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Freier in den Hinterhalt gelockt: 23-Jährige verurteilt

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Von: Wiebke Bruns

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Ein altes Backsteingebäude. Davor ein Schild „Landgericht“.
Zwei 23-Jährige müssen sich wegen besonders schweren Raubs vor dem Landgericht verantworten. © dpa

Eine 23-Jährige wurde wegen schweren Raubes verurteilt. Sie und ein Komplize hatten im Internet Sex gegen Geld angeboten und Freier zum Botheler Friedhof gelockt. Dort bekamen die Männer Schläge statt Geschlechtsverkehr.

Update vom 14. Dezember: Fünfeinhalb Jahre Haft lautet das gestern Mittag verkündete Urteil in dem Verdener Landgerichtsprozess gegen eine 23 Jahre alte Angeklagte. Sie hat drei Männer in Bothel in eine Sex-Falle gelockt, um sie um den vereinbarten Preis für den Liebesdienst zu berauben. Einmal blieb es beim Versuch. In zwei anderen Fällen erbeuteten die Angeklagte und ihr Mittäter 700 und 300 Euro. Ihr Ex-Freund wird sich für diese Taten ab 20. Dezember vor Gericht verantworten müssen. Schuldig gesprochen wurde die Frau der besonders schweren räuberischen Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung sowie des besonders schweren Raubes in einem vollendeten und einem versuchten Fall.

„Es ist eines der Verfahren, die in Erinnerung blieben“, sagte Nikolai Sauer, Vorsitzender Richter. Den Geschädigten war Geschlechtsverkehr mit einer 16-Jährigen versprochen worden. Dies habe keinen der Männer abgehalten, diesen sexuellen Kontakt zu suchen, merkte der Vorsitzende an. Weil keine 16-Jährige beteiligt war, müssen sich die Männer nicht selbst vor Gericht verantworten.

Nach der Ankunft beim Friedhof in Bothel gab es Hiebe statt Liebe. Zur Überzeugung der Staatsanwaltschaft und nach Aussage der 23-Jährigen von ihrem damaligen Freund, der einen Teleskopschlagstock eingesetzt haben soll. „Wir nehmen Ihnen ab, dass sie überrascht von der Gewalthandlung waren. Aber sie haben in Kauf genommen, dass er gewalttätig werden könnte“, hielt der Vorsitzende der Frau vor. In einem Fall hatte der 23 Jahre alte Mann hinterher seine Jacke ausgezogen und sich als Helfer aufgespielt. Als „surreal, fast absurd“, bezeichnete dies der Vorsitzende.

Eine Tat wurde am 4. November 2020 verübt. Die anderen beiden Taten am nächsten Abend im Abstand von knapp vier Stunden. „Das ist dilettantisch oder unglaublich dreist“, stellte Sauer fest.

Originalmeldung vom 7. Dezember: Verden/Bothel – Eine Frau und ein Mann sind vor dem Landgericht Verden angeklagt, da sie drei Männer beraubt haben sollen. Dafür haben sie im November 2020 im Internet Geschlechtsverkehr gegen Bezahlung angeboten. Doch am vereinbarten Treffpunkt – dem Parkplatz des Friedhofs in Bothel – setzte es der Anklageschrift zufolge Schläge, um an das für den Liebesdienst vereinbarte Geld zu gelangen.

Am Landgericht sollte am Montag und Dienstag der Prozess gegen die beiden 23 Jahre alten Angeklagte starten, doch nur die Frau war erschienen.

Zwei Corona-Selbsttests mit jeweils positivem Ergebnis und eine daraufhin selbst verordnete häusliche Quarantäne dienten dem Mann als Entschuldigung. Gewonnen hat er damit nichts. Er wird sich in einem eigenen Prozess verantworten müssen. Seine damalige Freundin stellte sich dagegen dem unter anderem auf besonders schweren Raub lautenden Vorwurf. „Die drei Taten haben sich so ereignet“, erklärte ihre Verteidigerin und verwies auf die „Hintergründe“.

Ihr Freund habe sie zunächst für einen Überfall auf einen Getränkemarkt gewinnen wollen, schilderte die Angeklagte. Dies habe sie noch abgelehnt. Dann habe er den Vorschlag gemacht, eine ihrer Freundinnen auf den Strich zu schicken. Schließlich habe sie in die vorgeworfenen Taten in Bothel, wo das aus dem Ruhrgebiet stammende Paar damals gewohnt hat, eingewilligt. Erst im August zuvor seien sie zusammengekommen. Bereits im September sei er ihr gegenüber gewalttätig geworden. Kontakt zu ihrer Familie habe er ihr verboten und mit Gewaltandrohungen Druck aufgebaut. Ihr Freund sei immer bewaffnet gewesen, ob mit Messer, Schraubendreher oder Schlagstock.

Anfangs habe er „auf Verständnis gemacht“ und sie ihm deshalb anvertraut, als 14-Jährige vergewaltigt worden zu sein, berichtete die 23-Jährige unter Tränen. „Für ihn war klar: Wenn er so etwas macht, müsse er sich im Netz als minderjähriges Mädchen ausgeben. Und er wusste, dass er damit bei mir einen wunden Punkt getroffen hat“, sagte sie zu seinen Tatplänen. Niemals habe sie gewollt, dass jemand verletzt wird.

Es kam anders, wie die von ihr inhaltlich bestätigte Anklageschrift aufzeigt. Demzufolge wurde am 4. November 2020 der erste Freier, der nach eigener Aussage mit dem Auto seiner Ehefrau gekommen war, von einem schwarz gekleideten Mann auf die Rückbank gestoßen. Laut Anklage und Zeugenaussage folgten Schläge mit Schlagstock und Faust. „Er drohte an, die Fahrzeugscheiben zu entglasen“, verlas der Staatsanwalt. Daraufhin habe der Geschädigte 700 Euro ausgehändigt.

Am darauffolgenden Tag ein ähnlicher Ablauf: Da soll die Scheibe der Fahrertür eingeschlagen worden sein, woraufhin das Opfer sein Portemonnaie mit 300 Euro und Papieren herausgegeben habe. Bei der am selben Abend verübten dritten Tat blieb es beim Versuch, weil laut Anklage kein Geld erbeutet worden war. Aber es gab Gewalt und die angeklagte Frau setzte Pfefferspray ein. „Ich wollte den Kampf beenden. Stand unter Schock, weil ich so etwas noch nie gesehen hatte.“

Ihr damaliger Freund soll als gewaltbereiter Mixed-Martial-Arts-Kämpfer deutlich erfahrener sein. Der Prozess wird fortgesetzt.

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