Nordseebewohner im Urlaub

Seehund richtet sich im Bremervörder Hafenbecken ein

Ein Seehund liegt auf einem Steg im Bremervörder Hafenbecken.
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Ein Seehund hat es sich im Hafenbecken von Bremervörde gemütlich gemacht und scheint die Aufmerksamkeit der Spaziergänger zu genießen.

Bremervörde – Derzeit sorgt ein Seehund für Aufsehen in Bremervörde: Der Nordseebewohner hat es sich vorübergehend im Oste-Hafenbecken gemütlich gemacht. „Er macht hier seit vier Wochen Urlaub“, nennt es Ordnungsamtsleiter Ricardo Döscher amüsiert. Und das Tier ist damit schon zu einer regionalen Touristenattraktion geworden. „Für den Anblick muss man sonst weit fahren“, so Döscher.

Ab und zu habe es schon mal Besuch in der Oste gegeben, dass aber eine Robbe so lange bleibt, sei selten. „Das kam so noch nicht vor, das ist kurios. Sonst sind sie ruckzuck wieder weg“, erklärt Döscher. „Aber der Seehund fühlt sich da momentan pudelwohl.“ Einsam scheint er nicht zu sein, auch wenn das eine „Vermenschlichung ist“, wie Thorsten Werner, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Nabu-Meeresschutz-Projektbüro in Stralsund, erklärt. So seien Robben auf Sandbänken und an Stränden zwar oft in Gruppen anzutreffen, beim Jagen aber Einzelgänger. Und selbst in Gruppen halten sie immer etwas Abstand. „Viele Rückzugsorte haben sie nicht mehr, daher finden sie sich stärker dort zusammen, wo das Nahrungsangebot ist.“

Werner vermutet, dass die Robbe von der Nordsee über die Elbe in die Oste gelangt ist und demnach aus dem Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer kommt. „Eigentlich sind die Tiere relativ standorttreu und halten sich meist in einem Umkreis von 50 Kilometern um ihre Nahrungsgebiete auf.“ In etwa diese Strecke hat das Tier auch zurückgelegt. „Wenn es häufig gesehen wird und durch die Gegend schwimmt, scheint es auch nicht verletzt zu sein“, meint Werner in Ferndiagnose. „Man findet Seehunde immer mal wieder abseits von ihren ursprünglichen Gebieten.“

Ein gutes Nahrungsangebot

Warum das passiert, sei schwer zu sagen. Es könnte eine Kombination aus einem guten Nahrungsangebot und Ruhe sein, da die Meere mittlerweile „relativ laut und stark belastet sind“. In der Ostsee sind ihre Bestände gefährdet, im Wattenmeer habe sich ihre Zahl zuletzt aber positiv entwickelt. 42 000 Tiere sind es nach Schätzungen derzeit – Dänemark, die Niederlande und Deutschland zusammengenommen.

Seehunde verfügen über einen guten Geruchs- und Gehörsinn, bei zu viel Betrieb wären sie schnell wieder weg. Doch noch hat die Robbe auf den Stegen in Bremervörde viel Ruhe. Dort ist nur unterwegs, wer im Hafen sein Boot liegen hat. „Da ist momentan noch wenig Betrieb“, sagt Döscher. Daher kann sich der Seehund genüsslich sonnen, wenn er nicht gerade auf der Jagd nach Fischen ist. Und davon scheint er genug zu finden: „Im Hafenbecken sind auch Kormorane und Reiher, da scheint viel Fisch zu sein“, so der Ordnungsamtsleiter. Und den bevorzugt das Raubtier, das bis zu 100 Kilo schwer werden kann.

Spaziergänger halten den ganzen Tag über an und beobachten den neuen Bewohner des Hafens.

Die Ruhe hat aber bald ein Ende: Nächsten Monat beginnt die Motorsportsaison. Dann kann es gut sein, dass sich die Robbe spätestens wieder Richtung Nordsee verzieht. „Sie hat ihren Weg alleine hergefunden, dann findet sie auch wieder zurück“, sagt Döscher. Das unterstreicht der Fachmann aus Stralsund und bestätigt, dass Robben einen sehr guten Orientierungssinn haben.

Für die Spaziergänger am Hafen bleibt sie bis dahin ein Hingucker. „Aus der näheren Umgebung kommen viele, um sich das anzugucken. Der Seehund posiert auch gerne, wenn er auf dem Steg liegt, und lässt sich gut fotografieren“, meint Döscher. Von städtischer Seite aus sei aber bisher kein Eingreifen erforderlich, wenn es um Corona-Abstandsregeln gehe. Die Spaziergänger verhalten sich vernünftig, ist sein Eindruck. „Da sind auch nicht 100 Leute auf einmal, sondern es ist ein Kommen und Gehen.“

Belastung für Meerestiere

Abstand zu halten gelte aber nicht nur unter den Menschen, sondern auch zum Tier: Ein Sicherheitsabstand sei wichtig, um es nicht in Stress zu versetzen. Hunde sollten angeleint werden, sie werden als Bedrohung gesehen, so Werner. Er findet es aber gut, dass das Tier Aufmerksamkeit erregt: „Vielen ist nicht bewusst, welcher Belastung sie in den Meeren ausgesetzt sind: ständiger Lärm durch Schifffahrt, sie verfangen sich in Fischernetzen.“ Die Begegnung mit ihnen generiere vielleicht ein stärkeres Bewusstsein. „Von daher ist es gut, wenn sie auf die Tiere treffen und ihre Faszination erleben.“

Und der Seehund kommt vielleicht auch zum richtigen Zeitpunkt: Er zaubert gute Laune, „bringt ein wenig Abwechslung in diese trostlose Zeit und die Leute gehen am Hafenbecken ohnehin viel spazieren“, meint Döscher. Dass man sie dort in Zukunft öfter sieht, bezweifelt Werner aber. Zwar sind viele Fischbestände in der Nordsee in einem schlechten Zustand, aber es ist nicht so, dass sie keine Nahrung mehr finden und in die Binnengewässer ziehen. Einen Namen hat ihm bisher übrigens noch niemand gegeben – aber wer weiß, wenn er vorhat, noch länger zu bleiben, könnte das ja noch passieren.

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