten wir die Polizei beim Überbringen einer Todesnachricht oder der Rettungsdienst hat uns alarmiert, weil es einen plötzlichen Todesfall gab. Zum Beispiel nach einer erfolglosen Reanimation.

Wo stößt ein Seelsorger an seine Grenzen?

Hellmich: Wie schon erwähnt, wir können nichts ungeschehen machen. Wir können nur begleiten, unterstützen und beraten, um einen Weg aus einer schlimmen Situation zu finden.

Wie werden Sie eingesetzt?

Hellmich: Die Einsatzkräfte – Polizei, Feuerwehr oder Rettungskräfte – alarmieren uns, wenn sie merken, dass bei einem Einsatz die Menschen besonders angefasst sind von dem, was sie erlebt haben, und professionelle Unterstützung brauchen.

Betreuen Sie auch Verursacher von Unfällen?

Hellmich: Auch Verursacher sind Opfer eines Unfalls. In aller Regel wird doch kein Unfall bewusst herbei geführt. Und dementsprechend gehören Verursacher genauso zu den Menschen, die in Not geraten sind und denen wir in der Not zur Seite stehen, wenn es gewünscht ist.

Gibt es da Besonderheiten?

Hellmich: Zunächst gibt es genau dieselbe Begleitung, die möglich und nötig ist, wie bei allen anderen auch. Aber bei Unfallverursachern gibt es noch eine andere Schwere der Situation, insbesondere wenn die öffentliche Meinung glaubt, sie wüsste gleich ganz genau, was nun eigentlich passiert ist. Häufig genug werden schreckliche Ereignisse von falschen Schlüssen und Vorurteilen begleitet. Das macht es für alle Beteiligte eines solchen Geschehens außerordentlich schwierig. Und es gibt großen Ärger und durchaus auch empörende Reaktionen bei uns über Einträge in sozialen Netzwerken von Menschen, die sich in ihren Meinungen ergießen und Vorurteile als Tatsachen in den Raum stellen, aber überhaupt nicht beim Geschehen dabei waren. Das ist eine zusätzliche Last für alle, die am Einsatz beteiligt waren und so etwas Schreckliches erlebt haben.

Wird Ihr Angebot auch mal ausgeschlagen?

Hellmich: Wir sind als Notfallseelsorger ein Angebot der Hilfe. Wenn jemand sagt, dass ihm bereits genügend geholfen wird, dann ist das völlig okay. Das kann im Einzelfall passieren.

Was ist, wenn jemand offensichtlich Hilfe braucht, sie aber nicht will?

Hellmich: Wenn jemand nicht reden möchte, dann kann er schweigen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich als Notfallseelsorger deswegen überflüssig bin. Es kann ja sein, dass es einfach hilft, wenn jemand in der Nähe ist. Genauso wie es gut ist, eine Hand auf der Schulter zu spüren. Es gehört das gemeinsame Schweigen dazu – das Aushalten der Stille.

Halten Sie auch mal Abstand von Betroffenen?

Hellmich: Wenn jemand sagt, ich komme alleine zurecht und auch wirklich keine weitere Nähe wünscht, dann gebietet es der Respekt, sich zurückzunehmen. Ich stehe bereit, wenn meine Unterstützung gebraucht wird, aber ich zwinge mich nicht auf.

Haben Sie sich mal geweigert, jemanden zu betreuen?

Hellmich: Nein.

Dürften Sie?

Hellmich: Wenn ich merke, dass ich einen Menschen nicht betreuen kann – aus welchen Gründen auch immer –, dann suche ich Kontakt zu einem anderen Kollegen, der dann diese Aufgabe übernimmt. Ein betroffener Mensch wird Hilfe erfahren. Das ist unsere Aufgabe, und dafür tragen wir Sorge.

Gibt es bei den Betroffenen Unterschiede im Umgang mit den jeweiligen Fällen?

Hellmich: Menschen sind sehr unterschiedlich und sie gehen auf unterschiedlichste Weise mit diesen Situationen um. Wir versuchen überhaupt erstmal zu helfen, dass ein Betroffener innerlich wieder stabilisiert wird, damit er realisieren kann, was passiert ist. Und vor allem gucken wir zusammen, was hilft, um neue Kräfte zum Leben zu finden. Was immer da möglich ist, versuchen wir dann umzusetzen. Dazu gehört auch, in Absprache mit den Betroffenen zu gucken, ob noch weitere Unterstützung beispielsweise durch die örtliche Gemeinde oder ein anderes Beratungsangebot möglich ist.

