Interview mit dem Rotenburger Kreislandwirt Christian Intemann

„Politik muss verlässlich sein“

Kreislandwirt Christian Intemann steht vor seinem Trecker
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Kreislandwirt Christian Intemann sieht einen Strukturwandel in der Branche.

Bothel – Seit einigen Wochen kommt der Kreislandwirt des Landkreises Rotenburg aus Bothel. Es ist der Diplom-Agraringenieur Christian Intemann. Und der hat angesichts des strukturellen Wandels in der Landwirtschaft eine Menge Arbeit vor sich. Im Interview verrät er ein wenig über den Posten des Kreislandwirts und blickt auch auf das große Ganze.

Herr Intemann, was macht ein Kreislandwirt?

Vergleichbar ist die Position mit der des Kreishandwerksmeisters. In erster Linie ist der Kreislandwirt der Ansprechpartner für fachliche Fragen rund um die Landwirtschaft. Sei es zu Fragen von der Politik oder auch Organisationen. Der Kreislandwirt ist der Repräsentant der Landwirtschaftskammer in seinem Kreis. Er übernimmt die Ehrungen rund um die Ausbildung in der Landwirtschaft und überreicht die Zeugnisse der Ausbildung zum Landwirt oder Landwirtsmeister. Ebenso ist der Kreislandwirt aber auch als Sachverständiger zum Beispiel vor dem Amtsgericht gefragt. Der Kreislandwirt hat aber rein gar nichts mit dem Landvolk zu tun. Ich vereine jetzt auch als erster Vorsitzender des Landvolks zufällig beide Posten in einer Person, aber es sind zwei völlig unterschiedliche Ämter.

Wie kommen Sie zu diesem Posten?

Das ist eine gute Frage. Vor sieben Jahren hatte mich Gerhard Eimer angesprochen, ob ich seine Nachfolge antreten wolle. Ich musste erst ein paar Nächte drüber schlafen, aber dann habe ich Gefallen daran gefunden. Und so wurde ich zunächst zum Regionalbeauftragten des Kreislandwirtes gewählt. Diesen Posten gibt es nur in sehr großen Landkreisen, um die regionalen Kenntnisse besser abzudecken. Kreislandwirt war bis zuletzt Heinz Korte aus Bevern. Als er sich jetzt nicht wieder zur Wahl stellte, wurde ich zum Kreislandwirt gewählt. Neuer Regionalbeauftragter ist Alexander von Hammerstein aus Bockel.

Heute baut ein Landwirt nicht nur Feldfrüchte an oder mästet Schweine, sondern muss sich mit immer mehr Verordnungen und Gesetzestexte lesen. Wird oft über das Ziel hinausgeschossen?

Landwirtschaft unterliegt einem ständigen Wandel. Was seit einigen Jahren aber immer mehr in den Fokus gerückt ist, sind Klima-, Umwelt-, und Tierschutz. Das finde ich auch gut so, weil wir gesellschaftlich in der Lage sind, uns diese Dinge auch leisten zu können. Was aber fehlt, ist eine politische Verlässlichkeit. Und da kommen wir zu den wirklichen Problemen. Während wir hier zu den höchsten Standards produzieren, werden gleichzeitig günstige Lebensmittel ohne diese Standards um den halben Globus transportiert und landen in unseren Supermärkten.

Ist der Niedersächsische Weg ein Schritt in die richtige Richtung?

Um die beschriebenen Probleme zu lösen, war das ein großer Schritt. Es werden den Landwirten sehr hohe Umweltleistungen auferlegt, aber gleichzeitig Ausgleichszahlungen ermöglicht. Doch nun kommt das Aktionsprogramm Insektenschutz des Bundesumweltministeriums und torpediert die zuvor gewonnenen Kompromisse und Vereinbarungen, sodass viele Betriebe dieses wirtschaftlich nicht überleben werden. Ein so zäh ausgehandelter Kompromiss wird innerhalb eines halben Jahres komplett vernichtet. Verlässlichkeit sieht anders aus! Sehr schwierig wird es, wenn politische Entscheidungen nicht mehr wissenschaftlichen Grundsätzen, sondern rein ideologischen Wertvorstellungen oder einfach dem Mainstream folgen. Dieses Phänomen hatten wir zuletzt bei der Glyphosatdiskussion.

Landwirte werden aktuell für viele Dinge verantwortlich gemacht, die der Umwelt und dem Naturschutz schaden. Stichwort Überpflügung von Wegeseitenrändern, Vermaisung der Landschaft und natürlich Überdüngung. Zu Recht?

Natürlich läuft nicht alles bestens in der Landwirtschaft. Für mich ist aber in erster Linie die Bereitschaft wichtig, auch Probleme abstellen zu wollen und sich weiter zu entwickeln. Und da sind wir an vielen Fronten stark dabei. Natürlich gibt es immer die Forderung nach mehr. Die wird es immer geben. Es muss aber leistbar und sinnvoll sein, und die jetzige Geschwindigkeit an neuen Auflagen bringt die Betriebe leider oft an ihre Grenzen.

