Berufstaucher Siggi Richter ist hart im Nehmen

Arbeit im Botheler Klärbecken: Bis über beide Ohren in der Sch...

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Brian Gierke (l.) streift seinem Kollegen die doppelten Schutzhandschuhe über.

Bothel - Von Jens Wieters. „Hier hast du noch dein Sabberlätzchen“, scherzt Tom Bedrich und steckt seinem Kollegen Siegfried „Siggi“ Richter ein rosafarbenes Tuch so in den Anzug, dass es zur Not auch das Auffangen kann, was nicht mehr im Magen bleiben will.

Aber Siggi wird den Lappen an diesem Morgen nicht brauchen, denn in „nur“ fünf Metern Tiefe in einem Klärbecken voller menschlicher Ausscheidungen zu tauchen sei zwar kein Kinderspiel und auch nicht so schön wie im Roten Meer, aber „es gibt schlimmere Dinge“.

Siggi Richter ist mit seinem Team immer dort im Einsatz, wo andere keine Lösung mehr haben. „Wir machen alles, was unter Wasser und in diesem Fall in einem Bewegungsbecken voller Fäkalien gemacht werden muss“, sagt der 57-jährige Richter, der seit 30 Jahren Berufstaucher ist und vorher bei der Marine war. Dort, wo er zwar auch schon getaucht, aber „nichts Besonderes gelernt hat.“

Der Botheler Klärwerksmeister Andreas Denell hat den Tauchbetrieb engagiert, weil ein Rührwerk in dem Belebungsbecken nach 30 Jahren ausgetauscht werden muss. „Das ganze Becken abzulassen oder umzupumpen, wäre recht kompliziert und teuer gewesen. So haben wir das ganze Paket, Taucher und Rührwerk, bei der Firma Xylem aus Langenhagen bestellt“, informiert Denell, der nach eigener Aussage sehr nervös ist, ob alles so klappt wie geplant. Zwar kann das alte Rührwerk per Flaschenzug aus der Tiefe gehoben werden, aber die Führungsschienen passen nicht mehr an das neue und müssen abmontiert werden. Und das ist dann ein Fall für das TauchTeam.

Tom Bedrich prüft, ob der Helm von Siggi Richter dicht ist und ob die Luftversorgung klappt.

Während Tom Bedrich und Brian Gierke die nötige Ausrüstung wie Helm, Luftleitungen, Gegensprechanlage und das Werkzeug bereitlegen, lässt sich Siggi Richter von den Technikern erklären, was er tief drunten im stinkenden Becken zu tun hat. „Und das muss ich mir scharf einprägen, denn in der Brühe ist nichts zu sehen. Ich muss jede Schraube und jede Mutter fühlen und mit dem Werkzeug lösen“, teilt der Modellathlet mit.

Augenblicke später geht er, von oben bis unten in einen wärmenden Fleeceoverall gepackt, in die Werkstatt der Kläranlage, wo schon der spezielle, knapp 40 Kilo schwere Trocken-Tauchanzug an einem Kleiderbügel auf ihn wartet. Heute ist Richter ganz entspannt, der Tauchgang mitten hinein in das, was die rund 7 000 Menschen aus der Samtgemeinde Bothel in ihren Klos hinunterspülen, macht ihm nichts aus: „Ich bin ja schließlich gegen alles geimpft, was man sich bei diesem Job holen kann.“

Richter schlüpft in den 40-Kilo-Trockentauchanzug.

Aber nicht nur die Immunität gegen fiese Krankheiten ist für einen Berufstaucher unbedingt erforderlich, sondern „er muss körperlich topfit sein“, sagt Richter, der mitunter auch schon mal in einem 33 Meter tiefen Hafenbecken „schrauben, schweißen und flexen“ muss. „Platzangst darf man nicht haben und ich muss mich auf mein Team verlassen können.“ Dennoch sei der Beruf natürlich nicht ganz ungefährlich, immer wieder gebe es schlimme Unfälle. „Von den 15 Leuten, mit denen ich damals die Prüfung zum Berufstaucher gemacht habe, sind zehn während ihrer Einsätze ums Leben gekommen. Nur ich übe den Beruf noch aus“, betont Siggi Richter, bevor er hoch konzentriert wieder ins Freie tritt.

Sieben Liter Luft für den Notfall

Dort bekommt er von seinen Kollegen Bleistücke an die Unterschenkel und an den Gürtel gehängt, damit es gleich leichter in die Tiefe geht. Die Hände werden zunächst mit einem dünnen Latexgummi geschützt. Obendrüber stülpt ein Helfer dicke Handschuhe drüber. Die müssen aber so beschaffen sein, dass damit noch sicher mit Werkzeugen gearbeitet werden kann. Auf den Rücken bekommt Richter zur Sicherheit noch eine Sieben-Liter-Atemluftflasche geschnallt. Die sichert ihm einige Minuten Überlebenszeit, falls der lange Schlauch, der ihn normalerweise ständig mit Atemluft versorgt, mal defekt ist. Ganz zum Schluss wird noch der Helm verriegelt, der Richter nur ein kleines Sichtfenster lässt. Mit dem obligatorischen Handzeichen signalisiert er, dass alles okay ist.

In voller Montur klettert der 57-jährige Berufstaucher in das Becken, wo er in fünf Metern Tiefe arbeiten muss.

Mit schweren Schritten steigt der Taucher auf das kleine Treppchen, um den Rand des Beckens zu erreichen. An einer Leiter klettert er zunächst ein paar Sprossen hinunter, um sich mittels einer ausgeklügelten sogenannten Tarierung aus Luft im Anzug und Blei am Körper in die Tiefe des zwölf Grad kalten Beckens sinken zu lassen. Wenige Augenblicke später hören Gierke und Bedrich über die Wechselsprechanlage das Kommando: „Taucher auf Grund. Runter mit dem Eimer voller Werkzeug!“

Der Taucher (l.) prägt sich die Details des Lageplans ein.

An der Oberfläche verrät nur ein Blubbern, wo sich Richter gerade aufhält. „So können Geübte etwa drei bis vier Stunden da unten arbeiten“, sagt Bedrich, der selbst Taucher ist. Allerdings hat ihn der Arzt zurzeit aus dem Verkehr gezogen. „Einmal jährlich müssen wir einen Taucher-Generalcheck machen lassen. Wenn dann etwas nicht stimmt, ist erst mal Pause.“

Nach rund drei Stunden ist Richter fertig. Die alte Führung des Rührwerks ist demontiert, die neue mit Bolzen und einem Spezialkleber im Boden verankert. Jetzt heißt es, raus aus dem stinkenden Tauchanzug und ab unter die heiße Dusche.

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