Auswandern mit Kindern

Mit gemischten Gefühlen auf nach Norwegen

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Melanie Stolpe wandert mit ihren Töchtern Samah (l.) und Sophia nach Norwegen aus. Der Hund kommt auch mit, aber ihr Sohn Justin hat sich entschieden, in Deutschland zu bleiben.

Seit 1994 lebt Melanie Stolpe in der Samtgemeinde Bothel. Jetzt packt sie ihre Sachen. Zusammen mit ihren beiden Töchtern Samah (11) und Sophia (5) wandert sie nach Norwegen aus. Für den 5. August hat sie zu einer Abschiedsparty eingeladen, am Tag darauf stehen zwei Kleinlaster vor der Tür. Seit drei Monaten steht der Entschluss fest – Zeit genug, sich mit dem Gedanken anzufreunden, die geliebte Umgebung zu verlassen. Doch leicht fällt es der 41-Jährigen nicht.

Bothel – „Um Gottes willen“, platzt es aus Melanie Stolpe heraus. Nein, beim Fernsehsender Vox hat sie nicht angerufen. Und das, obwohl dieser bekanntlich großes Interesse an Menschen hat, die Deutschland den Rücken kehren. Aber ganz so, wie es auch in der Sendereihe „Goodbye Deutschland“ üblich ist, wollte sie für das Foto eigentlich eine Norwegen-Flagge bereitlegen. „Ich kann sie aber nicht finden“, sagt sie, um sich gleich danach für das „Chaos“ im Haus zu entschuldigen. Die Vorbereitungen laufen schließlich. Da gibt es viel zu tun und zu organisieren. Ein Teil der Möbel befindet sich bereits auf dem Weg nach Oppdal – das kleine Städtchen, das etwa 120 Kilometer südlich von Trondheim liegt. Mit dem Auto geht es zunächst ins norddänische Hirtshals, von dort aus dann mit der Fähre weiter nach Südnorwegen. Dann folgen weitere 600 Kilometer im Auto, bis die drei Damen ihr neues Zuhause erreichen. „Ein bisschen“, antwortet Samah auf die Frage, ob sie sich freut. Vor wenigen Tagen waren sieben Freundinnen bei ihr zu Hause – sie haben Abschied gefeiert.

Dieser fällt schwer. Melanie Stolpe tröstet sich ein wenig damit, dass es vielleicht besser ist, Bothel zu verlassen. Seit fast fünf Jahren ist bekannt, dass in der Samtgemeinde die Krebsraten höher sind als normal. „Das ist echt ein Thema in meinem Freundes- und Bekanntenkreis. Da gibt es einige Betroffene.“ Auch die Großeltern von Samah und ihrem älteren Bruder Justin sind daran erkrankt. „Wir trinken kein Leitungswasser mehr“, sagt Melanie Stolpe. Sie spricht von der Angst, die sich in vielen Teilen Bothels breitgemacht habe. Auch andere würden den Ort gerne verlassen, „aber man kann sich seinen Hof ja nicht einfach unter den Arm klemmen und gehen“, erklärt sie.

Das Thema ist allerdings nicht der Grund für die Auswanderung. Es ist die Liebe. Henry kennt sie schon seit ihrer Jugend in Mecklenburg-Vorpommern. „Wir waren auch mal ein Paar.“ Geheiratet hat sie später aber einen anderen Mann. Die Beziehung hielt nicht, seit sieben Jahren lebt Melanie Stolpe mit ihren Kindern in einem gemieteten Haus. Inzwischen ist sie wieder mit Henry zusammen, der auch der Vater von Sophia ist. Der lebt mittlerweile seit 15 Jahren in Norwegen. „Er ist Zimmermann, war vier Jahre auf Wanderschaft und ist dann in Norwegen hängen geblieben.“ Er hat dort einen guten Job, ein Haus und Platz für die Familie. Der 16-jährige Sohn Justin bleibt aber hier, zieht wieder bei seinem Vater ein. Die Schule, die Freunde und die enge Bindung zu seinen kranken Großeltern – da passt das mit der Auswanderung für ihn zurzeit nicht, sagt er.

„Norwegen ist einfach geil“, sagt Melanie Stolpe bei dem Gedanken an ihren neuen Lebensabschnitt. Sechs Mal schon ist sie dort gewesen. „Die Menschen sind total entspannt, da liegt nicht dieser Stress in der Luft, wie wir ihn hier kennen.“ Sie freue sich auf ein „wunderschönes Land“ und darauf, im Winter wirklich Schnee vor der Tür zu haben. „Wir leben dort im Gebirge, das Klima ist rauer als hier.“ Doch zunächst zieht sie auf eine Baustelle, denn ihr Freund richtet das Haus her. Und wenn das fertig ist, sollen kleine Ferienhäuser auf dem Grundstück entstehen. „Die Vermietung soll ein weiteres Standbein werden.“ Bis dahin wird die 41-Jährige erst einmal versuchen, als Hundefrisörin Fuß zu fassen. Sie will zu Hause einen Salon einrichten, aber auch die Kunden aufsuchen. Hunde gebe es dort genug, einen Hundefrisör habe sie allerdings in der näheren Umgebung nicht finden können. Das klingt nach guten Voraussetzungen. Melanie Stolpe ist optimistisch.

Aber da wäre noch die Sache mit der Sprache. „Ich habe ein Programm zum Norwegisch lernen auf dem Computer, aber ich komme einfach nicht dazu“, sagt die dreifache Mutter ein wenig schmunzelnd, aber ganz entspannt. Sie mache sich keinen Stress. Ganz so, als wollte sie sich schon der Lebensweise der Norweger anpassen, von denen sie sagt, die seien wesentlich weniger perfektionistisch. Das Leben dort sei ohnehin wesentlich einfacher und überschaubarer. Da klingt die Vorfreude durch.

Skitourismus und Landwirtschaft

Die Gemeinde Oppdal gehört zu der mittelnorwegischen Provinz Tröndelag und liegt am Fuße des Gebirgszuges Dovrefjell. Die Menschen leben vor allem vom Skitourismus sowie von der Landwirtschaft. Das Klima gilt selbst für norwegische Verhältnisse als rau. In der Kommune sind mehr als 40.000 Schafe anzutreffen. Melanie Stolpe will sich als Hundefrisörin selbstständig machen. Ihr Lebensgefährte Henry verdient sein Geld als Zimmermann. Sie planen, auf ihrem Grundstück Ferienwohnungen zu errichten.  men

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