Interview mit Hemslingens Ortsbrandmeister Torsten Lindhorst / Mehr als nur Brände löschen

„Das Modell der Freiwilligen hat Bestand“

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Torsten Lindhorst ist seit 1998 Ortsbrandmeister der Feuerwehr Hemslingen.

Hemslingen-Söhlingen - Von Ulf Buschmann. Nachwuchsprobleme gibt es in vielen Vereinen. Da bleiben auch die Freiwilligen Feuerwehren nicht verschont. Eine Lösung: Zusammenschlüsse. Torsten Lindhorst ist seit 1998 Ortsbrandmeister von Hemslingen-Söhlingen. Mit ihm sprachen wir über den Zusammenschluss zweier ehemals eigenständiger Feuerwehren, ihre Aufgaben und ihre soziale Integrationsfunktion.

Herr Lindhorst, wie ist die Vereinigung der beiden Wehren von Hemslingen und Söhlingen gelaufen?

Torsten Lindhorst: Die Zusammenlegung ist sehr gut und vor allem sehr ruhig abgelaufen. Das war ja von beiden Wehren gewünscht und wurde durch die Mitgliederversammlungen jeweils einstimmig beschlossen worden.

Von wem ging die Initiative aus?

Lindhorst: Von den Söhlinger Kameraden. Sie hatten gemerkt, dass sie ihre Einsatzsollstärke von 18 Mann nach dem Brandschutzgesetz nicht mehr erfüllen, traten an den Gemeindebrandmeister und die Samtgemeinde heran und erklärten, dass sie eine Vereinigung mit Hemslingen anstreben würden.

Wie sehen Sie die Wehr zurzeit allgemein aufgestellt?

Lindhorst: Sehr gut. Wir haben gut 75 Aktive, es ist keiner aus Söhlingen ausgetreten und die Gruppen sind alle integriert. Es gibt jetzt nur noch eine Gruppe mit älteren Söhlinger Kameraden.

Sind genug Aktive da, um alle Funktionen zu besetzen?

Lindhorst: Ja, auf jeden Fall. Es sind im Kommando alle Funktionen besetzt. Die Söhlinger haben sogar freiwillig auf einige Funktionen verzichtet. Wir haben noch einen Söhlinger Gerätewart, der sich um das Fahrzeug kümmert, das die Söhlinger mit eingebracht haben. Es ist unser Tragkraftspritzenfahrzeug, das TSF.

Wie sieht Ihre Einsatzstruktur aus? Werden Sie wie viele Wehren inzwischen mehr zur technischen Hilfeleistung gerufen oder dominiert noch die Brandbekämpfung?

Lindhorst: Im vergangenen Jahr hatten wir nur einen Brandeinsatz als nachbarschaftliche Löschhilfe in Brockel. Der Rest war technische Hilfeleistung, allerdings ohne Unfälle. Es ging um die Beseitigung von Ölspuren oder wir mussten auf die Straße gefallene Bäume zur Seite räumen.

Hemslingen-Söhlingen ist ja eine Stützpunkt-Feuerwehr. Hat sich dieser abgestufte Aufbau – Ortsfeuerwehr mit Grundausstattung, Stützpunkt-Wehr und Schwerpunkt-Feuerwehr – aus Ihrer Sicht bewährt?

Lindhorst: Ja. Die Strukturen sind in der Gemeinde und im Landkreis vorhanden. Entsprechend sehen die Alarm- und Ausrückeordnungen aus. Wenn eine Ortswehr alarmiert wird, kommen immer die Kameraden einer Stützpunkt-Wehr dazu. Tagsüber werden sogar zwei Stützpunkt-Feuerwehren alarmiert.

Schaffen Sie es noch, bei einer Tagesalarmierung die vorgeschriebenen acht Leute für eine Löschgruppe zusammen zu bekommen?

Lindhorst: Es gibt immer mal schlechte Tage, aber wir bekommen immer noch acht bis zehn Leute tagsüber zusammen. Bei unseren letzten Einsätzen waren es um die 15 Kameraden.

Schaffen Sie es, ortsnah zu besetzen? Oder haben Ihre Kameraden inzwischen weitere Anfahrtswege von der Arbeitsstelle zum Gerätehaus?

Lindhorst: Wir haben in Hemslingen und Söhlingen noch relativ viele landwirtschaftliche Höfe, auf denen es auch Junglandwirte gibt. Sie sind Mitglieder unserer Wehr, wodurch wir einen Teil unserer notwendigen Einsatzkräfte generieren können. Der Rest kommt von ihren Arbeitsstellen um Umkreis von zehn bis zwölf Kilometern.

Wie schnell schaffen Sie es, das erste Fahrzeug auf die Straße zu bringen?

Lindhorst: Wir sollten etwa nach sieben Minuten ausgerückt sein. Das Tanklöschfahrzeug schafft es mit drei Mann locker.

Schauen wir mal auf das Geld. Sie haben einen Fahrzeugpark, der gut in Schuss ist. Wo muss in den kommenden Jahren investiert werden?

