Förster Henning Küper kümmert sich mit Leidenschaft um heimische Wälder

Unter Bäumen

Henning Küper untersucht und dokumentiert den Befall einer Eiche mit dem Großen und dem Kleinen Froschspanner. Fotos: Buschmann

Trochel - Von Ulf Buschmann. Der Stamm der Eiche sieht ungewöhnlich aus. Bei näherem Hinschauen wird klar: Darin sind viele Löcher. „Da sitzt der Schädling drin“, sagt Henning Küper und zeigt auf eine der Stellen unter der oberen Rindenschicht. Dann zückt der Förster sein Smartphone und öffnet eine spezielle App, die nur die Mitarbeiter der Niedersächsischen Landesforsten haben. Damit erfassen Küper und seine Kollegen geschädigte Bäume. In diesem Fall hat Küper eine Eiche im Trocheler Wald lokalisiert. Es wird nicht der einzige Baum mit Schädlingsbefall bleiben.

Eiche, Kiefer, Buche, Ahorn – jeden Tag ist Küper in den Wäldern der Region unterwegs. Sein Beruf ist für ihn mehr als das: Küper ist Förster aus Berufung. Die Wälder sind sein zweites Zuhause, er ist ein wandelndes Lexikon. Ob Baum oder Bodenpflanzen, Küper kennt nicht nur ihre deutschen, sondern auch ihre lateinischen Namen. Jede Pflanzencharakteristik hat der Förster drauf. Stundenlang könnte er Menschen durch die Wälder von Rotenburg bis Brockel und Visselhövede führen.

Doch der Wald beziehungsweise die Bäume sind gefährdet, und zwar massiv. Schuld daran sei der Klimawandel. Wer mit offenen Augen durch den Wald gehe, könne es von den Wegen aus sehen: Nirgendwo ist frisches Grün unter den hohen Bäumen. „Der Boden ist knochentrocken“, sagt Küper. Landesforsten-Sprecher Knut Sierk ist ebenfalls an diesem Tag dabei und nickt zustimmend. Er wirft ein: „Wir brauchen Regen, Regen, Regen.“ Küper ist daher hinterher, dass die im vergangenen Jahr auf einer Fläche von 0,9 Hektar gepflanzten 9 000 Traubeneichen überleben. Gleiches gilt für die Douglasien, mit denen eine Fläche aufgeforstet werden soll. Küper und Sierk schauen zwei, drei Zentimeter über dem Boden nach Schädlingen. Einige gibt es.

Dann kommen die beiden Fachleute wieder auf den Regen zu sprechen. Zwar habe es in den vergangenen Tagen hin und wieder etwas Wasser von oben gegeben, doch dies sei nichts gewesen. Küpers Stimme wird eindringlich: „Es muss sechs Wochen richtig was von oben kommen.“ Erst dann sei er zufrieden, weil die Pflanzen dann wieder genug Wasser bekämen. Mit einem verschmitzten Lächeln fügt er hinzu: „Was für andere schlechtes Wetter ist, ist für mich gutes.“

Regen ist in doppelter Hinsicht für den Wald wichtig. Er bringt Bäumen und Bodendeckern nicht nur ausreichend Wasser, sondern macht auch den Schädlingen den Garaus. Denn die trockene Witterung ist für sie ideal – siehe die Ausbreitung des Borkenkäfers im vergangenen Sommer. Die Folgen dieses Befalls seien noch nicht abzusehen, praktisch alle Baumarten seien befallen.

Küper hat in diesen Tagen ein besonderes Auge auf die Eichen. „Wir schauen auf den Auftrieb und die Eichenfraßgesellschaft“, erklärt Sierk, während sich der Förster umschaut. Zu den Schädlingen gehört nicht nur der Borkenkäfer. Küper und Sierk nennen den Eichenwickler sowie den Kleinen und den Großen Froschspanner. Das sind Schmetterlingsarten. „Sie können ganze Bestände entlauben“, erklärt Küper.

Die Liste der Insekten, die traditionellen Baumarten gefährlich werden können, ist längst nicht zu Ende. Da tauchen Namen auf, die mancher noch nie gehört hat – der Eichenprachtkäfer gehört dazu. Er sei ein Sekundärschädling, der totes Holz liebt. „Aber durch den Klimawandel wird er zum Primärschädling“, erläutert Sierk.

Küper steht derweil an einem Baum mit einer schwarzen Markierung. „Das ist ein Leimring gegen das Froschspanner-Weibchen“, erklärt der Förster. „Sie können nicht fliegen. Das können nur die männlichen Tiere.“ Das Prinzip ist einfach, aber effektiv: Die Froschspanner-Weibchen krabbeln an den Stämmen hoch, um in die Kronen zu kommen. Auf ihrem Weg dorthin bleiben sie kleben. Jetzt können die Forstleute die Insekten zwecks Zählung und erstellen einer Prognose in Sachen Schädlingsbefall mit einer Pinzette herausziehen. In den Kronen sitzen sogenannte Ekletoren, Fallen zum Fangen von Gliederfüßern. Sie werden eingesammelt und ebenfalls gezählt. Dafür ist allerdings die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt in Göttingen zuständig. Sie erstellt nicht nur notwendige Statistiken, dort wird auch Grundlagenforschung betrieben, erläutert Küper. Und: „Die Daten liefern uns Aussagen über die Einflüsse der Klimaveränderungen auf den Wald.“ Dieser seinerseits habe große Bedeutung für das Mikro- und das globale Klima.

Damit vor Ort umgehen müssen indes die Fachleute der Landesforsten: Förster, Forstingenieure und viele andere. Küper und Sierk werden nicht müde zu erläutern, dass ihr Beruf keiner sei, der nur aus dem Herumlaufen im Wald bestehe. Im Gegenteil, um sich ein komplettes Bild vom Wald machen zu können, müssen sie die Bodenvegetation kennen.

Die Pflanzenstruktur liefert Hinweise über die Beschaffung der Waldstruktur und nicht zuletzt des Bodens. Die Fachleute sprechen von Zeigerpflanzen. Wo etwa Brennnesseln vorkommen, gibt es viel Stickstoff. Heidekraut weist auf sauren Boden hin. Und dann ist da noch der Sauerklee. „Der zeigt uns: Hier ist unten“, kommt Küper mit einem alten Forstwitz um die Ecke. Sierk klärt auf: „Die Pflanze hat keine besondere Bedeutung.“

Der Boden ist für Küper so etwas wie sein Kino in der Natur. Er entdeckt in einer Höhe bis zu 40 Zentimetern eine Unzahl von Pflanzen: Vergissmeinnicht, Kriechender Ginsel, Große Sternniere, Waldziest, Knoblauchranke und Huflattich. „Hier ist unheimlich was los“, sagt Küper. Er bleibt an einem Baumstumpf stehen. Der ist mit Moosarten überzogen. Küper erkennt das Mnium hornum. „Es ist der ökologische Begleiter unserer Buche“, meint er. „Sie und das Moos breiten sich immer weiter nach Osten aus. Auch das ist eine Folge des Klimawandels.“

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