Konkret?

Zu den angesprochenen Problemen: Es gibt mittlerweile in vielen Gemeinden Vereinbarungen zu den Wegeseitenrändern, wie sie gepflegt, aufgewertet oder sogar sinnvoll umgelegt werden können. Die Vermaisung war politisch gesteuert. Auch wenn die damaligen Verantwortlichen das anders sehen. Trotzdem hat man sich aufgemacht, andere Pflanzen für die Biogasproduktion zu testen. Einige funktionieren in gewissem Rahmen und werden vielerorts eingesetzt. Zu der Überdüngung lässt sich sagen, dass laut dem gerade erschienenen Nährstoffbericht der Landwirtschaftskammer die Überdüngung in Niedersachsen quasi nicht mehr vorhanden ist. Die Überschüsse sind sehr gering. Auch unser Landkreis hält jetzt die Grenzen der organischen Stickstoffmenge ein. Also insgesamt eine sehr positive Entwicklung.

Ihre Sicht auf die Roten Gebiete der Überdüngung? Sind die für Sie nachvollziehbar?

Grundsätzlich ist sauberes Wasser ein hohes Gut, das es zu schützen gilt! Daher wurden in Bereichen mit erhöhten Nitratwerten, die sogenannten roten Brunnen, eben diese roten Gebiete ausgewiesen, wo die Düngung so massiv eingeschränkt wird, dass eine Produktion von hochwertigen Lebensmitteln nicht mehr möglich ist. Das Problem ist jetzt aber, dass mehr als die Hälfte dieser Brunnen laut einem Gutachten erhebliche Mängel aufweisen. Sie sind versandet, oder messen in einer falschen Tiefe oder es kann sogar Oberflächenwasser in den Brunnen laufen. Das zweite Problem ist die Größe der Gebiete. Wir haben Bereiche, da ist am südlichsten Rand ein Brunnen mit erhöhten Werten und im weiteren Gebiet sind alle anderen Brunnen unauffällig. Die Landwirte in 30 Kilometer Entfernung mit einem unauffälligen Brunnen vor der Haustür fragen sich, warum sie jetzt diese Einschränkungen hinnehmen müssen.

Was muss sich ändern, damit bestmöglicher Grundwasserschutz gewährleistet ist?

Das Problem an den roten Gebieten ist auch, dass die Landwirtschaft als einziger möglicher Verursacher in Betracht gezogen wird. Sicherlich hat der Landwirt einen großen Einfluss auf die Nitratgehalte im Sickerwasser, aber er ist nicht der Einzige. Viel hängt auch von den natürlichen Gegebenheiten und den Bodeneigenschaften ab. So wurde durch Untersuchungen festgestellt, dass selbst bei einer kompletten Einstellung der landwirtschaftlichen Nutzung, es in einigen Regionen trotzdem weiterhin zu hohen Nitratwerten kommen kann. Die höchsten Nitratwerte findet man übrigens unter großen Waldflächen. Somit ist es dringend notwendig, die Gebiete durch mehr Brunnen kleiner einzugrenzen. Die Brunnen sind vielfach auch schon vorhanden, werden nur nicht herangezogen.

Sollte nicht eher ein echtes Verursacherprinzip greifen?

Natürlich! Im zweiten Schritt müsste dann geschaut werden, wo kommt das Nitrat überhaupt her. Liegt es an den Landwirten, oder gibt es auch andere mögliche Quellen. In anderen Bundesländern hat man zu den Brunnen übrigens untersucht, wo das Wasser her kommt. Es gibt unterirdische Strömungen, woraus sich dann mögliche Emittenten leichter ermitteln lassen. Das niedersächsische Umweltministerium weigert sich leider noch, diesen sehr sinnvollen Schritt zu tun.

Macht es Ihnen bei all diesen Diskussionen und teilweise auch Anfeindungen selber noch Spaß, Landwirt zu sein?

Auf jeden Fall! Ich mag die Arbeit mit den Tieren und der Natur. Es ist nichts berechenbar, jedes Jahr, jeder Tag ist anders. Ich mag die Abwechslung und die damit verbundene Herausforderung. Die Anfeindungen werden tatsächlich mehr und zunehmend niveauloser. Ein großes Problem stellen hierbei die sozialen Netzwerke dar. Hier ist insgesamt eine sehr starke Verrohung zu beobachten. Nicht nur Landwirte, auch andere Gruppierungen werden hier täglich Opfer persönlicher Angriffe. Es nimmt manchmal schon extremistische Züge an.

Können Sie jungen Menschen immer noch empfehlen, elterliche Höfe zu übernehmen oder überhaupt den Beruf des Landwirts zu ergreifen?

