Hemslinger Familie Lütjens zieht Hähnchen, Gänse und Puten groß

Qualität hat ihren Preis

In diesen Tagen hat es sich ausgeschnattert: Die Hemslinger Gänse kommen zu Weihnachten auf die Tische der Region.

Hemslingen - Von Ulf Buschmann. Günter Lütjens steht mit ausgebreiteten Armen auf dem Feld. „Kommt! Nun kommt mal her“, ruft er einige Male. Dabei schnippt Lütjens leicht mit seinen Daumen und Zeigefingern. „Man kann die Tiere mit zwei Fingern dirigieren“, sagt der Hemslinger. Was er da gerade versucht, für ein Foto auf den noch grünen Teil des eingezäunten Feldes zu lenken, sind Gänse. Rund 300 Tiere schnattern da noch vor sich hin und pflegen ihr Gefieder. Doch das Weihnachtsfest werden sie nicht mehr erleben – aus ihnen werden leckere Braten.

Die Tage vor dem Fest sind für Familie Lütjens immer stressig. 300 Gänse und 80 Puten werden zur Direktvermarktung auf dem Hof in Hemslingen geschlachtet. Hierfür haben Lütjens ein eigenes Schlachthaus. Darin werden die Tiere artgerecht in den Himmel geschickt und die Kunden bekommen einen frischen Braten. Aber nicht nur Puten und Gänse verarbeiten Anke und Günter Lütjens mit ihren beiden Söhnen Lutz und Carsten. Auf dem Hof leben auch 3 000 Weidehähnchen – jedoch nicht in Legebatterien, sondern in drei mobilen Ställen, in denen sich die Tiere aufhalten oder auf dem rund drei Hektar großen Feld herumlaufen können.

Günter Lütjens rechnet: Vor 23 Jahren haben er und seine Frau angefangen, ihre Geflügelzucht aufzubauen. Mit der Milchwirtschaft sollte es vorbei sein, also versuchten es die Lütjens eben mit Geflügel. Auftragsmast für einen Schlachthof sollte es sein. Also tummelten sich in Hemslingen alsbald 1 800 Tiere. Doch für diesen Weg musste Familie Lütjens im wahrsten Sinne des Wortes Lehrgeld zahlen. „Der Schlachthof ging pleite, und wir bekamen kein Geld für die Vögel“, erinnert sich Günter Lütjens.

Er und seine Frau beschlossen, einen anderen Weg zu gehen: den der Direktvermarktung. Also blieben von den 1800 Gänsen 300 sowie die Puten übrig. Weil sie die Tiere direkt an die Kunden verkauft, benötigt Familie Lütjens dafür keine Zulassung der Europäischen Union. Diese Art der Vermarktung hat aber auch seinen Preis, daraus machen Anke und Günter Lütjens keinen Hehl. Ein Gänse- oder Putenbraten kostet in Hemslingen ab 60 Euro – im Vergleich zu 16 Euro beim Discounter. Hinter dieser Kalkulation steckt eine einfache betriebswirtschaftliche Rechnung: Die Discounter kaufen ihre Ware von Betrieben, die Massentierhaltung betreiben. Durch die Menge kommen die niedrigen Preise zustande. Bei Lütjens hingegen sind es vergleichsweise wenige Tiere, die artgerecht auf rund 1,8 Hektar Freilandfläche gehalten werden.

Um aus dieser Tätigkeit einen Gewinn oder zumindest keinen Verlust zu erzielen, müssen die Preise wegen der geringen Menge an Tieren eben höher liegen. „Wir verkaufen sie nicht unter Preis“, sagt Günter Lütjens. Es seien vor allem Stammkunden, die sich dort einen Weihnachtsbraten besorgen. Diese Art der Tradition werde allerdings innerhalb der Familien weitergeben, meint der Landwirt. Soll heißen: Wenn die Eltern oder Großeltern bei den Lütjens kaufen, machen es die Kinder und Enkel ebenso.

Anders ist es mit den Weidehähnchen. Dafür arbeitet Familie Lütjens – inzwischen auch mit den beiden Söhnen Lutz und Carsten – seit 2018 mit den Rotenburger Werken zusammen. Auf den drei Hektar Weidefläche wachsen die Tiere langsam heran. Rund 70 Tage dauert die Aufzucht vom Küken bis zum ausgewachsenen, schlachtreifen Weidehähnchen.

Zum Vergleich: In den großen Betrieben mit mehreren zehntausend Tieren ist ihr irdisches Dasein nach 30 Tagen vorbei.

Anders ausgedrückt: Lütjens geben alle zwei Wochen ihre Weidehähnchen zu einem Bio-Schlachthof im Landkreis Cuxhaven. Günter Lütjens legt Wert darauf, dass auch die Hähne verarbeitet werden. Sie werden als Küken nicht geschreddert. Alle 14 Tage liefern sie 500 tiefgekühlte Hähnchen an die Rotenburger Werke. Und die legen nach Auskunft von Günter Lütjens strenge Maßstäbe an. Dies betrifft zum Beispiel die Fütterung ohne Gentechnik und ein großzügigeres Platzangebot.

Es gibt einen weiteren Vorteil der Zusammenarbeit für die Rotenburger Werke mit Familie Lütjens, und der heißt Kostenersparnis. Günter Lütjens erläutert: „Die Werke verarbeiten die komplette Karkasse des Tieres.“ Das bedeutet, dass zum Beispiel aus den kleineren Teilen des Gerippes die gute alte Brühe gekocht wird. Folge: Die Rotenburger Werke müssen keine Gewürze oder ähnliche Dinge einkaufen und sparen Geld.

Weidehähnchen so zu halten wie es Familie Lütjens macht, funktioniert ihrer eigenen Aussage zufolge nur dann, wenn es einen festen Partner beziehungsweise Abnehmer wie die Rotenburger Werke gibt. Denn der Arbeitsaufwand ist viel höher als bei der konventionellen Mast. So gilt es, vorgeschriebene Arbeitsabläufe genau einzuhalten – vor allem, um keine Krankheitskeime zu übertragen. „Wer die Gänse macht, hat bei den Hähnchen nichts zu suchen“, benennt Günter Lütjens eine der Regeln, an die er sich unbedingt halten muss.

Doch es ist nicht nur das Versorgen der Tiere, das den Rhythmus von Familie Lütjens bestimmt. Der Schutz und die Vermarktung gehen bei ihnen eine notwendige Symbiose ein. „Die Kundschaft kauft ein Erlebnis“, sagt Günter Lütjens. Und: „Die Tiere müssen sich in ihrer Lebenswelt bewähren.“ Hierzu zählt der Verlust von Gänsen und Hühnern durch natürliche Feinde. Bei den Gänsen sind es der Fuchs, der Wolf und der Seeadler.

Damit die Gänse nicht vom Wolf oder Fuchs gerissen werden, haben Lütjens einen Elektro-Zaun um die Weide gezogen. Auch Vogelscheuchen kommen zum Einsatz. Schaffen es die jungen Füchse trotzdem, die Sperre zu überwinden, werden sie von Günter Lütjens, der auch Jäger ist, geschossen.

Dies ist beim Seeadler nicht möglich, ist er doch streng geschützt. Um den Schaden in Grenzen halten zu können, besitzt Familie Lütjens eine Genehmigung des Landkreises zur sogenannten Ablenkfütterung. Sie funktioniert so: Tote Tiere werden abseits der Weideflächen ausgelegt, um den Adler von den Gänsen wegzuführen. „Der Adler ist ein faules Tier, der frisst lieber Aas als zu jagen“, erklärt Günter Lütjens.

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