WIR und FDP sagen „Nein“

Radweg Brockel-Rotenburg: Es regt sich Widerstand

Ihnen ist der Radweg ein Dorn im Auge: Landwirt Christoph Schröder (v.l.), Dirk Schenckenberg (WIR) und Alexander Künzle (FDP). Foto: Menker
+
Ihnen ist der Radweg ein Dorn im Auge: Landwirt Christoph Schröder (v.l.), Dirk Schenckenberg (WIR) und Alexander Künzle (FDP).

Rotenburg / Bothel – Während sich der Botheler Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle über viele begeisterte Befürworter freut und schon nach einem Namen sucht, regt sich in der Kreisstadt Widerstand: WIR und FDP sprechen sich nämlich gegen den weiteren Ausbau des Radwegs auf der ehemaligen Bahnstrecke Rotenburg-Visselhövede aus, für den das letzte Teilstück zwischen Brockel und Rotenburg ins Auge gefasst wird. Sie wollen möglicherweise schon bald einen entsprechenden Antrag an Rotenburgs Bürgermeister Andreas Weber (SPD) richten, in dem sie das Ende dieser Planungen fordern.

„Vernünftig wäre es, die Bahntrasse der Natur zu überlassen“, sagt WIR-Ratsherr Dirk Schenckenberg, der sogar von einem „Luxusradweg“ spricht. „Dann brauchen die seit einigen Jahren entlang der alten Bahntrasse brütenden Kranichpaare nicht zum Umzug überredet zu werden. Und Rotenburg müsste seinen Titel als fahrradfreundliche Kommune nicht mit dem Zusatz ,auf Kosten der Natur‘ versehen“, so der Kommunalpolitiker aus der Kreisstadt in einem Gespräch mit der Rotenburger Kreiszeitung. „Wir sollten alle einmal in uns gehen und uns die Frage stellen, ob das Ganze wirklich vernünftig ist.“ Er jedenfalls habe bislang keinen Grund gefunden, von der Natur zurückeroberte Natur wieder zu zerstören, damit der Mensch es bequemer habe und das Projekt dann auch noch als „ökologisch sinnvoll“ bezeichnet.

Es sind zwei wesentliche Punkte, die Schenckenberg und der FDP-Politiker Alexander Künzle anführen. Im Bereich Rotenburg säumten die typischen Kleinparzellen die ehemalige Bahnstrecke. Sie sprechen von einem einmaligen Kleinod, geprägt von Wald-, Moor- und Wiesenflächen, wie sie nur noch ganz selten zu finden seien. „Einen abwechslungsreichen Lebensraum für die Tier- und Pflanzenwelt noch einmal durch einen Radweg zu zerschneiden, wo genug Wege vorhanden sind, erscheint zweifelhaft.“ Außerdem müsse für die Stadt Rotenburg genau überlegt werden, „ob wir einen neuen Radweg finanzieren und bauen wollen“, so Schenckenberg. In den vergangenen Jahren sei noch nicht einmal genug Geld zur Unterhaltung von Straßen, Brücken, Radwegen und Kanalnetzen vorhanden gewesen. Der WIR-Ratsherr: „Da erscheint es doch wirklich fraglich, etwas Neues zu schaffen und das Vorhandene verkommen zu lassen.“ Auch im Hinblick auf den zu erwartenden Rückgang der Wirtschaftsleistung und dem damit verbundenen Rückgang der Steuereinnahmen durch die Corona-Krise werde sich die Kreisstadt noch großen Herausforderungen beim Haushalt stellen müssen. Da seien dann sicherlich andere Prioritäten zu setzen, auch wenn der ökologische Aspekt der neuen Verbindung in den Vordergrund gestellt werde. Die Strecke selbst würde Verschwenkungen benötigen, um sensible Bereiche zu umkurven, „wie von Dirk Eberle angeregt“, so Schenckenberg und Künzle. Sei nur die Frage, ob die Landwirte bereit seien, ihre Äcker dafür zur Verfügung zu stellen. Es sei genauso gut möglich, die vorhandenen Wirtschaftswege zu nutzen, „wenn sie dann vernünftig unterhalten werden“.

