Jugendliche sind die Verlierer

Maramures-Jugendprojekt: Leiter Bert Schumann äußert sich zu Vorwürfen

Das Gelände, auf dem die Jugendlichen in den Nordkarpaten in Rumänien untergebracht waren, aus der Vogelperspektive
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Seit 18 Jahren läuft das Jugendprojekt Maramures in den Nordkarpaten. Jetzt ist das große Gelände verwaist.

Die Vorwürfe wiegen schwer und gingen vor gut einem Jahr um die Welt. Eventuell droht ein Prozess, dennoch erzählt Pädagoge Bert Schumann, Leiter eines Jugendprojekts im nordrumänischen Maramures, seine Sicht der Geschehnisse. In dem Heim waren Kinder und junge Erwachsene untergebracht, die von Dirk Precht, Chef der Botheler Jugendhilfeeinrichtung Wildfang, nach Rumänien vermittelt worden waren.

  • Leiter des Jugendprojekts Maramures äußert sich zu Geschehnissen in den Nordkapaten in Rumänien.
  • Anschuldigungen der Behörden: Menschenhandel, Bildung einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche.
  • Projektleiter und Botheler Jugendhilfeeinrichtung Wildfang fordern lückenlose Aufklärung.

Bothel/Maramures – Es ist der 20. August 2019: Gepanzerte Fahrzeuge der staatlichen rumänischen Anti-Terroreinheit Diicot kämpfen sich den Berg hinauf auf das Gelände des Kinder- und Jugendprojekts Maramures, in dem 31 schwer erziehbare und auch psychisch instabile deutsche Jugendliche im Alter von elf bis 21 Jahren von insgesamt 70 Mitarbeitern in mehreren Häusern und auch in benachbarten Gastfamilien betreut werden.

Die vermummten und mit Gewehren bewaffneten Männer springen aus ihren Geländewagen, wecken die Heranwachsenden und nehmen einige von ihnen mit. Einen Tag später folgen weitere Jugendliche, die auf Initiative der Botheler Jugendhilfeeinrichtung Wildfang in das Rumänienprojekt vermittelt worden waren. Und schließlich wird der Deutsche Bert Schumann, der das Projekt leitet, verhaftet. Mit ihm 14 pädagogische Mitarbeiter. In einem Safe finden die Diicot-Männer, die zuvor wie im Film mit einem Hubschrauber eingeflogen waren, 137 000 Euro Bargeld.

Von den rumänischen Behörden werden anschließend Pressemitteilungen lanciert, in der schwere Anschuldigungen gegen Schumann erhoben werden. Die Rede ist von Menschenhandel, Menschenhandel von Minderjährigen, Bildung einer kriminellen Vereinigung und Geldwäsche. Schnell bekommen nicht nur in Europa, sondern weltweit Zeitungen, TV- und Radiosender Wind von der Aktion und berichten. „Leider sehr einseitig und scheinbar mit einem vorher bereits feststehenden Drehbuch“, sagt Bert Schumann heute. Während er noch hinter Gittern sitzt, werden in Deutschland immer mehr Stimmen von Jugendlichen laut, die lange in Maramures betreut worden waren und die extrem gegensätzliche Positionen vertreten.

Pädagoge Bert Schumann (l.), Leiter eines Jugendprojekts im nordrumänischen Maramures, erzählt seine Sicht der Geschehnisse, in denen die staatliche Anti-Terror-Einheit Diicot eine Hauptrolle spielt. In dem Heim waren Kinder und junge Erwachsene untergebracht, die von Dirk Precht, Chef der Botheler Jugendhilfeeinrichtung Wildfang, nach Rumänien vermittelt worden waren.

Der 62-jährige Schumann hat vier Monate zunächst in einem Provinzgefängnis, dann im Knast in der rumänischen Hauptstadt Bukarest gesessen. „Mittags gab es Suppe – jeden Tag dieselbe. Als einzige Mahlzeit.“ Der Besuch des deutschen Konsuls habe außer ein paar alten Zeitschriften nichts gebracht. „Erst an Heiligabend 2019 hat eine Richterin die Untersuchungshaft in einen Hausarrest umgewandelt, weil die Diicot alle ihre Anschuldigen nicht beweisen konnte.“

Jetzt ist Schumann, der mit seiner Frau Babett das Jugendhilfeprojekt in Maramures vor 18 Jahren aufgebaut hatte, wieder in Deutschland. Er hat Hartz IV beantragt, seinen Grund und Boden sowie die Gebäude in Rumänien hat er aufgegeben. „Das wird jetzt wohl nach und nach geplündert. Für mich ist das Kapitel Jugendprojekte in Rumänien aber beendet“, sagt Schumann. „Aber dennoch will ich diese Geschichte komplett aufgeklärt wissen.“

Jugendliche konnten sich freier entfalten

Das will auch Dirk Precht, Chef der Botheler Einrichtung Wildfang, denn „wir haben schließlich viele Jahre mit Bert Schumann vertrauensvoll zusammengearbeitet und schwierige Jugendliche dort gut und pädagogisch erfolgreich untergebracht.“ Bei den Heranwachsenden handele es sich um Menschen, die bereits eine Menge durchgemacht hätten, die von Heim zu Heim abgeschoben worden und mit denen selbst geschlossene Einrichtungen nicht klar gekommen seien.

„In Maramures konnten sie sich freier entfalten, ihre Aggressionen wurden kanalisiert. Sie haben dort gelernt, wieder in Strukturen zu leben“, so Precht, dem es wichtig ist zu betonen, dass alle zuständigen Behörden in den Landkreisen, die entsprechenden Ämter auf Bundesebene und auch in Rumänien das Projekt mit den qualifizierten und zertifizierten Mitarbeitern nachweislich genehmigt und befürwortet hätten.

