Hemslinger Ehepaar ist für syrische Familie Vermieter und Elternersatz

Reis für „Mum“ und Pap“

Die Zwilllinge Yakan (l.) und Sham (r.) Kharrat wohnen mit ihrem Cousin Nour (2.v.l) und den Eltern Mohammed (Mitte) und Rime Saadieh bei Ronny und Barbara (2.v.r.) Riedl. - Foto: Heyne

Hemslingen - Von Ulla Heyne. Die Familie mit den Kindern wohnt unten im Haus, die Senioren in der oberen Wohnung. Zum Essen werden „Mam“ und „Pap“ öfter Mal herunter gebeten, dafür fährt der Senior mit den Kindern zum Arzt oder bringt dem Ältesten im Keller das Einmaleins des Boxens bei.

Eine ganz normale Großfamilie, die da im Einzelhaus an einer ruhigen Seitenstraße in Hemslingen wohnt? Wohl kaum. Denn das Ehepaar Kharrat, das hier im Erdgeschoss mit den Kindern Yakan und Sham und dem 20-jährigen Neffen wohnt, ist aus Syrien geflohen und Ronny und Barbara Riedl sind ihre Vermieter. Und ganz so idyllisch, wie sich die kleine Oase der Ruhe an der Oberfläche darstellt, mit dem sorgsam geputzten Haus, dem gastfreundlich angebotenen Supermarkt-Keksen zum Tee, war es nicht von Anfang an: „Zuerst waren sie etwas reserviert“, erinnert sich Barbara Riedl, die mit den Gegebenheiten in der muslimischen Welt vertraut ist, „man musste sich halt aneinander gewöhnen.“ Ihr und ihrem Mann war es ein Anliegen, bei sich Flüchtlinge in der leerstehenden Wohnung aufzunehmen: „Wir sind so viel im Ausland gewesen“, erklärt der ehemalige Profi-Boxer, „und haben so viel Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erfahren – davon wollten wir etwas zurückgeben!“

Und das ist momentan mehr, als die beiden sich vielleicht anfänglich vorgestellt haben. Auch, wenn Riedl es niemals zugeben würde: Die Fahrten mit dem eigenen Pkw zu Ärzten, Behörden, zum Ausländeramt „oder auch nur zum Einkaufen, Riema fährt kein Fahrrad“ – sie belasten auch den Geldbeutel, wie er bei einem Gespräch mit Bothels Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle durchblicken lässt. Dass er bei der Gemeinde eine Kilometerpauschale einfordern kann, hat er bisher nicht gewusst.

Zurück nach Syrien wollen sie nicht

Transport ist denn auch – neben Sprache, fehlender Arbeit und Perspektivlosigkeit – eins der vordringlichsten Probleme: „Sham ist künstlerisch begabt und sollte gefördert werden, Yakam turnt gern. „Aber hier gibt es ja nichts!“, konstatiert Riedl. Zu Fußball hat er selbst keine Beziehung, also bleibt es bei dem Vorhaben, dem Jungen die Grundfitness fürs Boxen zu vermitteln.

Für den Neffen Nour, der Automechaniker werden will oder „irgendwas mit Elektronik“, ein Grund, möglichst bald in eine Großstadt abzuwandern, sobald er den nächsten Sprachkurs absolviert hat. Er kam im November als erstes mit seinem Onkel nach Deutschland, über die Türkei, Griechenland, Serbien und Mazedonien. Der Rest der Familie machte sich vier Monate später auf den Weg. Die Zwangserstaufnahme in Braunschweig konnte abgekürzt werden. Als die Ehefrau mit den beiden 15-jährigen Zwillingen eines Abends abgekämpft vor der Tür stand, „habe ich sie einfach nur in den Arm genommen“, erinnert sich Barbara Riedl, und gesagt: „Gut, dass du endlich da bist!“ Wenn man die Tragödien im Fernsehen sehe, müsse man einfach mit dem Schicksal der Menschen mitfiebern. Die Nachbarn hätten zunächst abwartend reagiert, dann habe es eine Flutwelle der Hilfsbereitschaft gegeben. „Diese Familie löst keine Feindseligkeit aus“, meint Ronny Riedl. Von Integration zu sprechen, sei jedoch verfrüht. Fest steht: „Zurück nach Syrien wollen sie nicht mehr.“ Am liebsten würde Familie Kharrat wohl hier wohnen bleiben, mit „Mum“ und „Pap“, die sie gern zu Reis, Bulgur oder auch Chicken einladen. Gegeneinladungen zum deutschen Essen würden nur ungern angenommen: „Das schmeckt ihnen nicht so“, hat Barbara Riedl festgestellt. „Irgendwann müssen sie auf eigenen Beinen stehen“, stellt ihr Mann Ronny klar – und schwingt sich mit Mohammed, dem „Sohn auf Zeit“ aufs Rad – zur Post fährt er noch nicht allein.

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