Lindhorst: In der Ortsfeuerwehr Hemslingen-Söhlingen so gut wie gar nicht. Unser Hilfeleistungslöschfahrzeug, das HLF, ist 2013 angeschafft worden, das Tanklöschfahrzeug ist Baujahr 1992. Es ist ein Unimog und so gut wie unzerstörbar. 30 Jahre Nutzungsdauer sind bei diesem Fahrzeug kein Problem. Und das ehemalige Söhlinger Fahrzeug ist Baujahr 1998, also auch noch relativ jung. An unserem Fuhrpark sind höchsten routinemäßige Instandsetzungarbeiten und Reparaturen notwendig. Selbst unsere Pumpen, die ja immer ein empfindlicher Punkt der Ausrüstung sind, sind gut in Schuss. Wir haben mit unserem HLF eine neue Tragkraftspritze bekommen. Und die auf dem TSF ist auch aus dem Jahr 2000. Anders sieht es mit den Investitionen auf Samtgemeindeebene aus. Für Kirchwalsede ist in diesem Jahr ein HLF geplant, und der Neubau des Feuerwehrhauses Westerwalsede wird angeschoben. Außerdem ist vom Gemeindekommando ein Investitionsplan erstellt worden. Aus ihm geht hervor, welche Fahrzeuge abgängig sein könnten, sodass die Samtgemeinde planen kann. Es gibt keinen Investitionsstau.

Thema soziale Integrationsfunktion: Die Region Hemslingen, Söhlingen und Brockel ist ein dünn besiedeltes Gebiet. Welche Funktion übernehmen Sie als Wehr? Wo bringen Sie sich in die Dorfgemeinschaft ein?

Lindhorst: Wir bringen uns seit vielen Jahren ins Dorfleben ein; zum Beispiel bei den Schützenfesten und beim Kinderferienprogramm. Wir gestalten in den Sommerferien Tagesprogramme. Wir bieten auch unserer Grundschule Besuchstermine an. Und wir überlegen, welche Veranstaltungen wir mit den anderen Vereinen auf die Beine stellen können.

Ist es schwerer als zu Beginn Ihrer Amtszeit, Menschen für den Dienst in der Feuerwehr zu gewinnen?

Lindhorst: Ja, das ist es. Es hängt mit sicherlich viel mit dem Berufsleben zusammen. Die Menschen sind viel eingespannter. Wir stellen das besonders bei Lehrgängen fest. Der eine andere Kamerad muss kurzfristig seine Teilnahme absagen, weil der Chef meint, er sei im Betrieb wichtiger. Gerade bei kleinen Betrieben ist es häufiger schwierig, bei größeren ab 100 Mitarbeitern fällt es nicht so ins Gewicht.

Wie ist das Verhältnis zu den Arbeitgebern? Gibt es bei Ihnen in der Wehr Chefs, die murren, wenn sich einer zu einem Einsatz abmeldet?

Lindhorst: Bei Einsätzen ist es nicht so das Problem. Aber wenn wir beispielsweise in die Kreisbereitschaft integriert sind und zum Hochwassereinsatz an die Elbe müssen, was durchaus öfter vorkommt, gibt es schon Probleme, dass wir nicht die Einsatz-Sollstärke von neun Mann erfüllen können. Die Alarmierungen erfolgen im Rahmen der Kreisbereitschaft recht kurzfristig. Da fehlen die Vorlaufzeiten.

Wo sehen Sie die Feuerwehr in fünf Jahren?

Lindhorst: In fünf Jahren stehen wir noch ähnlich gut da wie jetzt, weil unser Durchschnittsalter mit 38 Jahren relativ niedrig ist. Unsere Kameraden sind alle sesshaft, sprich: Sie haben hier ein Haus gekauft oder gebaut. Und wir leisten eine gute Arbeit in der Jugendfeuerwehr. Dort sehe ich großes Potenzial. Von dort beziehen wir zu 60 Prozent unseren Nachwuchs.

Wo sehen Sie denn die Jugendfeuerwehr in fünf Jahren? Sie ist ja auch ein wichtiger Teil der örtlichen Jugendarbeit.

Lindhorst: In fünf Jahren steht die Jugendarbeit fast besser als jetzt da. Wir haben ins Hemslingen sehr geburtenstarke Jahrgänge. Die Kinder sind jetzt fünf oder sechs Jahre alt und können ab zehn Jahren in der Jugendfeuerwehr mitmachen.

Glauben Sie, dass das Modell der Freiwilligen Feuerwehren in den kommenden Bestand haben wird oder wird man auf andere Modell wie hauptamtliche Brandwachen zurückgreifen müssen?

Lindhorst: Die Freiwilligen werden weiter bestehen bleiben, aber es kommt bei der einen oder anderen Wehr sicherlich zu Zusammenlegungen kommen, wie wir es hinter uns haben. Innerhalb der Samtgemeinde glaube ich es nicht, doch im Landkreis oder auf Landesebene kann ich es mir vorstellen.

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