Krankheitsgeschichte der Unfallverursacherin

Eisdielen-Unfall: Epilepsie und Alkoholsucht

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Mit einer Holzplatte ist das zerstörte Fenster der ehemaligen Eisdiele Pinocchio in Bremervörde heute verdeckt. 

Bremervörde - Von Rainer Klöfkorn. Vier Ärzte haben am Dienstag nacheinander auf dem Zeugenstuhl im Bremervörder Amtsgericht Platz genommen. Von jedem erhoffte sich das Schöffengericht nähere Aufschlüsse über das Krankheitsbild der 60-jährigen Angeklagten im sogenannten Pinocchio-Prozess. Der Bremervörderin wird vorgeworfen, bei dem Unfall fahrlässig den Tod zweier Menschen verursacht zu haben. Im Kern des Prozesses steht die Frage, ob und inwieweit die Angeklagte bei dem Unfall im Juli 2015 fahrlässig handelte, indem sie etwa Medikamente nicht oder unregelmäßig einnahm oder von einer mögliche Fahruntauglichkeit wusste.

Nach dem Auftakt am vergangenen Donnerstag tagte das Gericht unter dem Vorsitz von Richter Fabian Pflug zum zweiten Mal in dieser Angelegenheit. Am 5. Juli 2015 war die Angeklagte mit ihrem Mercedes ungebremst in das Verkaufsfenster des Eiscafés an der Neuen Straße gerast. Sie hätte wissen müssen, dass sie aufgrund ihrer körperlichen Verfassung und nicht eingenommener Medikamente an diesem Tag nicht fahrtüchtig war, wird ihr laut Anklageschrift vorgeworfen.

Die gestern gehörten vier Ärzte – weitere Mediziner werden in der kommenden Woche vernommen – hatte die Bremervörderin von ihrer Schweigepflicht entbunden. So konnten sie uneingeschränkt schildern, wann und in welcher Form sie die Bremervörderin in der Vergangenheit behandelt hatten. Dabei wurde vom Gericht sowie den Anwälten der bei dem Verkehrsunfall getöteten Personen, einem 65-jährigen Bremervörder und einem zweijährigen Kind aus Bevern, besonders die Medikamentenverschreibung angesprochen.

Arzt als Zeuge

Neben einem Oberarzt des Stader Elbe-Klinikums – der die Angeklagte nach dem Unfall nur kurz gesehen hatte – wurde ein Neurologe gehört, bei der die Bremervörderin nach dem Unfall in Behandlung war. Ihm gegenüber hatte sie gesagt, dass sie ihrer Erinnerung nach letztmals im Sommer 2012 einen epileptischen Krampfanfall gehabt habe. Auf ihn, so der Neurologe, habe die 60-Jährige „klar und geordnet“ gewirkt, aufgrund des Unfalles allerdings in „getrübter Stimmung“ und „vorwurfsvoll gegen sich selbst“.

Fast eine Stunde lang wurde ein Bremervörder Arzt als Zeuge vernommen, der die Angeklagte seit 2005 als Patientin betreut. Ausführlich wurde dabei die Krankheitsgeschichte der 60-Jährigen besprochen, deren größtes gesundheitliches Problem in ihrer Alkoholsucht bestanden habe. Vor allem in der Zeit, in der sie unter Entzugserscheinungen litt, sei es mitunter zu Stürzen aufgrund von Krampfanfällen oder auch Gleichgewichtsstörungen gekommen, so der Mediziner. Es sei versucht worden, dem mit dem Medikament Carbamazepin prophylaktisch entgegen zu wirken.

In den Monaten vor dem tragischen Unfall sei die Angeklagte aufgrund einer Hüftoperation mehrere Wochen im Bremervörder Krankenhaus sowie in einer Reha-Klinik gewesen. Er habe sie während dieser Zeit nur einmal gesprochen, berichtete der Arzt. Die bei dieser Gelegenheit gestellte Frage, ob sie noch genügend Tabletten besitze, habe sie bejaht.

Gutachten wird erwartet

Ob und in welcher Weise die Aussagen der Mediziner Auswirkungen auf das Urteil haben werden, wird von der Einschätzung der Prozessbeteiligten abhängen. Ob das Gericht in der kommenden Woche den Urteilsspruch verkünden wird, ist offen.

Am Donnerstag, 9. Februar, soll unter anderem der renommierte Hamburger Rechtsmediziner Dr. Klaus Püschel sein mit einiger Spannung erwartetes Gutachten über die Angeklagte vortragen. Vorgesehen war es eigentlich schon für den ersten Prozesstag, doch damals war der Mediziner nicht erschienen. Daraufhin hatte der Staatsanwalt ihm mit einem Ordnungsgeld gedroht.

Wie dazu am Dienstag Richter Pflug bemerkte, habe Püschel allerdings dem Gericht rechtzeitig mitgeteilt, dass er am ersten Verhandlungstag nicht anwesend sein konnte. „Das ist mir entgangen“, sagte er. Von daher werde er von einem Ordnungsgeld für den Gutachter „vorläufig absehen“.

Der Unfall geriet bundesweit auch deshalb in die Schlagzeilen, weil die Arbeit der Retter am Einsatzort massiv behindert worden war. Drei Männer sollen Polizei und Sanitäter gestört haben. Einer soll versucht haben, die Bergung der Leichen zu filmen. Bei einer Rangelei mit den Gaffern waren zwei Polizisten leicht verletzt worden. Die drei Gaffer müssen sich ab 7. März wegen Widerstands gegen Beamte, Körperverletzung und versuchter Nötigung vor Gericht verantworten. 

bz

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