INTERVIEW Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle blickt zurück und voraus

„Trotz Corona viel gemeistert“

Dirk Eberle während einer der vielen Baubesprechungen in 2020.
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Dirk Eberle während einer der vielen Baubesprechungen in 2020.

Bothel – Neben der alles bestimmenden Corona-Pandemie hat es in der Samtgemeinde Bothel im vergangenen Jahr aber auch noch einige andere bemerkenswerte Dinge gegeben, die allerdings ein wenig in den Hintergrund gerückt sind. Der parteilose Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle, der im September erneut kandidiert, blickt im Interview zurück und voraus.

Trotz Corona hat die Samtgemeinde 2020 eine Menge geschafft. Nennen Sie bitte in paar Beispiele.

Richtig, die Samtgemeinde hat trotz aller Einschränkungen eine Reihe wichtiger Projekte gemeistert: Die Sanierung und Erweiterung der Wiedau-Schule wurde abgeschlossen. Der Bau wurde trotz Corona vier Wochen vor dem vereinbarten Termin fertiggestellt und die Abrechnungssumme liegt rund 58 000 Euro unter der Auftragssumme. Auch die eingeplanten Fördermittel in Höhe von rund 150 000 Euro sind eingegangen. Ganz nebenbei wurde die kleine Sporthalle in Bothel saniert, die für viele Nutzer aus den Vereinen wertvoller Trainingsraum ist. Dafür wurde ein Zuschuss aus EU-Mitteln in Höhe von rund 100 000 Euro eingeworben. Die Feuerwehr Hemsbünde führt künftig das einzige verbliebene Katastrophenschutz-Löschfahrzeug des Bundes im Landkreis. In enger Zusammenarbeit mit Bürgermeister Jochen Hestermann habe ich die Planungen zur Ertüchtigung der Bahnstrecke in Westerwalsede 2020 weiter begleitet. Wenn die Gemeinde bald den verstärkten Verkehr auf der Strecke Rotenburg-Verden aushalten muss, dann müssen der Lärmschutz und die Straßenquerung optimal ausgebaut werden.

Noch schlägt die Pandemie nicht durch auf die Finanzen der Kommunen. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Ich schätze die Lage unübersichtlich, aber nicht so pessimistisch wie am Anfang der Pandemie ein. Sicher wird Corona die Steuereinnahmen auf Bundes- und Landesebene empfindlich verringern. Hinzu kommen die immensen zusätzlichen Schulden. Die Auswirkungen dieser Finanzpolitik werden wir mit Sicherheit zu spüren bekommen. Mit größerer Zuversicht schaue ich aber auf die örtlichen Steuereinnahmen und die Unternehmen in der Samtgemeinde. Unsere Gastronomie-Betriebe haben zu kämpfen, meiner Beobachtung nach haben jedoch die Bereiche Bau, Einzel- und Internethandel, die bei uns eine wichtige Rolle als Arbeitgeber und Steuerzahler spielen, ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr hinter sich. Daher bin ich zuversichtlich: Auch wenn wir die Rekord-Einnahmen aus 2018 und 2019 nicht wieder erreichen werden, die Wirtschaft wird sich von Corona erholen.

Wie steht es überhaupt um die Zukunft der Samtgemeinde? Ist sie schon auf dem Weg zu einer Einheitsgemeinde, weil die vielfältige Arbeit in den Mitgliedsgemeinden ehrenamtlich kaum noch zu schaffen ist? Wäre eine Zentralisierung vieler Bereiche nicht viel besser für eine effizientere Arbeit?

