„Wer schlägt, der fliegt“

Sklaverei-Vorwürfe in Rumänien: Jugendhilfeeinrichtung „Wildfang“ nimmt Stellung

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Die 18-jährige Jonelle Kooi (r.) hat zwei Jahre in dem Jugendhilfeprojekt in Rumänien gelebt und ist zurzeit ein gefragter Interviewpartner. 

„Versklavung“, „barbarische Zustände“, „Menschenhandel“, „organisierte Kriminalität“: Die Vorwürfe der rumänischen Staatsanwaltschaft gegen den Kooperationspartner der Botheler Jugendhilfeeinrichtung „Wildfang“ sind drastisch und passen so gar nicht zu der mit bunten Bildern gespickten Bauernhofidylle in den nordöstlichen Karpaten. „Aber nichts davon kann ich in irgendeiner Form bestätigen. Das stimmt alles nicht“, sagt Jonelle Kooi. Die 18-Jährige hat knapp zwei Jahre an dem Auslandsprojekt in dem rumänischen Ort Maramures teilgenommen und ist sichtlich darüber geschockt, was ihren ehemaligen Betreuern vorgeworfen wird.

Bothel - „Niemals haben wir Schläge bekommen, mussten hart arbeiten oder haben nichts zu essen erhalten“, so die junge Deutsch-Holländerin, hinter der eine lange Heim-Karriere verbunden mit einigen Klinik-Aufenthalten liegt. Sie hat am vergangenen Freitag auf Verlangen des für sie zuständigen Jugendamts aus dem ostfriesischen Leer Rumänien verlassen müssen und lebt jetzt im Apartment des Botheler Trägervereins „Wildfang“.

„Ich habe zuletzt in einer Gastfamilie in der Nähe des Haupthauses gelebt, habe gemeinsam mit meiner Pflegemutter eine sechsmonatige Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht und war an einem Straßenbauprojekt beteiligt“, erinnert sich die junge Frau gerne an die Zeit in Rumänien zurück. Aktuell ruft sie fast täglich ihre Freunde in dem rund 1 000 Kilometer entfernten Ort an, um sich zu vergewissern, wie es denen geht, die „auf eigenen Wunsch dort geblieben sind“.

Rumänien: Kinder sind „in einem geschützten Haus“

Die Situation vor Ort ist nämlich völlig unübersichtlich. „Vier Betreuer sind in Haft, vier Jugendliche sind in der Obhut der rumänischen Behörden“, sagt Philipp Ghassemieh, der Auslandsprojektkoordinator des Hauses „Wildfang“. Er selber habe zunächst nur über die Medien von den Vorwürfen erfahren. „Wir haben aktuell keinen Kontakt zu den verhafteten Mitarbeitern und den Leiter der Einrichtung, Bert Schumann. Wir bekommen auch keine Informationen über den Aufenthalt der vier in Obhut genommenen Jugendlichen“, ergänzt Dirk Precht, Chef der Botheler Jugendhilfeeinrichtung. Selbst der Deutschen Botschaft seien die Hände gebunden, die „rumänischen Behörden wollen nicht kooperieren“.

„Ich hoffe, dass die endlich Informationen zu den erhobenen Vorwürfen bereitstellen und den Zugang zu den von ihnen in Obhut genommenen Kindern ermöglichen“, wird Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) in Medienberichten zitiert. Die Deutsche Botschaft in Bukarest konnte laut Ministerium zu diesen vier Kindern lediglich in Erfahrung bringen, dass diese sich „in einem geschützten Haus“ befinden und „mit allem versorgt werden“.

Razzia in Rumänien: SEK im Einsatz

Von der Razzia eines Sondereinsatzkommandos der rumänischen Polizei am 27. August wissen die Botheler nur von den betroffenen Jugendlichen und Betreuern. „Demnach haben morgens um sechs vier maskierte und bewaffnete Polizisten an den Betten der Jugendlichen gestanden und sie zum Aufstehen aufgefordert. Anschließend wurden alle intensiv verhört“, erzählt Ghassemieh.

Und wie das vor sich geht, hat Hans Christian Henning, der ebenfalls die Projekte in Rumänien betreut, von einen 13-Jährigen erfahren: „Der Junge musste acht Sunden auf dem Flur warten und wurde dann drei Stunden intensiv verhört. Das ist sicherlich nicht angemessen. Bei manchen Jugendlichen war nicht einmal ein Dolmetscher dabei.“

„Wildfang“ als Vermittler für Jugendämter

Dirk Precht stellt klar, dass „keiner der Jugendlichen, die in dem Maramures-Projekt im Haupthaus oder in Gastfamilien untergebracht waren, vorher in unserer Einrichtung in Bothel gelebt hat“. „Wildfang“ trete nur als Vermittler für Jugendämter aus dem gesamten norddeutschen Raum auf. „Wir kooperieren seit 2010 mit unserem Partner Bert Schumann. An dem Projekt sind etwa 70 deutsche und rumänische Mitarbeiter beteiligt, die rund 30 Jugendliche betreuen.“ Das Heim wird vom Bund mitfinanziert.

Dort werden Jugendliche untergebracht, „wenn die bisherigen Anstrengungen im Inland erfolglos verlaufen sind, eine Unterbringung in den deutschen Regelsystemen keine positive Entwicklung mehr erwarten lässt und ein neues Umfeld hilfreich sein könnte“, wie das Sozialministerium in Hannover verlauten ließ.