Einer der Landwirte ist Christoph Schröder. Er moniert die Zerschneidung der Landschaft, während die Bauern aufgefordert seien, eben solche Zerschneidungen zu vermeiden – im Sinne des Arten-, Natur- und Gewässerschutzes. Schröder erinnert an einen Maßnahmenkatalog von Land, Landvolk, Landwirtschaftskammer, BUND und Nabu unter dem Titel „Der niedersächsische Weg“, der genau das beschreibe. Schenckenberg gegenüber der Kreiszeitung: „Daher ist es wichtig, das Für und Wider solch einer Baumaßnahme vorher grundsätzlich zu diskutieren. Das ist leider bisher im Rat der Stadt Rotenburg nicht geschehen.“

Bothels Samtgemeindebürgermeister hält an den Plänen fest. Die Bürgerbeteiligung im Rahmen der Dorfentwicklung Wiedau-Walsede zur Gewichtung von künftigen Projekten habe für das Radweg-Projekt in Brockel, Hemsbünde und Bothel höchste Priorität ergeben. „Ich persönlich bin der Auffassung, dass tiefgründige Sandwege, eine Schotter-Buckelpiste oder ein schmaler Weg mit Wurzelaufbruch im offenen Wind in Bündelung mit einer stark befahrenen Bundesstraße keine Alternative zu dem geplanten Schnellweg sind.“ Wenn man die Ziele zur CO2-Minderung, die sich die Gesellschaft gesteckt habe, erreichen wolle, müssten die Fahrradangebote attraktiver als die Straßen für die Autos sein. Eberle: „Das kann keine der alternativen Strecken leisten.“ Gern werde das Argument belächelt, dass Pendler den Radweg nutzen könnten. „Wenn ich allerdings berücksichtige, dass mehr als 300 Menschen aus Rotenburg in die Gemeinden am Radweg pendeln, dass sogar fast 1 000 Berufstätige aus dem weiteren Einzugsgebiet des Weges nach Rotenburg zur Arbeit fahren und weitere 160 Menschen allein aus den anliegenden Dörfern zum Bahnhof Rotenburg als Fernpendler fahren, ergibt sich ein Potenzial für den Radweg, das das morgendliche Verkehrschaos in der Innenstadt Rotenburgs vielleicht entscheidend entspannen könnte.“ Auf diese Chance zu verzichten, müssten die Kritiker dann den Rotenburgern selbst erklären.

Er selbst habe die Initiative ergriffen, Fördermittel in Höhe von 75 Prozent für ein Projekt einzuwerben, das sowohl in Rotenburg als auch in den Gemeinden der Samtgemeinde Bothel von vielen Bürgern befürwortet werde. „Mir liegen die Beschlüsse der beteiligten Kommunen vor, dass das Projekt weiter vorangetrieben werden soll, und wir leisten, solange ich keine anderen Signale erhalte, die dazu erforderlichen vorbereitenden Arbeiten.“ Wenn persönliche Interessen wie zum Beispiel Jagdreviere der Protagonisten im Streckenverlauf dazu führen sollten, „dass diese einmalige Chance für ein so zukunftsweisendes Projekt vergeben wird, wäre das schade“.

Die Argumentation, wonach die finanziellen Auswirkungen der Corona-Krise gegen eine solche Investition sprechen, ist nach Ansicht Eberles nicht zielführend: Die Baukosten würden voraussichtlich erst 2022 zum Tragen kommen und mit einzelnen Projekt-Elementen wie dem Brückenbau über die Wümme Maßnahmen gefördert, die für Rotenburg sowieso zu finanzieren wären.

Ein Brückenbau über die Wümme im weiteren Verlauf des Weges hin zum Bahnhof halten Künzle und Schenckenberg für illusorisch und erinnern an das Naturschutzgebiet Wümmeniederung.

Rotenburgs Verwaltungschef Andreas Weber unterstreicht auf Anfrage, dass es eine intensive Erörterung bereits gegeben und der Stadtrat einen entsprechenden Haushaltsbeschluss für 2019 gefasst habe. 300 000 Euro seien eingeplant, die jetzt im aktuellen Haushalt zu finden seien. Weber hält das Projekt für sinnvoll, allein schon im Sinne der Verkehrswende. Der Bau einer Wümmebrücke sei kein Problem, sie soll an die Bahnbrücke andocken.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Wahlkrimi in Polen: Das Rennen zwischen Duda und Trzaskowski

Wahlkrimi in Polen: Das Rennen zwischen Duda und Trzaskowski

Totalschaden für Vettel und Ferrari bei 85. Hamilton-Sieg

Totalschaden für Vettel und Ferrari bei 85. Hamilton-Sieg

Das Motorrad fit für die Saison machen

Das Motorrad fit für die Saison machen

Diese Autos werden 2020 zu Oldtimern - Ist Ihres dabei?

Diese Autos werden 2020 zu Oldtimern - Ist Ihres dabei?

Meistgelesene Artikel

Ein neuer Versuch

Ein neuer Versuch

Brandstiftungs-Verdacht: 20-Jähriger soll Carport entzündet und Strohballen-Brand gelegt haben

Brandstiftungs-Verdacht: 20-Jähriger soll Carport entzündet und Strohballen-Brand gelegt haben

Zuverlässig bis zum Schluss

Zuverlässig bis zum Schluss

Unter erschwerten Bedingungen

Unter erschwerten Bedingungen

Kommentare