Immer! Das zeigen auch die aktuellen Ausbildungszahlen, dass der Beruf sehr gefragt ist. Diese sind zwar jetzt leicht rückläufig, aber bewegen sich immer noch auf einem hohen Niveau. Heute gibt es bei uns in Rotenburg mehr Auszubildende als noch zu meiner Zeit. Besonders freut mich auch, dass die Kurse zum Landwirtschaftsmeister auch immer gut angenommen werden. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle auch die tolle und engagierte Arbeit der Lehrkräfte der Berufsbildenden Schulen in Rotenburg.

Einige Betriebe werden immer größer, andere geben auf. Das Prinzip „wachse oder weiche“ ist aktueller denn je, oder?

Einen Strukturwandel hat es in der Landwirtschaft immer gegeben. In der Vergangenheit wurden die Kosten durch höhere Auflagen oft durch größere Produktion ausgeglichen. Heute ist auch die Spezialisierung in Nischen oftmals ein Ausweg. Aber es bleiben eben nur Nischen für wenige Betriebe. Entscheidend für mehr Klima-, Umwelt- und Tierschutz ist die Leistbarkeit, und da sehe ich viele Betriebe an der Kippe. Wenn es durch zu viele Auflagen in einem kurzen Zeitraum übertrieben wird, werden wir einen gewaltigen Strukturbruch erleben und hinterher eine Landwirtschaft haben, die eigentlich niemand wollte.

Spielt die Politik dabei auch eine Rolle?

Sie zwingt manche Betriebe zur Aufgabe. Die Sauenhalter beispielsweise würden gerne die neuen gesetzlichen Vorgaben zur Tierhaltung einhalten und ihre Ställe umbauen, bekommen aber keine Baugenehmigung, weil die SPD-Fraktion im Bundestag sich sperrt, das Baugesetzbuch so zu ändern, dass sie auch bauen dürfen. Bei dieser Vorgehensweise braucht man sich nicht über weichende Betriebe wundern.

Jeder möchte, dass es den Tieren in den Ställen gut geht, aber dennoch darf das Schnitzel nicht viel Geld kosten. Ein Widerspruch?

Wir in Deutschland kaufen günstig. Das ist nun mal so. Und das Problem ist, dass neben dem deutschen Schnitzel mit hohen Standards ein Schnitzel liegt, das günstiger ist, weil es die Standards nicht einhalten musste. Hier sehe ich das größte Problem. Ein Vergleich: Wenn ausländische Automarken in Deutschland gefahren werden dürften, ohne jemals zum TÜV zu müssen und ohne teure Abgastechnik, deutsche Marken aber alles einhalten müssten, werden die deutschen Autos an Boden verlieren. So verhält es sich mit den Lebensmitteln auch. Grundsätzlich könnten sich die meisten Menschen teurere Lebensmittel leisten. Aber wozu, wenn es auch günstig geht? Gleichzeitig dürfen wir aber nicht vergessen, dass wir Teile in der Bevölkerung haben, die auf günstige Lebensmittel angewiesen sind.

Ihr Blick auf die Unterschiede zwischen kontrolliert-ökologischer und konventioneller Landwirtschaft?

Beide Formen haben klare Vor- und Nachteile. Es gibt leider nicht den perfekten Weg, um acht Milliarden Menschen zu ernähren. Wir werden immer einen Eingriff in die Natur tätigen müssen, mit allen seinen Folgen. Guckt man sich beide Produktionsverfahren an, erkennt man, dass sie sich langsam annähern. Der konventionell wirtschaftende Betrieb fährt genauso mit der Hacke los, wie der ökologische Betrieb auch Pflanzenschutzmittel einsetzt. Insgesamt denke ich, dass beide Bewirtschaftungsformen wichtig sind und ihre Berechtigung haben. Was gut funktioniert hat, ist der Austausch zwischen den Landwirten. Man hat voneinander gelernt. Hierzu startet jetzt das Pilotprojekt FINKA. Beteiligt sind das Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen, das Netzwerk Ackerbau Niedersachsen, das Landvolk sowie die Universitäten in Münster und Göttingen. Es werden jeweils ein ökologisch und ein konventionell wirtschaftender Betrieb begleitet und Erfahrungen ausgetauscht sowie ein Monitoring durchgeführt. In Rotenburg haben wir zwei teilnehmende Landwirte.

Wie können sich die Bauern auf die häufiger auftretenden trockenen Sommermonate einstellen?

Was bei den Dürre-Sommern zu beobachten war, sind die starken regionalen Unterschiede. So können Fruchtfolgen regional etwas angepasst werden, aber viele Betriebe sind auf das Futter, also auf ihre bisherigen Früchte angewiesen. Bodendeckende Maßnahmen wie Zwischenfrüchte oder Ähnliches sind auch hilfreich. Eine Möglichkeit ist auch die künstliche Beregnung der Felder. Bei uns wird es langsam mehr. Bei aller Kritik zu dem Wasserverbrauch muss man aber auch wissen, dass durch Beregnung die Auswaschung von Nitrat ins Grundwasser aktiv verhindert werden kann.

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