Philipp Ghassemieh geht ins Detail: „Diese Jugendlichen haben meist eine lange Karriere mit Kriminalität, Drogen und Gewaltdelikten hinter sich. Oft waren sie in mehreren Heimen und wurden immer wieder weggeschickt. Solch ein Auslandsprojekt ist meistens die letzte Chance für die Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren.“

Jonelle Kooi: „Ich habe in Deutschland viel Scheiße gebaut“

Dass es in den ersten Wochen mitten in der rumänischen Einöde auch zu einigen Reglementierungen kommt, bestätigt Jonelle Kooi, die auch auf Anraten ihrer leiblichen Mutter an dem Projekt teilgenommen hat: „Ich haben in Deutschland viel Scheiße gebaut und kam mit einem entsprechenden Rucksack dort an. Und genau diesen habe ich in Rumänien komplett geleert. Das ging aber unter anderem durch ein Handyverbot, um nicht ständig mit meiner alten Umgebung zu kommunizieren. Ich habe zum Glück ein neues Leben begonnen“, hält die 18-Jährige die Maßnahmen „für sehr sinnvoll“.

Der Umgang und die Versorgung der Tiere auf dem Bauernhof, die neuen Freunde, die einen ähnlichen Lebenslauf haben und letztlich auch die Betreuer und Gasteltern hätten sie zu einem anderen Menschen werden lassen. „Darum kann ich nicht verstehen, warum mich das Jugendamt Leer zurückgeholt hat“, so Kooi. „Ich schon ein bisschen“, sagt Henning, „denn einige der beteiligten Jugendämter wollen in dieser verworrenen Situation die Jugendlichen lieber in Deutschland betreut sehen.“

600 Euro monatlich für Gasteltern in Rumänien

Aber woher stammen die drastischen Vorwürfe? „Darüber können wir zurzeit nur spekulieren“, seufzt Dirk Precht, der gemeinsam mit seinen Mitarbeitern nur Vermutungen aufstellen kann. So gebe es Gasteltern, die aus bestimmten Umständen nicht mehr berücksichtigt wurden und darum dem Projekt nicht mehr wohlgesonnen seien. Die Gasteltern sollen laut Medienberichten pro Kind 600 Euro im Monat bekommen – viel Geld in einer eher ärmlichen Region.

Auch eine andere Möglichkeit gibt es offenbar: „Den durchgesickerten Berichten zufolge, sollen die vier in rumänischer Obhut befindlichen Jugendlichen die Behörden über angeblich schlimme Zustände informiert haben.“

Wahrheit oder Lüge?

„Diese vier gehören zu den schwierigsten, die wir in dem Projekt haben“, informiert Philipp Ghassemieh. „Mit denen möchte selbst ich nichts zu tun haben“, spricht auch Jonelle Kooi Klartext.

Ob die vier die Wahrheit gesagt haben, soll jetzt von den rumänischen Behörden geprüft werden. „Und wir hoffen, dass wir bald Klarheit haben – was die Jugendlichen betrifft und was auch unsere Mitarbeiter angeht“, so Precht.

Schon gelesen? Das Botheler Kinderheim „Wildfang“ hat Mitarbeiter nach Rumänien geschickt, um negative Folgen abzuwenden.

Der Kinderheimleiter vergisst aber auch nicht zu erwähnen, dass es vor zehn Jahren Fälle gegeben hat, bei denen Gasteltern und Mitarbeiter offenbar handgreiflich gegenüber Jugendlichen geworden sein sollen. „Aber das war vor unserer Kooperation, die Fälle wurden komplett aufgearbeitet. Und bei uns gilt ganz klar die Devise für alle Betreuer und auch Gasteltern: Wer schlägt, der fliegt!“

Geregeltes Leben mit Familienanschluss

„Ein weitläufiger Bauernhof mit fünf Hektar Land am oberen Ende eines Tales, das die Leute im Dorf Weintal nennen. Dort schlägt das Herz unseres Projekts. Das Geheimnis unserer Arbeit ist ein stets respektvoller und immer klarer Umgang mit den Jugendlichen und ein Personalschlüssel, den es sonst nur selten gibt. Drei Pädagogen, eine Familientherapeutin und bis zu vier bis sechs Fachanleiter sind für fünf bis sieben Jugendliche im Haus da“, so heißt es auf der Homepage der Botheler Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Wildfang“ über das Projekt Maramures.

Lesen Sie auch: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey fordert schärfere Kontrollen bei Auslandsprojekten. 

„Wir kümmern uns morgens um die Tiere auf dem Bauernhof, frühstücken dann gemeinsam und besuchen von 10 bis 12 Uhr eine spezielle Schule“, berichtet Jonelle Kooi, die zwei Jahre an dem Projekt teilgenommen hat, erst im Haupthaus, dann bei Gasteltern. „Nach dem Mittagessen und den Hausaufgaben erledigen wir die Arbeiten, die auf einem Bauernhof anfallen wie Obsternte, Holz hacken, Felder bestellen oder Ställe ausmisten. Alles unter Anleitung und freiwillig. Um 17 Uhr ist Schluss. Ein geregeltes Leben mit Familienanschluss, so wie ich es vorher nie hatte“, so Kooi.

Aber warum Rumänien?

„Weil es dort ein ganz anderes Familienbild gibt. In Deutschland werden die Kinder und Jugendlichen, die durch das Raster fallen von Heim zu Heim geschoben. In Rumänien haben Kinder erst mal keine Schuld an ihrer Situation“, sagt Philipp Ghassemieh, der Auslandsprojekt-Koordinator des Hauses „Wildfang“.

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