14 Monate auf Bewährung

Krampfanfall mit tödlichen Folgen: Urteil nach Eisdielen-Crash

Zwei Menschen starben, mehrere wurden schwer verletzt, als die damals 59-jährige Frau ungebremst in ein Eiscafé in Bremervörde raste. - Archivfoto: Theo Bick
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Zwei Menschen starben, mehrere wurden schwer verletzt, als die damals 59-jährige Frau ungebremst in ein Eiscafé in Bremervörde raste.

Bremervörde - Von Rainer Klöfkorn. Für das Schöffengericht, die Staatsanwaltschaft und die Anwälte der Nebenkläger steht fest: Die 60-jährige Angeklagte im „Pinocchio“-Prozess hätte den Unfall vom 5. Juli 2015, bei dem zwei Menschen getötet wurden, verhindern können.

Mit einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung ist am Mittwoch im Bremervörder Amtsgericht der Prozess gegen die Unfallfahrerin zu Ende gegangen. Die 61-jährige Angeklagte ist zu einer 14-monatigen Freiheitsstrafe, die zur Bewährung ausgesetzt wurde, verurteilt worden.

Bei dem Unfall am 5. Juli 2015 waren ein zweijähriger Junge und ein 65-jähriger Mann ums Lebens gekommen. Sechs weitere Personen wurden teilweise schwer verletzt. Die damals 59-Jährige war mit ihrem Auto direkt in das Eiscafé gefahren und hatte dabei mehrere Personen erfasst.

Unter der Forderung der Staatsanwaltschaft

Eine 16-monatige Freiheitsstrafe auf Bewährung hatte die Staatsanwaltschaft gefordert, mit 14 Monaten – auf drei Jahre ausgesetzt – blieb das Schöffengericht unter Leitung von Richter Fabian Pflug knapp darunter. 

Die Frau habe sich der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung und der fahrlässigen Straßenverkehrsgefährdung schuldig gemacht, hieß es. Verteidiger Ralf Wichmann hatte einen Freispruch gefordert.

Was damals geschehen sei, täte ihr „entsetzlich weh“, entschuldigte sich die Bremervörderin am Mittwoch bei den Angehörigen der Unfallopfer. Die Ehefrau des 65-jährigen ehemaligen Polizeibeamten aus Bremervörde und seine beiden Töchter ließen sich ebenso wie die Eltern des kleinen Jungen aus Bevern als Nebenkläger von Anwälten vertreten.

Fahrlässiges Verhalten

Im Mittelpunkt stand am Mittwoch wie während des gesamten Prozesses die Frage, inwieweit das Verhalten der Angeklagten als fahrlässig bezeichnet werden konnte. Die Staatsanwaltschaft sprach von einem „außergewöhnlich dramatischen Unfall“, zurückzuführen auf einen epileptischen Krampfanfall.

Die Angeklagte hätte wissen müssen, dass sie vor allem in Zeiten der Alkoholabstinenz anfällig sei. Hinzu kam, so das Gericht, dass sie seit Jahren nicht mehr dauerhaft durch einen Neurologen behandeln ließ und „eher sporadisch“ die ihr gegen Krampfanfälle verschriebenen Medikamente genommen habe, wie Untersuchungen ergaben.

Die Angeklagte hatte zuvor behauptet, dass die Medikamenteneinnahme für sie jeden Tag und auch am Unfalltag zum Frühstück gehörten. Richter Pflug sprach von einem „alkoholassoziierten Krampfanfall“. „Wir sind überzeugt, dass Sie entsprechende Kenntnisse hatten, was passieren kann“, sagte der Richter zu der heute 61-Jährigen. Er verwies auf mehrere Stürze der Frau, darunter einen mit dem Fahrrad.

Angeklagte ließ Ärzte aussagen

Kein Arzt habe sie darauf hingewiesen, dass sie mit ihrem Krankheitsbild nicht in der Lage sei, Auto zu fahren, argumentierte Verteidiger Ralf Wichmann. Wie alle Prozessbeteiligten rechnete ihr Anwalt es der Bremervörderin hoch an, während der gesamten Verhandlung nicht gemauert zu haben, sondern sogar alle Ärzte von der Schweigepflicht entbunden zu haben. 

„Das ist nicht üblich“, sagte Anwalt Wichmann. Dies habe auch das Gericht „erheblich zugunsten der Angeklagten“ ausgelegt, so Richter Pflug. Er zeigte Verständnis für die Situation der Angeklagten, die in Bremervörde „erheblichen Belastungen“ ausgesetzt sei und die „Medienberichterstattung über sich ergehen lassen musste“.

Die Angehörigen der Opfer sagten nach dem Prozess, dass für sie nicht das Strafmaß im Mittelpunkt gestanden habe. Wichtiger sei, dass sich die 61-Jährige vor Gericht verantworten musste und ermittelt wurde, wie es zu dem Unfall kommen konnte. 

Bedauert wurde, dass ihr der Führerschein schon in zwei Jahren wieder erteilt werden kann. „Es ist uns sehr wichtig, dass sie sich nicht noch einmal hinter das Steuer setzen kann“, so eine Angehörige.

Mit dem Unfall beschäftigt sich das Amtsgericht Bremervörde noch in einem weiteren Verfahren. Drei Gaffer sollen die Arbeit der Einsatzkräften massiv behindert haben. Dieser Prozess war am Dienstag unterbrochen worden und soll kommende Woche fortgesetzt werden.

bz

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