„Das Projekt wurde mehrfach kontrolliert. Nicht nur von uns als Träger, sondern auch mehrmals jährlich von Jugendämtern, von den Vormunden und Eltern“, so Philipp Ghassemieh, Wildfangs Auslandsprojektkoordinator. Bei den Kontrollen sei ungehinderter Zugang zu allen Jugendlichen gewährt worden und nicht nur zu den eigenen Mündeln oder Kindern. „Zu keinem Zeitpunkt ist Kritik an uns herangetragen worden, und wir befürchten, dass sich solch konstruierten Vorwürfe auch wiederholen könnten“, hat Ghassemieh an die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) geschrieben, die nach den ersten Schlagzeilen mehr „Kontrolle für solche Auslandsprojekte“ gefordert hatte.

Kritik an den Medien

„Das Problem ist, dass aufgrund der Berichterstattung in vielen Medien, die Politiker nervös geworden sind und ihre Jugendämter angewiesen haben, die Jugendlichen wieder zurück nach Deutschland zu holen“, so Dirk Precht, der auch nicht mit Kritik an Medien spart: „Eine Überschrift, in der das Wort Versklavung vorkommt verkauft sich halt besser. So ist eine Jugendliche, die im Projekt untergebracht und dort sehr glücklich war und dies auch der Journalistin berichtet hatte, in dem TV-Bericht mit keinem Wort erwähnt worden.“

Dabei hätten die Jugendlichen sich mit Händen und Füßen gewehrt, als sie wieder nach Deutschland zurückgebracht werden sollten. „Sie wollten in ihren rumänischen Gastfamilien bleiben, weil sie dort endlich ein Stück Zuhause und ein geregeltes Leben gefunden hatten, wenn auch nur auf Zeit, aber immerhin. Das ist eine der pädagogischen Grundvoraussetzungen, um sie später wieder in unsere Gesellschaft zu integrieren“, beschreibt Precht die Szenerie bei der Rückholaktion.

Aussage von Teilnehmerin wird nicht gesendet

Genau das hatte im September 2019 die damals 18-jährige Jonelle Kooi gegenüber unserer Zeitung und vor laufender TV-Kamera bestätigt: „Die Vorwürfe gegen Schumann stimmen alle nicht. Niemals wurden wir geschlagen, mussten hart arbeiten oder haben nichts zu essen bekommen.“ Im Fernsehen wurde diese Aussage nicht gesendet.

Bert Schumann kann sich bis heute nicht erklären, wer für die schwerwiegenden Anschuldigungen und die Wild-West-Methoden der Diicot verantwortlich ist: „Selbst die vier Jugendlichen, die wohl gegen uns ausgesagt hatten, vermutlich, weil ihnen ein nicht unerheblicher Geldbetrag als eine Art Schadensersatz für ihre angeblichen Misshandlungen in Aussicht gestellt worden war, wollen jetzt nicht mehr aussagen.“

Jugendliche sitzen im Gefängnis

Alle vier der damals 15 bis 18 Jahre alten Jugendlichen würden aktuell in Deutschland wegen verschiedener Delikte im Gefängnis sitzen. „Von daher glaube ich auch nicht, dass nur die Aussagen der Jugendlichen der Grund für die Verhaftungen waren. Das war alles von langer Hand geplant“, vermutet Precht eher politische Gründe bei der Diicot, die sich vielleicht rehabilitieren musste, und darum habe es ausgerechnet das Wildfang-Jugendprojekt getroffen.

„Vor Gericht gab es jedenfalls in beiden Instanzen keinerlei Beweise“, sagt Schumann, der sich jetzt in einer Vorprozess-Phase befindet. „Ein nächster Prüftermin steht im Februar an. Ob und wann der eigentliche Prozess beginnen soll, steht noch in den Sternen. Wenn es einen geben sollte, wird der sich sicherlich drei oder vier Jahre hinziehen“, so der Pädagoge.

137.000 Euro im Safe: Häufig wird mit Bargeld bezahlt

Der äußert sich gegenüber unserer Zeitung auch zu den 137.000 Euro, die die Diicot-Einheit im Safe gefunden hatte. „Die rumänische Provinz ist nicht mit Deutschland zu vergleichen. Man zahlt fast überall in bar. Selbst die Gehälter der Mitarbeiter, wenn mal wieder Stromausfall ist, was dort jeden dritten Tag vorkommt, und sie kein Geld von der Bank abheben können. Und bei solch einem großen Betrieb wie dem unseren ist diese Summe nicht ungewöhnlich.“

Dirk Precht und Philipp Ghassemieh sehen nur Verlierer bei der ganzen Geschichte: „Dazu gehören die Jugendlichen, die ihrer langjährigen Heimat beraubt wurden, sowie andere Heranwachsende, die auf einen solchen Betreuungsplatz gehofft hatten. Die rumänischen Pflegefamilien, die gut von der Aufgabe leben konnten, gehören ebenso dazu wie unsere Einrichtung Wildfang. Außerdem sicher die verschiedenen Jugendämter in Deutschland, die sich jetzt wieder um die Jugendlichen kümmern müssen, und natürlich gehören auch Bert und Babett Schumann zu den Verlierern.“

Rumänien erst einmal von der Liste gestrichen

Also müsse es in den Nordkarpaten doch irgendwo auch einen Gewinner geben. „Darum wollen wir eine lückenlose Aufklärung und bleiben am Ball“, unterstreicht Precht, der Rumänien erst einmal von seiner Projektliste gestrichen hat. „Zurzeit sind wir im Ausland nur noch in Polen engagiert“.

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