Wie sehen typische Reaktionen aus?

Hellmich: Das Typische ist eigentlich, dass man mit allem rechnen muss. Es kann das apathische Schweigen geben, das Stieren in die Leere genauso wie das haltlose Schreien und alles, was dazwischen liegt.

Gibt es Fälle, die Sie nie vergessen werden?

Hellmich: Es gibt so manche Situation, die sich eingeprägt hat. So wie jeder von uns welche erlebt hat – schwere und auch schöne –, die sich eingeprägt haben. Und natürlich gilt das auch für die Notfallseelsorge.

Was wäre denn ein Beispiel für einen schönen Moment bei Ihrer Arbeit?

Hellmich: Mitzuerleben, wenn Menschen die Hilfe nicht nur annehmen, sondern auch, wie die Hilfe ihnen gut tut. Dass sie durch sie wieder Boden unter ihren Füßen gewinnen und Kraft zum Leben finden.

Sind Sie nur an „Tatorten“ im Einsatz? Wie weit reicht Ihre Betreuung?

Hellmich: Notfallseelsorge ist primär Erste Hilfe für die Seele. Es hat sich etwas Schreckliches ereignet und in diesem ersten Moment tritt die Notfallseelsorge als Ersthelfer auf dem Plan. Wir sind an oft auch einfach nur Platzhalter für Menschen des eigenen Vertrauens, die Betroffene in ihrem Umfeld haben, aber noch nicht da sind, oder erst einmal selber vom Erlebten geplättet sind.

Wie sind Sie dazu gekommen?

Hellmich: Ich bin über einen Kollegen in meinem vorherigen Kirchenkreis dazu gekommen. Er hat mich für das Anliegen der Notfallseelsorge sensibilisiert. Ich sehe es schlicht und ergreifend als ureigenstes Anliegen der Kirche an, für den Menschen da zu sein und für die Seele Sorge zu tragen – und das auch zu zeigen.

Was muss ein Notfallseelsorger für eine Persönlichkeit mitbringen?

Hellmich: Als Persönlichkeit braucht man schon eine innere seelische Gesundheit und Strapazierfähigkeit. Man erwirbt auch eine Professionalität, um sich sicher zu fühlen und in den entsprechenden Situationen sicher agieren zu können.

Wie sieht die Ausbildung aus?

Hellmich: Es gibt sehr unterschiedliche Zugänge. Einmal den beruflichen – da reden wir beispielsweise von Pastoren, die in ihrer Ausbildung Grundkenntnisse der Psychologie, der Trauer, der Krisenbewältigung erworben haben. Der weitaus größte Teil unserer Arbeit ist ja immer noch die unspektakuläre im stillen Kämmerlein – der häusliche Todesfall. Das ist eine Situation, die sowieso zum Seelsorge-Alltag eines Pastors gehört. Wenn jemand aus einem verwandten Beruf kommt und sich dem Seelsorge-Auftrag verpflichtet sieht, gibt es nach Rücksprache auch die Möglichkeit tätig zu werden und entsprechende Ausbildungs-Module zu absolvieren.

Zur Person

Andreas Hellmich ist Pastor an der St.-Liborius-Kirche in Bremervörde. Im Jahr 2001 hat er begonnen, die Notfallseelsorge in seinem Kirchenkreis Bremervörde-Zeven zu etablieren. Der 53-Jährige ist gebürtiger Osnabrücker, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder

Notfallseelsorge im Landkreis

Da der Landkreis Rotenburg in zwei Kirchenkreise unterteilt ist, gibt es auch zwei Beauftragte für die Notfallseelsorge. Im Kirchenkreis Rotenburg ist Karin Klement von der St.-Johannis-Kirche in Visselhövede zuständig. Sie ist für Auskünfte unter der Telefonnummer 04262/2824 zu erreichen. Andreas Hellmich ist Beauftragter für die Notfallseelsorge im östlichen Teil des Sprengels Stade sowie im Kirchenkreis Bremervörde-Zeven. Er ist unter der Telefonnummer 04761/ 747488 erreichbar. Weitere Infos zum Beispiel zur Ausbildung gibt es online.

www.notfallseelsorge-

niedersachsen-bremen.de

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