Heinz-Hermann Bendig hat 135 500 Stifte in seiner Wohnung und„weiß nicht warum“

Von jedem Kuli nur ein Exemplar

Der Däne Finn Sørensen gilt mit 400 000 Schreibern als Sammler-Weltmeister. Er war auch bei der Tauschbörse in Hemslingen dabei.

Brockel - Von Wieland Bonath. Ein Hobby, eine Leidenschaft, eine verrückte und faszinierende Idee: Heinz-Hermann Bendig (66) und seine Kugelschreiber. Der Berufsberater, seit wenigen Wochen im Ruhestand, sammelt seit 16 Jahren Kulis. Rund 135 500 dieser Minenschreibgeräte hat er – in blauen, gelben, roten und orangefarbenen Kunststoffkisten akkurat geordnet – in seiner Wohnung gestapelt. Mehrere Räume, den Flur und sogar einen Teil des Kellers hat Bendig für seine Kulis reserviert.

Der 66-jährige Brockeler ist im Kreis Rotenburg das einzige Mitglied im Club der Kugelschreibersammler Deutschlands. Das sind insgesamt rund 80 Frauen und Männer aus allen Teilen der Republik, die in ihrer Freizeit keine Briefmarken sammeln, sondern sich diesem Ehrgeiz verschrieben haben: Kulis, Kulis und noch einmal Kulis – aber makellos und technisch intakt müssen die Sammlerobjekte sein. Und auch dies ist wichtig: Die Kulis müssen Werbeträger mit einem entsprechenden Aufdruck sein. Eine Mine gehört selbstverständlich ebenfalls ins Gehäuse, allerdings muss man nicht mit ihr schreiben können, weil die Tintenpaste ohnehin mit der Zeit eintrocknet.

Heinz-Hermann Bendig und die Kugelschreiber. Alles fing ganz normal an: „Ein, zwei Kulis“, erinnert er sich, „hatte ich immer dabei. Genau wie mein inzwischen gestorbener Vater Heinz Bendig.“

Heinz-Hermann Bendig aus Brockel vor seiner Riesen-Sammlung von Kugelschreibern. - Fotos: Bonath

Sohn Heinz-Hermann machte am Rotenburger Ratsgymnasium das Abitur, ging dann zwei Jahre als Soldat zur Luftwaffe in Uetersen und nahm nach der Bundeswehr das Studium in den Fächern Mathematik und Sport auf, um Realschullehrer zu werden. Als nach dem Referendariat in Rotenburg jedoch freie Lehrerstellen fehlten, wechselte Bendig zum Arbeitsamt der Kreisstadt, der heutigen Agentur für Arbeit. Nach einer ergänzenden Ausbildung war Heinz-Hermann Bendig zunächst für zehn Jahre in Syke als Arbeitsvermittler und Berufsberater tätig. 1993 wechselte er zum Arbeitsamt Rotenburg. Am 1. November dieses Jahres wurde er in den Ruhestand verabschiedet.

Der Pensionär erinnert sich an die Teeparty im Keller der Rotenburger Agentur: „Meine Kollegen haben mich überrascht. Ich war beeindruckt, begeistert und teilweise bewegt von den vielen guten Wünsche und den zahlreichen Kugelschreiber, die ich anlässlich der Abschiedsfeier erhalten habe.“

Er selbst habe sich bei jedem Kollegen mit einem Kuli revanchiert, der den Aufdruck „Danke für bis 418 Monate – H.-H. Bendig (Heini)“. Jetzt im Ruhestand hat er noch mehr Zeit, um sich seinem Hobby zu widmen.

Wie ist er auf die Idee gekommen, ausgerechnet Kulis en masse zu sammeln? Der 66-Jährige: „Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird, die ich aber noch nie beantworten konnte. Einfach deshalb, weil ich es nicht weiß.“ Auslöser, vermutet Bendig, sei ein Freund in Syke gewesen. Der habe Zollstöcke gesammelt und daran habe er sich hin und wieder beteiligt. Das, so Bendig, könne ihn selbst zum Kulisammeln gebracht haben.

Schreibt sogar: Bendig hat den Kugelschreiber im Sportwagenformat von Freunden bekommen.

Wie auch immer: Inzwischen hat sich bei vielen, bei Freunden und Bekannten in der 1 400-Einwohner-Gemeinde Brockel, bei Firmen, in Büros, Praxen und unter Mitarbeitern von Geschäften herumgesprochen: „Der Herr Bendig hat ja ein ausgefallenes Hobby, vielleicht kann er noch Kulis von uns für seine Sammlung gebrauchen“.

Bendig geht in einen Nebenraum und holt eine Plastiktüte mit einer Handvoll Kulis: „Hier, die lagen heute wieder einmal vor meiner Haustür. Ohne Absender, einfach so. Dafür bin ich dankbar und freue mich. Schade nur, dass viele Spender ihren Namen nicht nennen, und ich mich deshalb nicht bei ihnen bedanken kann.“

Bendig, langjähriges SPD-Mitglied und ehemals Ratsherr in Brockel, möchte, dass auch seine Partei Teil seiner Sammlung wird. Er hat deshalb schon den Generalsekretär Lars Klingbeil aus Munster angesprochen und der habe ihm geantwortet: „Klar, melde dich noch einmal, dann bekommst du Kulis.“

Was sagen andere zu der Sammelleidenschaft des 66-Jährigen? Heinz-Hermann Bendig: „Einige schütteln den Kopf. Andere wiederum sammeln begeistert mit. Dieses Mitmachen anderer ist das Schöne.“ Freunde von ihm, so Bendig, hätten neulich auf Gran Canaria Urlaub gemacht und ihm einen besonderen Schreiber mitgebracht: Einen feuerroter Minisportwagen mit gummibereiften Rädern und einem spitzen Vorderteil als Mine. Mit diesem Automodell kann man sogar schreiben.

Kuriositäten hütet Bendig in besonderen Kästen. Aus dem „Kuli-Rahmen“ fallen beispielsweise jodelnde, leuchtende, sprechende oder blinkende Kulis. Es gibt überdimensionale Injektionsspritzen mit einer undefinierbaren rötlichen Flüssigkeit. Kuli-Gehäuse bestehen aus Kunststoff, Metall, Holz und Pappe. Der Erfinderreichtum ist unbegrenzt.

Apropos schreiben: Das Sammeln von Kulis führt nicht zwangsläufig dazu, dass die steigende elektronische Kommunikation gebremst wird. Auch bei Heinz-Hermann Bendig nicht. Vor wenigen Tagen hat er jedoch zum „klassischen Schreiber“ gegriffen und Sky, dem Bezahlfernsehen, gekündigt. „Weil dort“, kritisiert Bendig, „zu viel Werbung gebracht wird.“

Als wir den 66-Jährigen in Brockel besuchen, ist er dabei, unter seinen Kuliheerscharen Inventur zu machen, wie in der Regel zweimal jährlich. Dabei werden fehlerhafte, zerkratzte und beschädigte Kugelschreiber aussortiert. Ebenso Dubletten, denn grundsätzliches Sammlerziel ist: Von jedem Kugelschreiber nur ein Exemplar!

Sammler, die eine Inflation gleicher Kulis in ihrer Sammlung vermeiden wollen, besuchen die Tauschbörsen. Die 49. Börse fand im Oktober im Landgasthaus Meyer in Hemslingen statt. Zum dritten Mal wurde die Börse von Heinz-Hermann Bendig organisiert. Die Sammler, die sich als „große Familie“ fühlen, kamen aus allen Teilen Deutschlands und von Clubs aus den Niederlanden und Dänemark.

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