Interview zum Abschied

Pastor Matthias Wilke verlässt Kirchwalsede nach gut sieben Jahren

Pastor Matthias Wilke
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Pastor Matthias Wilke ist in der Kirchengemeinde bekannt für seine kreativen Ideen. Unter anderem hält er auch schon mal und besonders in Corona-Zeiten Andachten von der Ladefläche eines VW- Bullis.

Kirchwalsede – Nach vielen Jahren erfüllter und auch kreativer Arbeit in der Kirchengemeinde Kirchwalsede verlässt Pastor Matthias Wilke das Dorf rund um die St.-Bartholomäus-Kirche. Der 43- Jährige wird zum August neuer Studiendirektor des Predigerseminars im Kloster Loccum bei Nienburg. Im Interview blickt er zurück und voraus.

Herr Wilke, warum verlassen Sie Kirchwalsede und die Kirchenregion?

Seit siebeneinhalb Jahren sind wir als Familie, bin ich als Pastor nun in Kirchwalsede – und wir und ich haben die Zeit sehr genossen! Es lässt sich prima leben hier. Beruflich habe ich all die Jahre stets 75 Prozent als Pastor in Kirchwalsede gearbeitet – und mit den übrigen 25 Prozent verschiedenste Zusatzaufträge wahrgenommen. Das war sehr spannend – und zugleich freue ich mich, nun zu 100 Prozent die Stelle als Studiendirektor im Predigerseminar Loccum übernehmen zu dürfen. Das ist beruflich für mich eine sehr reizvolle Perspektive!

Spielt das Gehalt auch zumindest eine kleine Rolle?

Wenn Sie meinen, ob mein Entschluss zu wechseln, auch finanzielle Gründe hat, kann ich klar antworten: nein! Ich freue mich darauf, noch einmal anders Verantwortung übernehmen zu können – eben in der Ausbildung der Vikarinnen und Vikare, und das mit einer vollen Stelle. Das ist für mich entscheidend.

Welche Aufgaben übernehmen Sie in Loccum?

Ich werde in mehreren Teams arbeiten. Zum einen in der Dienstgemeinschaft im Predigerseminar im Kloster Loccum. Meine Aufgabe wird es sein, die Arbeit des Hauses zu leiten, die Vikarinnen und Vikare zu begleiten und ihre inhaltliche Ausbildung mit den Studienleiterinnen und Studienleitern zusammen zu gestalten und zu verantworten. Fünf Kirchen entsenden ihre Vikarinnen und Vikare zur Ausbildung ins Predigerseminar Loccum. Das Gespräch zu den Kirchen und deren Ausbildungsdezernaten sowie zum Kuratorium des Predigerseminars und anderen Gremien wird ebenso zu suchen und zu pflegen sein wie die Verbindungen des Predigerseminars in Loccum selbst mit dem Dorf, dem Kloster und den zahlreichen anderen Bildungsinstituten auf dem dortigen Campus. Da die Ausbildung der Vikarinnen und Vikare im Zusammenhang mit der universitären Ausbildung und der späteren beruflichen Fortbildung betrachtet werden muss, gilt es, auch diese Bezüge in die Überlegungen zur Vikariatsausbildung aufzunehmen.

Wird Ihre Familie ebenfalls umziehen?

Meine Frau Alexa Wilke arbeitet seit mehr als fünf Jahren als Pastorin in der Stadtkirche in Rotenburg. Unser Sohn besucht zurzeit die Grundschule in Kirchwalsede. Da wir unser Familienleben lieben, haben wir uns gemeinsam entschlossen, dass ich mich in Loccum bewerbe und wir als Familie gerne dorthin umziehen – auch wenn es wehtut, liebe Menschen und lieb gewonnene Orte zu verlassen.

Sie haben sich besonders in der aktuellen Corona-Zeit durch viel Kreativität ausgezeichnet. Werden Ihnen die Dorfandachten von der Plattform eines Bullis fehlen? Anders gefragt: Ist die neue Stelle nicht vielleicht ein wenig zu trocken?

„Trocken“ wird die neue Stelle bestimmt nicht. Schließlich geht es ja auch in der Ausbildung um ein lebendiges Miteinander. Gemeinsame Andachten und Gottesdienste, Gebet und Gespräch, das ist die Basis christlichen Beisammenseins. Zusammen mit den Vikarinnen und Vikaren, den Mentorinnen und Mentoren, den Studienleiterinnen und Studienleitern werden wir bestimmt auch viele Formen finden, erfüllende Gottesdienste zu feiern – in den verschiedensten Situationen.

Wissen Sie bereits jetzt, was Sie vermissen werden?

Ich nehme nach Loccum ganz viel mit: Hier in Brockel, Kirchwalsede und Visselhövede war und ist so viel möglich. Der Kirchenvorstand, die Mitarbeitenden, das gemeinsame Leben: Jemand stellt seinen Bulli zur Verfügung, Fußballer kicken im Familiengottesdienst, der Spielmannszug gestaltet zusammen mit dem Posaunenchor einen Schützenfestgottesdienst, in Offendorf haben wir die Konfirmanden in einem spontan gebauten See getauft, da das Freibad geschlossen hatte, und lokal und international bekannte Musiker erfüllen den Kirchhof Kirchwalsedes an vielen Freitagabenden mit Andacht und Musik. Das alles und vieles andere mehr nehme ich mit – und werde die Gemeinschaft und das Gemeindeleben hier vermissen! Da bin ich mir sicher.

Was haben Sie an den Menschen in der Kirchenregion geschätzt?

Gemeinsam etwas zu bewegen, um zur Besinnung zu kommen, das habe ich an den Menschen hier in der Region sehr schätzen gelernt.

Was hätte in den vergangenen Jahren besser laufen können?

Ich nehme auch Erinnerungen mit, die wehtun. Vor allem denke ich an Menschen, denen ich nicht helfen konnte, Halt zu finden. Das schmerzt.

Wenn Sie der Kirchenregion etwas wünschen könnten, dann ...

… bringe ich meine Wünsche im Gebet vor Gott. Der wird wissen, wie die Dinge laufen sollen. Mir hat die Arbeit in der Region stets viel gegeben – und ich habe erkannt, wie wichtig ich hier für uns eine gute regionale Zusammenarbeit finde.

Auch wenn Sie ein Mann Gottes sind, können auch Sie nicht dafür sorgen, dass ein neuer Pastor vom Himmel fällt. In Visselhövede ist bereits eine Stelle frei, ab August auch in Kirchwalsede. Wie soll Kirche dann noch funktionieren?

Wenn mir nicht eine Gruppe jüngerer Männer ihren Verstärker ausgeliehen hätte, hätten wir im vergangenen Jahr kaum eine Chance gehabt, unter freiem Himmel Gottesdienste zu feiern – weder auf dem Bulli noch auf dem Kirchhof. Wie funktioniert Kirche? Indem wir Kirche leben. Aber ja, es braucht auch Pastorinnen und Pastoren. Aber sie werden kommen. Denn hier ist gut arbeiten und gut leben.

Ihr bedeutsamstes Erlebnis in Kirchwalsede?

Die Gespräche und das gemeinsame Schweigen am Buß- und Bettag in unserer Kirche.

Ihr lustigstes Erlebnis?

Mit Kirsten Cordes, unserer Küsterin, gemeinsam einen Vogel davon zu überzeugen, dass er doch besser außerhalb der Kirche singen sollte.

Wird noch richtig Abschied gefeiert?

Ein gemeinsamer Gottesdienst? Das wäre schön!

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