Die Samtgemeinde war vor fast 50 Jahren eine Lösung, mit der man Gemeinden, die ihre Eigenständigkeit nicht aufgeben wollten, verwaltungstechnisch zusammenführen wollte. Das hat auch gut funktioniert. Und es haben sich einige Stärken gezeigt, um die uns so manches eingemeindete Dorf in Einheitsgemeinden beneidet. Aber die Komplexität und der Umfang der Aufgaben in den Mitgliedgemeinden wächst stetig. Sei es Personalrecht, Datenschutz, Digitalisierung, das Antragswesen für Förderprogramme, der Brand- und Arbeitsschutz oder das Vergaberecht: Hier wird so viel Fachwissen benötigt, das kann kein ehrenamtlicher Bürgermeister und kein Gemeindebüro mit ein oder zwei Verwaltungskräften leisten. Und es wäre auch unwirtschaftlich, wenn die kleinteilige Arbeit so organisiert wäre. Warum soll die Bearbeitung der gleichen Aufgabe, die parallel in allen Mitgliedsgemeinden erfolgt, nicht bei einem spezialisierten Mitarbeiter in der Samtgemeinde zusammenfassend erledigt werden?

Gibt es eine Lösung?

Die Mitgliedsgemeinden und die Samtgemeinde haben sich mit der Unterstützung eines externen Dienstleisters auf den Weg gemacht, alle unsere Aufgaben und Ziele einerseits und alle unsere Ressourcen und Fähigkeiten andererseits genau zu erfassen und für die Zukunft so zuzuordnen, dass die Arbeit optimal verteilt und erledigt wird. Das bedeutet, dass die Entscheidungen, die am besten mit dem Detailwissen vor Ort zu treffen sind, in den Gemeinden bleiben werden. Es werden aber auch eine Reihe von Aufgaben auf die Samtgemeinde übertragen werden. Manche werden wir im Auftrag der Mitgliedsgemeinden ausführen, andere werden künftig wohl vollständig von uns übernommen.

Existiert ein Zeitplan?

Ich möchte da nicht vorgreifen. Das ist ein Projekt, das wir in diesem Jahr zum Abschluss führen werden. Insgesamt hoffe ich, dass wir in diesem Entscheidungsprozess noch ein wenig näher zusammen rücken. Dann wird die Idee Samtgemeinde eine sehr gute Lösung auch für die Zukunft sein.

Lösungen werden immer digitaler. Wie sieht es damit im Rathaus aus?

Wir sind weiter als andere, aber nie ganz fertig. Wir haben unsere Infrastruktur und Hardware erneuert. Die wichtigsten Software-Anwendungen im Haushalts-, Finanz- und Personalverwaltungsbereich wurden auf einen aktuellen Stand gebracht. Die neuen Programme müssen nun laufend mit alten und neuen Daten gefüttert werden. Erst im nächsten Schritt werden die Anwendungen miteinander verknüpft und damit eine Erleichterung und Zeitersparnis im Arbeitsablauf erzielt.

Als Fachmann der grünen Berufe blicken Sie zwischendurch auch immer wieder mit Sorge auf die Umwelt. Was kann eine kleine Samtgemeinde für das große Ganze tun?

Wenn wir in die Zukunft schauen, werden wir um das Thema Klimaschutz und Wasser nicht herumkommen. Jeder, der mit Landwirtschaft, Natur- oder Gewässerschutz zu tun hat, sieht mit großer Sorge, wie immer mehr kleine Gewässer im Sommer trocken fallen, wie der Bullensee dramatisch an Fläche verliert und der oberflächennahe Grundwasserspiegel sinkt. Die trockenen Sommer zwingen die Landwirte zu Bewässerungsmaßnahmen, was den Effekt auf das Grundwasser noch verstärkt. Und auch viele Gartenbesitzer müssen noch lernen, dass Wasser in Zukunft ein endlicher, wertvoller Rohstoff sein wird. Dieses Problem wird nicht allein auf lokaler Ebene zu lösen sein. Wir werden das aber zusammen mit den Eigentümern, den Unterhaltungsverbänden und den zuständigen Behörden angehen müssen. Sobald Corona es zulässt, möchte ich mit einer Auftaktveranstaltung zum Thema „Wiedauniederung – Wassermanagement in Natur und Landschaft“ ein regionales Projekt ins Leben rufen.

