Ergebnisse lassen fast alle Fragen unbeantwortet

Krebszahlen in Bothel: „Kein Beweis für irgendwas“

Rotenburg - Von Michael Krüger. Verursacht Erdgasförderung Krebs? Welche Giftstoffe belasten die Menschen in der Region? Wie kann man sich schützen? Alle diese Fragen standen am Donnerstagabend in der Cafeteria des Rotenburger Kreishauses nicht zur Debatte.

Dort wurde gekniffelt. Der Betriebsrat hatte zum Spieleabend geladen. Nebenan im voll besetzten großen Sitzungssaal wurden die Fragen, entgegen der Hoffnungen der meisten Besucher, auch nicht beantwortet. Es gibt nur „Signale“, was ein Auslöser der erhöhten Krebszahlen in der Samtgemeinde Bothel sein könnte.

Im Spätsommer 2014 hatten die Zahlen bundesweit für Aufregung gesorgt. Für die Samtgemeinde Bothel hatte das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen eine Erhöhung für die Rate von hämatologischen Krebserkrankungen bei älteren Männern erkannt. Später ergaben sich ähnliche Zahlen für das Rotenburger Stadtgebiet. Alle 6978 Einwohner Bothels über 16 Jahren bekamen daraufhin einen Fragebogen vom Gesundheitsamt zugeschickt. Die 4555 Rückmeldungen wurden ausgewertet, schließlich 360 Betroffene und Angehörige persönlich befragt. Am Ende blieb eine Stichprobe von 37 Erkrankten, aus deren Lebensläufen die Behörden Gemeinsamkeiten ermitteln wollten.

Für viele Kritiker der Erdgasförderung war schonin den langen Monaten des Wartens auf die Ergebnisse klar: Wenn der Nachweis für die Gefahren durch Fracking und Co. nicht erbracht wird, taugt die Untersuchung nichts. Jetzt ist nur klar: Es bleibt vage. 

Industrie- und Gewerbequellen unauffällig 

Im Kern hat das federführende Landesgesundheitsamt festgestellt: „Während sich die möglichen Industrie- und Gewerbequellen insgesamt unauffällig darstellten, zeigte die räumliche Nähe des Wohnortes zu Bohrschlammgruben einen Hinweis auf einen möglichen Zusammenhang.“ Auffällig sei zudem „eine leichte Tendenz“ in der Berufsgeschichte zu betroffenen Männer in der holzverarbeitenden Industrie – bei der Vielzahl der entsprechenden Betriebe in der Samtgemeinde aber vermutlich kein Wunder. Allerdings sei nicht klar, welche Wirkstoffe den Krebs ausgelöst haben könnten und auch nicht, wie die Schadstoffe an die Menschen gelangt sind. Zudem sei rätselhaft, warum nur Männer betroffen sind.

Bohrschlammgruben also. Das Gesundheitsamt spricht von drei relevanten, die im Gebiet Bothel liegen. Kreisweit sind es mehr als hundert, niedersachsenweit geht das Landesbergamt von mindestens 500 aus. Auch in der Region hatte die seit Jahrzehnten in der Region emsige Erdgas- und Erdölindustrie ihre „Abfälle“ – Stein, Sand, Matsch und „Produktionsreste“ – in ungeschützte Gruben gekippt. Erst 2014 war dieses Gebaren ins öffentliche Blickfeld geraten mit Berichten über Rückstande an der Bohrstelle „Kallmoor Z1“ nördlich von Stemmen. Mittlerweile läuft ein landesweites Untersuchungsprogramm. Folgemaßnahmen: bislang Fehlanzeige.

Landrat Hermann Luttmann sieht nach der Auswertung der Ergebnisse keinen Handlungsbedarf für den Landkreis. - Fotos: Menker

Und auch jetzt sieht Landrat Hermann Luttmann (CDU) lokal keinen Handlungsbedarf. „Wenn sie jetzt anfangen, dort zu rühren, wird die Gefahr noch größer.“ Zunächst einmal sei das Gesundheitsministerium in der Pflicht. Das ist jetzt nämlich vom Landesgesundheitsamt aufgefordert, eine größere Studie anzuschieben. „Das Ergebnis dieser Auswertung sollte mit weiteren Untersuchungen detaillierter bearbeitet werden. Dabei wäre auch eine deutliche Ausweitung des Untersuchungsgebietes auf im Idealfall alle Regionen mit Bohrschlammgruben zu diskutieren, um eine möglichst große Datenbasis für vertiefende epidemiologische Auswertungen zu erhalten“, heißt es in der offiziellen Pressemitteilung. 

Gesundheitsamtsleiter Frank Stümpel

Michael Hoopmann, Umweltepidemiologe des Landesgesundheitsamts, kann die nun aller Voraussicht nach folgende Kritik an den Befragungsergebnissen verstehen: „Die Leute haben mehr erwartet.“ Dabei habe man doch wenigstens ein „Signal“, um vertiefend arbeiten zu können. Landrat Luttmann ist selbst nicht glücklich mit dem Resultat: „Es ist mir nicht konkret genug.“ Für Gesundheitsamtsleiter Frank Stümpel ergibt sich „kein schlüssiges Bild“. Antworten? Gibt es noch nicht. Damit gelte aber auch: „Dies ist kein Beweis für irgendwas.“

Donnerstagabend deuteten sich zumindest positive Signale an, dass das Ministerium in Hannover im Wahlkampfjahr 2017 schnell handeln will für die erweiterte Studie. Wann allerdings die Menschen vor Ort besser vor den Gefahren von Benzol, Quecksilber und Co. geschützt werden, blieb offen.

Ein Kommentar zu diesem Thema

Sprechen und Handeln. Jetzt! - Von Michael Krüger

Michael Krüger 

Man muss nicht den ewigen Faust zitieren, um klar zu machen: Nichts Genaues weiß man nicht. Zwei Jahre lang wartet die Region auf Ergebnisse aus den Befragungen Betroffener, und dann das. Es ist ein Ergebnis, das viele Beobachter befürchtet hatten. Denn nun dürfte die Diskussion um die Gefährlichkeit der Erdgasförderung mit gesteigerter Vehemenz geführt werden. Kritiker werden das Untersuchungsdesign anzweifeln und wegen der Unklarheit Argumente bezüglich der Giftstoffe in der Umwelt nach vorne schieben. 

Auf der Gegenseite fühlen sich die Konzerne bestätigt. „ExxonMobil“ ließ Donnerstagabend, während die Versammlung im Kreishaus noch lief, mitteilen, dass nun ja nachgewiesen sei, dass die Erdgasförderung nicht Ursache der Krebserkrankungen ist. Mehr noch sogar, man erdreistet sich zum Satz: „Dass historische Bohrschlammgruben als mögliche Ursache in Betracht kommen, schließen wir aus.“ Soviel zum Thema Gesprächsbereitschaft. Immerhin sagt der Landrat, der aktuell keinen Handlungsbedarf sieht vor Ort: „Wir machen weiter.“ Man möchte ergänzen: Bitte auf allen Seiten das Tempo erhöhen! Die ewige Ungewissheit, die weitere Studien und das Gerangel um Zuständigkeiten befüttern, verhöhnt die Betroffenen.

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