Geht es nur um Wasser?

Sorgen mache ich mir auch um die Altbaum-Bestände in unseren Dörfern. Wie können wir die großen Bäume erhalten, schützen und sinnvoll ersetzen oder ergänzen? Die Grundstücke in den Neubaugebieten bieten für große Bäume nicht ausreichend Platz, da wird der Straßenraum künftig eine noch wichtigere Rolle spielen.

Vor gut zwei Jahren wurde in Bothel das Projekt Anrufsammeltaxi mit viel Optimismus gestartet. Die Nutzerzahlen sind aber eher gering. Ist das Projekt aus Ihrer Sicht gescheitert?

Nein, das sehe ich nicht so. Elegant an diesem System ist ja, dass es ein gutes Angebot für den öffentlichen Nahverkehr bietet, ohne große laufende Kosten zu verursachen. Keine Fahrzeuge, die leer durch die Landschaft fahren, keine Probleme, Fahrer als Personal zu finden: Wenn keine Fahrt bestellt wird, wird auch nicht gefahren. Stattdessen haben wir unserem Taxi-Unternehmen eine Möglichkeit eröffnet, die ein oder andere zusätzliche Tour zufahren, auf die der Kunde zu den Kosten einer regulären Taxifahrt verzichtet hätte. Mein Ziel ist es, das Angebot auch bei uns noch ein wenig auszuweiten auf das Wochenende und in die Abendstunden. Und eine moderate Preissenkung von sechs auf fünf Euro je Fahrt würde der Alternative zum privaten PKW ebenfalls gut zu Gesicht stehen.

Das Dorfentwicklungsprogramm Wiedau-Walsede läuft. Gibt es wegen Corona zeitliche Probleme und halten die Menschen noch zur Stange?

Das Dorfentwicklungsprogramm ist herausragend erfolgreich angelaufen. Und diejenigen, die bei den Auftaktveranstaltungen dabei waren, werden ihr Interesse und ihre Geduld wegen Corona nicht verlieren. Der erste Antragstermin im Herbst 2020 war für die meisten privaten Interessenten noch zu früh. Vorbereitung, Planung, Finanzierung und Antragsausarbeitung: Solche Projekte brauchen ihre Zeit. Aber die beteiligten Kommunen waren fix und haben mit der tatkräftigen Unterstützung meiner Kollegen im Bauamt und den Mitarbeitern des Amts für Landentwicklung in Verden schon einige Förderanträge einreichen können, die in 2021 in Angriff genommen werden. Die Chance Dorfentwicklung werden wir uns nicht durch die Lappen gehen lassen!

Was lief 2020 gut und was nicht?

Mein Eindruck ist, dass in der Samtgemeinde das Miteinander der Fraktionen im Rat ausgesprochen gut läuft. Unsere Erfolge, die großen Projekte und Investitionen sind nur möglich, wenn der Rat und damit die Fraktionen lösungsorientiert und kompromissbereit arbeiten. Sehr zugespitzt haben sich die räumliche Situation im Rathaus und der Bedarf an zusätzlichen Mitarbeitern. Wir werden sicher die Ergebnisse der Untersuchung zur Aufgabenverteilung noch abwarten müssen. Anschließend wird es aber erforderlich sein, die Rathaus-Mannschaft an das wachsende Arbeitspensum anzupassen.

Ihre Ziele für 2021?

Ich hoffe, dass bald die Zusage für die Fördermittel für den Radweg zwischen Rotenburg und Brockel eingeht. Dieses Projekt liegt mir am Herzen und ich hoffe, im Auftrag der beteiligten Gemeinden und der Stadt Rotenburg in die Umsetzung einzusteigen. Mein persönliches Ziel ist es, das Amt des Samtgemeindebürgermeisters weiter auszuüben und im September gewählt zu werden.  jw

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